Christian Stucki gewinnt Unspunnen-Schwinget Endlich siegt der König der Herzen

Schon lange ist Christian Stucki, 32, bei den Schwing-Begeisterten der König der Herzen. Nun hat der Berner 140-Kilogramm-Koloss endlich ein grosses Schwingfest gewonnen. Seine Söhne Xavier, 4, und Elia, 2, hingegen gehen lieber in die Badi, als ihrem Papi beim Kämpfen zuzuschauen.
Christian Stucki ist am Unspunnen-Schwinget der König der Herzen
© Keystone

Ein Kuss für den Sieger: Christian Stucki und seine Frau Cecile am Sonntag in Interlaken BE nach dem gewonnenen Schlussgang.

Diesmal gabs keinen Gratulationskuss auf den Kopf des Gegners. Sondern Ovationen der 15'000 Zuschauerinnen und Zuschauer in der Schwingarena von Interlaken BE: Seit seiner legendären Geste nach dem verlorenen Schlussgang beim Eidgenössischen 2013 in Burgdorf gegen Matthias Sempach ist Stucki Christian, 32, so etwas wie der König der Herzen im Schweizer Schwingsport. Doch seit heute ist Stucki endlich auch ein strahlender Sieger. Im finalen Kampf des Unspunnenfests in Interlaken besiegte der Berner 140-Kilo-Brocken am Sonntag seinen Verbandskollegen Curdin Orlik äusserst knapp vor Ablauf der Kampfzeit.

Zwar hatte Stucki vor neun Jahren bereits den Kilchberg Schwinget gewonnen. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung zählt das alle sechs Jahre stattfindende Unspunnen- Schwingfest doch mehr als der im Siebenjahre-Turnus ausgetragene Kilchberger. Und wohl keinem Schwinger der Schweiz fielen in jüngerer Vergangenheit derart viele Sympathien zu wie dem 1,98 Meter grossen Kämpfer aus dem Berner Seeland. Er, der oft genug unterschätzt wurde als Athlet, der einzig von seiner Masse lebt statt von schwingerischer Klasse. Dass dieses Urteil völlig falsch und Stucki auch technisch ein kompletter Schwinger ist, bewies er heute in Interlaken eindrücklich. Von seinen sechs Kämpfen gewann er fünf und stellte einzig gegen Sven Schurtenberger im vorletzten Gang, als auch er Anstrengung und Wärme langsam Tribut zollte.

Christian Stucki ist am Unspunnen-Schwinget der König der Herzen
© Kurt Reichenbach

Vater Willi gratuliert dem siegreichen Christian Stucki nach dem letzten Gang in Interlaken BE.

«Ich war mit meinen Kräften am Ende», bekannte Stucki nach dem Schlussgang. Vor lauter Erschöpfung konnte er sich nicht mal mehr genau erinnern, wie er seinen Gegner gebodigt hatte. «Vielleicht war es ein Sieg durch Anlehnen», sagte er in typischer Stucki-Manier. Doch die Konstellation, dass bei einem Unentschieden zwischen Orlik und ihm Joel Wicki aus Sörenberg den Festsieg geerbt hätte, verlieh Stucki nochmals letzte Energien. «Es wäre ziemlich dämlich gewesen, wenn zwei Berner im Schlussgang stellen und davon einen Innerschweizer hätten profitieren lassen.»

Der beste Schwinger der Saison und Favorit auf den Festsieg war alles andere als ein überraschender Sieger. Aber zu oft hatte Stucki in der Vergangenheit hohe Erwartungen nicht erfüllt, als er reif schien für den grossen Wurf. «Ich glaube, man kann nach dieser Saison meinen Sieg hier schon verdient nennen», antwortete er auf die entsprechende Frage.

Christian Stucki ist am Unspunnen-Schwinget der König der Herzen
© Keystone

Christian Stucki mit dem Siegerstier «Gottlieb», den er in Interlaken gewonnen hat.

Diesem Urteil stimmte auch der wegen seiner Unfall-Verletzung zum Zuschauen verurteilte Schwingerkönig Matthias Glarner zu. «Der Sieg heute spiegelt die bisherige Saison korrekt wider», sagte Glarner. «Und dass es am Ende von Stucki wie von Orlik keine glanzvolle Vorstellung mehr war, ist nur zu verständlich. Nach fünf Kämpfen ist keiner mehr frisch. Zuvor aber hat Chrigu sehr souverän geschwungen und dem hohen Erwartungsdruck Stand gehalten.» Glarner ordnet Stuckis Unspunnensieg umso höher ein, zumal er das Niveau des diesjährigen Fests als «sehr hoch» einschätzte.

Keine Unterstützung von den beiden Kindern

Der zweifache Familienvater Stucki kämpfte ohne den Support seiner Söhne Xavier, 4, und Elia, 2. Vielleicht war die Grossmama, bei der die Söhne den Sonntag verbrachten, mit ihnen ja in der Badi. Beim Eidgenössischen vor einem Jahr war Xavier die Tätigkeit des Papis im Sägemehl irgendwann verleidet, so dass er diesen vor laufenden Kameras fragte: «Choemmer endlich id Badi?» Es war ein weiterer Puzzlestein im Bild Christian Stuckis als grossem Publikumsliebling. 

Ehefrau Cécile dagegen fieberte mit Chrigus Eltern Daniela und Willy vor Ort mit. Vor lauter Nervosität tigerte Cécile dem Schwingplatz entlang. «Als der Schlussgang so lange dauerte, hielt ich es fast nicht mehr aus. Dafür waren die Erlösung und die Freude danach umso grösser», sagte Cécile nachdem sie ihren Chrigu erst rund zwei Stunden nach dem Schlussgang mit Freudentränen in den Augen in die Arme schliessen konnte.

Auch Curdin Orlik auf dem Weg zum Publikumsliebling

Ein Publikumsliebling wie Stucki könnte irgendwann auch Schlussgang-Gegner Curdin Orlik werden. Mit seiner offensiven Schwingweise sprang er überraschend in die Bresche für seinen eher den Favoriten zugeordneten Bruder Armon. Auch dies im übrigen eine der Besonderheiten des Unspunnen-Schwingets 2017: Weil Curdin Orlik im Kandertal wohnhaft ist, kämpft der Bündner für den Berner Verband, während sein jüngerer Bruder Armon die Farben des Nordostschweizer Teilverbandes vertritt. Doch dank Christian Stuckis überragendem Sieg von heute bleibt den Bernern erspart, einen Teil des zweitwichtigsten Schwingtitels ihren Konkurrenten aus dem Osten abzutreten.

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