Cinzia Zehnder, 17, lebt für den Fussball Die Profi-Kickerin über Titel, Träume und Training

Nach der Fussball-WM die Matura - und dann ab in die Bundesliga: Cinzia Zehnder vom FC Zürich gibt Vollgas. Dabei ist die Ostschweizerin erst 17 Jahre alt. Und damit das Küken an der kommenden Weltmeisterschaft im Juni in Kanada.

Sie fällt auf jedem Teamfoto auf: Mit ihren 1,83 Metern sticht Cinzia Zehnder aus der Masse heraus. Mittlerweile überragt die Kantonsschülerin aus Wil SG sogar Mutter Elisa, 53, und Vater Hubert, 57. «Probleme hatte ich wegen meiner Grösse aber eigentlich nie», sagt die Mittelfeldspielerin des FC Zürich (Schuhgrösse 43). Erst kürzlich jedoch wieder, bei der Anprobe der Kleider für die bevorstehende WM in Kanada, wurden ihr ihre aussergewöhnlichen Masse bewusst: «Die Hosen hatten Hochwasser, und die Ärmel reichten gerade so über die Ellbogen», erzählt die 17-Jährige und lacht.

An den siebten Frauen-Titelkämpfen wird die Ostschweizerin sicher auch zu den Grössten, vor allem aber zu den Jüngsten gehören! Seit gut einem Jahr figuriert Zehnder im Kader von Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Verletzt sie sich nicht, dürfte ihr ein Platz im Team für Kanada sicher sein. «Dabei habe ich nichts zur erfolgreichen Qualifikation beigetragen», so die fünffache Internationale bescheiden. Noch wird sie auch in der EM-Quali der U19 eingesetzt.

TEST-JAHR ALS FUSSBALLPROFI
Trainerin Voss-Tecklenburg ist vom Potenzial ihrer Jüngsten jedoch überzeugt: «Cinzia ist eine sehr intelligente Spielerin, die extrem viel leistet mit Fussball und Schule. Sie versteht auch im Training schnell und erklärt den anderen sogar schon vieles!» Die Spielerin schmunzelt, wenn sie das hört: «Ich erkläre tatsächlich gern anderen etwas. Vielleicht möchte ich auch darum Lehrerin werden.»

Doch vorerst will die Tochter eines Zahnarzt-Ehepaars (er Ostschweizer, sie Tessinerin) herausfinden, ob ihr das Leben als Fussballprofi überhaupt behagt. Den FCZ wird sie nach den letzten Spielen (3. Mai Cupfinal gegen Basel, 9. Mai letzte NLA-Runde) möglicherweise mit weiteren Titeln im Gepäck verlassen - in Richtung Bundesliga. «Ich fühle mich wohler, wenn ich neben dem Fussball noch eine Herausforderung habe. Vielleicht füllt es mich nicht aus, nur Fussball zu spielen, obwohl es die beste Sportart der Welt ist», sagt Zehnder nachdenklich. Darum sei ein Profi-Jahr eine gute Idee, findet sie. Zu welchem deutschen Klub es geht, ist noch nicht klar: «Frau Voss hilft mir bei der Suche. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.»

Vielleicht ändert die offensive Mittelfeldspielerin ihre Meinung ja im Sommer. Dass sie überhaupt mal an einer WM dabei sein würde, daran hat Cinzia Zehnder zu Beginn ihrer Karriere nicht im Traum gedacht! Als Fünfjährige kickte sie mit den Buben auf dem Fussballplatz am Hang neben ihrem Kindergarten. Mit acht trat sie dem FC Wil bei, blieb bis zur U14: «Bei den Jungs habe ich extrem profitiert.» Dann war die Zeit reif für einen Wechsel zu einem Frauenteam. Nach ihrer ersten Saison beim NLB-Klub FC Kirchberg SG wurde Cinzia Zehnder in einem Testspiel gegen den «grossen» FCZ entdeckt.

10 BIS 15 KILO ZUGENOMMEN!
Im Juli 2012 wechselte sie zum Rekordmeister mit der Absicht, «in jedem Training zu profitieren, um weiterzukommen». Doch nach einer guten Vorbereitung stand sie zum Saisonauftakt in Kriens in der Startaufstellung, machte ein super Spiel (ein Assist). Und dies an ihrem 15. Geburtstag, vor den Augen der Eltern. Ein märchenhafter Einstieg! Ihren Platz gab sie nicht mehr her.

An der Seite der deutschen Profispielerinnen Inka Grings und Sonja Fuss konnte das Küken im Mittelfeldzentrum profitieren und wachsen. Mit 17 zählt sie heute längst zu den Leistungsträgerinnen des FCZ. Die Modellathletin muss schmunzeln, wenn sie Fotos aus ihrer Anfangszeit in Zürich anschaut. «Ich war nur eine halbe Portion! Seither habe ich bestimmt 10 bis 15 Kilo mehr auf den Rippen.» Alles Muskelmasse, versteht sich.

Dreimal wöchentlich fährt Zehnder mit dem Zug von Wil nach Zürich. Die Reise nutzt die Kantischülerin als «Lernzeit: So habe ich wirklich Feierabend, wenn ich um 21.30 Uhr nach Hause komme und mir das Abendessen aufwärme.» Die vierte Trainingseinheit absolviert sie jeweils am Montag allein in Wil. Mehr liegt momentan nicht drin, denn nach der WM muss sie die Maturitätsprüfungen (Bildnerisches Gestalten) nachholen. Nachdem sich die Kanti Wil zuerst gegen einen Präzedenzfall gesträubt hatte, willigte man schliesslich doch ein - «das schätze ich sehr», sagt Zehnder. Und was, wenn es nicht geklappt hätte? «Dann wäre ich trotzdem an die WM gegangen und hätte halt die letzte Klasse wiederholt!» Als Schweizerin hat man schliesslich nicht alle Tage die Chance, sich auf der Weltbühne des Fussballs zu präsentieren!

Diesen Artikel und weitere Storys finden Sie in der «Schweizer Illustrierte Sport» Nr. 3: Seit 20. April 2015 als «SI»-Beilage am Kiosk, im eReader oder auf Ihrem iPad.

Martina Hingis
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