Christian Stucki Er stellt den legendären Kuss nach - mit Sohn Xavier

Schwinger Christian Stucki hat nach dem Schlussgang des Eidgenössischen Schwingfests die Menschen bewegt. Mit Söhnchen Xavier kehrt er zurück an den Ort seiner bittersten Niederlage.

Im Spätsommer jubelten auf dem Gelände zwischen Emme und Vilbringewald 52'000 Menschen. Jetzt ist es ein leeres, eisiges Feld. Christian Stucki, 28, betritt es und hält dabei seinen neun Monate alten Sohn Xavier im Arm. Vor seinem geistigen Auge baut er den ersten Sonntag im September Bild für Bild noch einmal zusammen. «Hier ist die Tribüne gestanden, da drüben waren die Ringe.» Er erinnert sich gut an den Kampf zwischen ihm und Matthias Sempach, 27.

Sie ziehen, sie fallen. Die Menge hält den Atem an. Sempach drückt ihm die Schultern ins Sägemehl. Im Moment der Entscheidung, die für den einen den grössten Triumph und für den anderen die bitterste Niederlage bedeutet, lächeln beide. Am Boden liegend umarmen sie sich, Stucki klopft seinem Gegner auf den Rücken. Und als sie wieder stehen, nimmt er Sempachs Gesicht in seine Hände und drückt ihm einen Kuss auf den Kopf.

Es ist die fairste und schönste Geste des Jahres. Wo für die meisten eine Welt zusammenbricht, wo sich fast jeder wegwünschen würde, ist er der beste Verlierer, den man sich vorstellen kann. «Das kam in diesem Moment einfach so über mich», sagt Stucki. «Dass es die Leute so berühren würde, habe ich mir nicht ausmalen können.»

Das Bild von Burgdorf, das die Leute mit nach Hause nehmen, ist nicht das des Königs mit dem Muni, nicht die bekränzten Köpfe. Es sind die «Bösen» als gute Freunde. Wenn er die Leute so bewegt habe, dass sogar Journalisten wässrige Augen hatten, sagt Stucki, «dann ist das eine Genugtuung. Dafür muss ich mich nicht schämen.» Er erinnert sich, wie er als Bub ab und zu einen Schlussgang verlor und Tränen vergoss, «grännte wie verrückt». Und wie er beim Fussballspielen, beim Hornussen und beim Schwingen lernte, dass sich Siege und Niederlagen meist doch ausgleichen. Den Sempach Mättu kennt er schon seit seiner Kindheit. Missgunst gibt es zwischen den beiden nicht. «Natürlich tut es weh, wenn du verlierst. Aber es ist nur Sport. Es geht nicht um Leben und Tod.»

Seit er Familie hat, ist die Leidenschaft fürs Schwingen nicht kleiner geworden. Aber die Niederlagen haben ihren Schrecken verloren. «Der Sport dominiert nicht mehr alles», sagt er. Es gibt die Tage, wo sich der 28-Jährige etwas überwinden muss, die eine oder andere Trainingseinheit zu machen. Aber es passt für ihn. In drei Jahren wird er noch nicht zu alt sein, um nochmals einen Anlauf auf den Königstitel zu nehmen. Vielleicht den letzten.

Doch so lange warten muss er gar nicht, um vielleicht ein weiteres schönes Kapitel zu schreiben. 2014 ist er beim wichtigen Kilchberg-Schwinget, der nur alle sechs Jahre stattfindet, Titelverteidiger. Kann er dort den König Sempach vielleicht besiegen? «Klar», sagt er, «jeder kocht nur mit Wasser. Und jeder hat einen Rücken.»

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