Miss Handicap 2012 Celine sieht alles doppelt

Seit einem Reitunfall ist Celine van Till schwer sehbehindert. Doch sie kämpft sich zurück ins Leben, steigt wieder aufs Pferd, obschon sie alles nur 2-D wahrnehmen kann. Die «Schweizer Illustrierte» hat die neue Miss Handicap zu Hause besucht.

Eigentlich sieht Celine van Till, 21, ganz gesund aus. Einzig ihre Augen schauen minim in verschiedene Richtungen. Doch die frisch gewählte Miss Handicap 2012 ist seit einem Reitunfall stark sehbehindert. Ihre Sehkraft ist um fünfzig Prozent reduziert, und was sie sieht, nimmt sie doppelt wahr. Als würde sie Scheuklappen tragen, erkennt sie ausserdem weder was links noch rechts von ihr passiert. Zur Begrüssung streckt Celine ihre Hand aus und versucht diejenige des Gastes zu ertasten. Dadurch, dass sie alles nur in 2-D wahrnimmt, fehlt ihr das Gefühl für Tiefen und Distanzen.

Wackligen, aber zielsicheren Schrittes führt sie dafür ins Haus. Je schneller sie läuft, desto gerader. «Aber das ist sehr anstrengend.» Wenn sie unkonzentriert ist, verändert sich ihr Gang. «Viele denken dann, ich sei betrunken. Dabei trinke ich keinen Alkohol.» Daheim in Gy GE, wo Celine mit Mutter Simone, 54, und Bruder Diederik, 19, lebt, kennt sie alle Hindernisse. Sie weiss, wo die Treppe in ihr Zimmer führt, wie weit der Esstisch von der Küche entfernt ist, wo die Hundedecke von Uno liegt. In fremder Umgebung achtet sie auf kleine Farbveränderungen, die ihr allfällige Hindernisse signalisieren könnten. Wird es neben der Strasse etwas dunkler, könnte es ein Trottoir sein. «Oft taste ich dann den Boden mit meinen Füssen ab.»

Sommer 2008: Während eines Trainings steigt Celines Pferd Zizz plötzlich in die Höhe. Anstatt auf allen vieren zu landen, lässt sich das Tier auf den Boden fallen und begräbt Celine unter sich. Celine wird an der linken Schädeldecke notoperiert und fällt danach für einen Monat ins Koma. Als sie wieder erwacht, kann sie weder sprechen, noch erkennt sie sich selbst, weil ihre Haare für die Operation abrasiert wurden. «Ich fragte jeden, ob ich ein Mädchen oder ein Junge sei.» Sie ist verzweifelt und droht depressiv zu werden. Ihre Mutter weiss, was ihrer Tochter fehlt: Nach vier Monaten lässt sie Celine wieder aufs Pferd sitzen, obwohl sie nicht einmal im Stehen ihr Gleichgewicht halten kann und im Rollstuhl sitzt. «Es war wie ein Traum, das Pferd wieder zu spüren. Das Band zwischen den Pferden und mir ist stark.»

«Pas à Pas» – Schritt für Schritt, wie der Titel ihres eigenen Buches heisst – kämpft sich Celine seither zurück ins Leben und in den Profisport. Die Paralympics 2016 in Rio sind ihr Ziel. Auf dem Rücken der Pferde, dort, wo sie schlimm verunglückte, soll auch weiterhin ihr Glück liegen.

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