Dr. Beat Richner Botschafter der Herzen

Jährlich rettet er 90 000 Leben. Im Buch «Ambassador» erzählt Dr. Beat Richner aus dem Alltag in seinen Spitälern in Kambodscha. Und von seiner Vergangenheit in Zürich. Wir publizieren exklusive Auszüge, ergänzt mit sehr persönlichen Gesprächen.

DIE ZUKUNFT SEINER SPITÄLER
«Was passiert, wenn Sie nicht mehr sind?», ist die Kernfrage der Funktionäre und sogenannten Experten. Sie selber tun und riskieren nichts, damit etwas geschieht. (…) Stellen wir uns doch die Frage einmal umgekehrt: Was passiert, wenn unsere Arbeit in den kambodschanischen Kinderspitälern nicht gemacht wird? Dann wird den Kindern, denen hier geholfen wird, nicht geholfen. Dann werden ihre humanitären Rechte in krassester Art verletzt. Denn zu unserer Arbeit gibt es keine Alternative. (…) Die Frage, was passiert, wenn ich nicht mehr bin, bedeutet auch, dass der Fragende die ganze Verantwortung für das Überleben der Kinder auf mich abschiebt.

Herr Dr. Richner, wo liegen die Probleme, wenn Sie selber nicht mehr vor Ort sind?
Dr. Beat Richner: In meinen Spitälern bin ich der Hüttenwart, der für Disziplin und Hygiene sorgt. Und der Polizist, der gegen die Korruption kämpft. Viele kambodschanische Mitarbeiter helfen mir zwar dabei, aber in den nächsten zehn Jahren können sie das noch nicht alleine tun.

Was bedeutet für Sie «nachhaltig»?
Für mich ist entscheidend, ob die Kinder geheilt sind – dieses Ziel erreichen wir seit 17 Jahren. Die Nachhaltigkeit der Institution jedoch hängt von den Finanzen ab, für die wir betteln.  Und die abgeschobene Verantwortung? Sie schafft in mir eine Bitterkeit, die ich täglich bekämpfen muss. Auch mit Cellospielen.

SEIN AUFTRITT 1967 IM ZÜRCHER KUNSTHAUS ALS BEATOCELLO
In einer Parodie auf das Zürcher Sechseläuten spielte ich einen Zünftler und schwenkte dabei einen schwarzen Hut. Es war der Hut, den mein Vater am Vortag vergeblich gesucht hatte, weil er ihn für eine Beerdigung tragen wollte. Nun, das Begräbnis musste ohne Hut stattfinden. Als meine Mutter jetzt diesen Hut, das Objekt des grossen Ärgers vom Vortag, auf der Bühne sah, brach sie in einen Lachkrampf aus. Dieses Lachen amüsierte und steckte den ganzen Saal an; die ganze Nummer wurde komisch, bevor ich sie überhaupt begann.

Hätten Sie damals gedacht, dass das Cello plötzlich Ihr Geldeintreiber wird?
Niemals!

Sie studierten Medizin, nicht Musik.Haben Sie diesen Entscheid mal bereut?
Nein. Ich würde auch in meinem nächsten Leben wieder als Kinderarzt arbeiten. Mich fasziniert die Medizin und die Suche nach der Diagnose. Die Probleme der Kinder sind ein Spiegel unserer Gesellschaft. Es ist bedeutend, den Leidensdruck von Mutter und Kind zu lindern sowie weiteres Ungemach zu verhindern. Dieser Grundsatz gilt in der Schweiz und in Kambodscha.

Welche Künste möchten Sie beherrschen?
Ich bin vollauf zufrieden mit denen, die ich kann.

GEDANKEN AN SEINE KINDHEIT IN ZÜRICH
Als ich vier Jahr alt war – ich erinnere mich genau –, fuhr ich mit meiner Mutter im Tram Nummer 10 in Zürich. Nach der Haltestelle Stockerstrasse sagte eine Frau im Abteil nebenan mit einem Blick auf mich: «Um Himmels willen hat das Kind einen grossen Kopf.» Meine Mutter war fassungslos, doch ich sagte zu dieser Frau: «Dumme Kuh, ich habe eine grosse ‹Dänki›.» Im Tram wurde es ganz ruhig, dann lachten alle. Zugegeben: Mein Kopf war damals etwas gross, besonders im Vergleich zu meinem kleinen Körperwuchs und zum Bauch. Mittlerweile hat sich das Verhältnis ausgeglichen – der Bauch ist grösser…

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen aus der Kindheit?
Ich denke oft zurück an unsere Sommerferien im Glarnerland, oberhalb von Elm. Vis-à-vis sah man das Martinsloch, den ältesten Alpentunnel der Schweiz. Jeden Abend spazierte ich mit meinem Onkel, einem bedeutenden Theologieprofessor, zur Alphütte, um Milch zu holen.

Was haben Ihre Eltern Ihnen mit auf den Lebensweg gegeben, welche Werte haben sie Ihnen vermittelt?
Ich denke das Interesse und den Verantwortungssinn für Sachen, die sich jenseits des Gartenzauns abspielen.

ALS SECURITAS-NACHTWÄCHTER IM ZÜRCHER SEEFELD-QUARTIER
1966 Im Bellerive-Studio war der erste Kontrollgang um circa 22 Uhr. Es galt, verschiedene Stationen zu passieren: Da hing diskret ein Schlüssel. Den musste man in die Stempeluhr, die man (neben einem Gummiknüppel) mittrug, einführen. (…) Oft war beim ersten Durchgang die damals ungemein populäre Moderatorin Heidi Abel gerade dabei, ihrem Publikum in ihrer Livesendung «… und guet Nacht, liebs Publikum» zu sagen. Sie schnäuzte sich – sie war noch auf Sendung – und fragte mich nachher mehrmals, wie viele Sekunden des Schnäuzens man noch gesehen hatte.(…) Sie war in der Tat noch ganze 40 Sekunden auf Sendung. Ich selber habe die Sekunden nicht gezählt; es war die Regie, die die Zeit gestoppt hat, denn ich musste mich auch schnäuzen. Im Bellerive-Studio war stets Durchzug, aus allen Ecken blies der Wind. Nach dieser Schnäuzbekanntschaft haben wir oft miteinander gesprochen.

Sie arbeiteten während Ihres Studiums als Nachtwächter – mit was für Jobs haben Sie damals sonst noch Ihr Geld verdient?
Ich war auch mal Zeitungsverträger für das «Tagblatt der Stadt Zürich».

Früher bewachten Sie das Fernsehstudio, heute treten Sie manchmal selber im TV auf. Macht Sie das auch stolz?
Meinen letzten Fernsehauftritt als Beatocello hatte ich, bevor ich 1991 wieder nach Kambodscha ging. Das ist sehr lange her, und der Stolz ist in der Zwischenzeit längst verflossen.

Haben Sie eine Lieblingssendung, die Sie sich anschauen, wenn Sie in der Schweiz zu Besuch sind?
Da bin ich überfragt. Ich kenne die Sendungen des Schweizer Fernsehens nicht mehr.

DIE RUHE IN SEINEN FÜNF SPITÄLERN
Die Mütter sind bei ihren Kindern, 40 bis 80 in einem Saal. Sie sind ruhig, gelassen und diszipliniert. Es findet kein Feilschen und Schreien um ein Recht auf Behandlung statt. Alle wissen: Jedes Kind erhält die bestmögliche Behandlung kostenfrei. Jedes Kind erhält korrekte Medikamente. Die Mütter sagen, sie fühlen sich wie in einer Pagode. Diese Ruhe, dieses Vertrauen der Mutter in die Institution Kantha Bopha überträgt sich aufs Kind, diese Ruhe ist bedeutend für den Heilungsprozess. Ist die Mutter in Angst und Verzweiflung, fühlt sich auch das Kind verloren. Die Mutter ist 24 Stunden beim Kind.

Wie ist die Situation momentan in Ihren Spitälern in Kambodscha?
In Siem Reap nehmen die Patientenzahlen zu. Im Oktober haben wir dort insgesamt 5308 schwer kranke Kinder hospitalisiert – 1000 mehr als im Vorjahr. In der Maternité kamen 1452 Babys zur Welt, das sind 200 Geburten mehr als im Oktober 2008. In Phnom Penh bleiben die Zahlen hingegen stabil, dort brachten wir in einem Monat 6032 Kinder im Spital unter.

Haben Sie spezielle Pläne für das kommende Jahr?
Unsere Spitäler sind ein Modell und ein Vorbild für die arme Welt. Wir werden deshalb erneut einen Kurs durchführen und zeigen, wie solch ein Spital geplant, gebaut und geführt werden muss, um die weltbeste Kosten- Heilungs-Rate zu erzielen.

DER KARGE ALLTAG
Das Leben ist karg und einfach, das Leben – zumindest mein Leben hier. Einsiedlertum, auf weniges beschränkt, manchmal unglaublich schwer, manchmal auch sehr erbauend; es ist auf Wesentliches konzentriert. Die Ablenkungen der saturierten Welt fehlen, das macht dann manchmal Gespräche mit Menschen aus Europa oder Amerika quälend. Da werde ich manchmal auch ungerecht: Es gibt Sorgen von Westlern, die mich nicht mehr interessieren, sondern eher ärgern. Was ist wesentlich?

Waren Sie schon immer ein Einsiedler?
Tendenziell ja, aber nicht sehr ausgeprägt.

Was machen Sie, wenn die Einsamkeit unerträglich wird?
Dann lese ich.

Merken Sie, wenn Sie zu anderen ungerecht werden?
Ja. In den meisten Fällen merken es aber die Betroffenen nicht. Es geht ja oft auch nur um Nuancen. Und diese bemerken nur Überempfindliche, die so sind wie ich.

Ist ein Teil von Ihnen mittlerweile ein Asiat – oder sind Sie selber ein Westler geblieben?
Ich bin nach wie vor ein Zürcher.

RICHNERS SCHWARZE LISTE
Alle auf der schwarzen Liste aufgeführten Länder müsste man verpflichten können, wenigstens Geld zu zahlen, um den fortdauernden passiven Genozid der Kinder zu verhindern. Alles, was diese Länder in der Entwicklungshilfe machen, ist halbherzig – und letztlich wird doch nur daran gedacht, dass die Beträge «protektionistisch» wieder in die Länder zurückfliessen.

Sie klagen Frankreich, Japan, die USA, China, Vietnam und die Uno an, Schuld am Elend Kambodschas zu sein. Was verlangen Sie konkret von diesen Beteiligten?
Sie alle sollen als Entschädigung Geld geben, das in unsere Stiftung fliesst. Die kambodschanische Regierung zahlt ihren jährlichen Beitrag von 2 Millionen Dollar auch direkt an uns und nicht über die Ministerien – dort würden 90 Prozent der Gelder «verloren» gehen.

Unterstützt jemand Ihre Idee?
Ja, die amerikanische Botschafterin in Kambodscha.

Bei Ihren Forderungen gehts um Geld und Macht. Haben Sie nie Angst um Ihr Leben?
Nein, eigentlich nicht.

ÜBER SEINE REISEN NACH ZÜRICH UND DAS HEIMWEH
Ich muss regelmässig nach Zürich kommen, zweimal, dreimal pro Jahr – und jeden Tag, den ich länger hier bin, wächst die Versuchung, ganz hier zu bleiben. Darum verbringe ich stets nur eine kurze Zeit in der Schweiz, meist nur fünf Tage. Für immer hier bleiben, im Hotel Ambassador? Nein. Als Ambassador? Nein. Ganz gewöhnlich, mit Bratwurst am «Vorderen Sternen» und mit der kinderärztlichen Praxis, die ich vor 18 Jahren verlassen habe. (…) Ich könnte ja hier bleiben, aber erst, wenn Geld für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre bereitsteht.

Wer könnte Ihre Spitäler für zehn Jahre finanziell absichern?
Die Regierungen, die auf der schwarzen Liste stehen. Und jene Regierungen, die 1991 das Pariser Friedensabkommen unterzeichnet und sich verpflichtet haben zu helfen. Vor sechs Jahren fragte ich UBS und CS, ob sie anstelle von Alinghi und Sauber uns sponsern möchten – denn einige Reiche haben ihre Prioritäten wegen Kantha Bopha geändert. Für die Banken wäre das eine Chance gewesen, für die Kinder die Rettung. Doch man hat arrogant und ablehnend geantwortet. Jetzt frage ich halt die Economiesuisse.

Wie stellen Sie sich Ihren Ruhestand vor?
Ich denke schon, dass ich eines Tages in die Schweiz zurückkehre.

ÜBER EIN VERHÄNGNISVOLLES MITTAGSSCHLÄFCHEN
Ich fühle mich gut, nicht abgeschlagen wie so oft, zog mich um 12 Uhr in mein kleines Haus zurück, legte mich hin (der Tag beginnt für mich um 5 Uhr und ohne eine Siesta schaffe ich es nicht mehr) und hörte das hochfrequente, in den Zähnen schmerzende Summen der Mücken. Ich nahm den Insektenspray und sprühte ein paarmal, und nach kurzer Zeit wurde mir elend. Diesmal handelte es sich offenbar um eine Originalspraydose ohne die üblichen Verdünner, die überall beigemischt werden. Ich rief unseren Chefarzt an, da ich befürchtete, das Bewusstsein zu verlieren. Er kam, stellte die Diagnose und öffnete sofort alle Fenster und Türen. Ich bin offenbar ein starker Allergiker.

Erkrankten Sie selber in Kambodscha?
Ich hatte mal ein Dengue-Fieber, das war misslich. Und ich machte einige Grippli durch – diese waren aber meist psychisch bedingt.

Wo erhalten eigentlich die Erwachsenen in Kambodscha medizinische Hilfe?
Pro Tag überqueren 3000 Kambodschaner die Grenze, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Die Superreichen reisen nach Bangkok oder Singapur, die Mittelklasse verschuldet sich und geht nach Vietnam, für die Armen gibts praktisch nichts. Zudem fehlen wegen des Genozids alte Menschen im Land – ich gelte hier schon als sehr alt!

DER REISENDE ZWISCHEN ZWEI WELTEN
Das Cello fliegt stets auf dem Sitz neben mir. Das nimmt einem das Gefühl der Einsamkeit des Reisenden, sozusagen eine Schwester nicht der Land-, sondern der Luftstrasse. Kambodscha– Bangkok–Zürich. Zürich–Bangkok– Kambodscha. Die Flugbegleiter der Thai sind sehr zuvorkommend gegenüber meiner Begleiterin. «Sie haben es gut», sagte mir jüngst eine thailändische Airhostess, «Ihre Begleiterin plappert nicht während des ganzen Fluges. So können Sie sich ausruhen.»

Was ist das Schwierigste, wenn man zwischen Asien und Europa hin- und herpendelt?
Mich belastet vor allem die Müdigkeit, die wegen der Zeitverschiebung entsteht.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass wir bis kommenden März 250 Millionen Franken für die Kantha-Bopha-Spitäler zusammenhaben – somit wäre der Betrieb für die nächsten zehn Jahre gesichert. Und ich könnte nach 18 Jahren zum ersten Mal wieder aufschnaufen.

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