Der Bobfahrer mit dem Loch im Herzen Wie Olympiateilnehmer Clemens Bracher das Schicksal besiegte

Ein Hirnschlag wegen eines Herzfehlers hat Bobpilot Clemens Bracher nicht aus der Bahn geworfen. Ebenso wenig, wie ihn der erste Sieg schon im zweiten Weltcuprennen abheben lässt. Bei Olympia will er sich einen Platz in der Schweizer Sportgeschichte sichern.  
CLEMENS BRACHER
© Maurice Haas / 13photo

GEDANKENFAHRT: Vor einem Trainingslauf in St. Moritz geht Bracher die Strecke zuerst in der Garderobe und dann beim Starthaus Kurve für Kurve im Kopf durch. «Meine Konzentrationsfähigkeit ist intakt.»  

Manchmal weiss man im Leben besser, was man nicht will, als was man will. Auch Clemens Bracher, 31, hat noch keine rechte Vorstellung davon, was er hofft, am Ende seiner Karriere als Bobfahrer über sich zu lesen. Soll es um olympische Meriten gehen? Um legendäre Bahnrekorde? Um Seriensiege im Weltcup?

Der bärenstarke Berner ist noch daran, sich seinen Platz in der Schweizer Sportgeschichte zu schaffen. Eines aber weiss er sehr wohl, nämlich, welches nicht die Schlagzeile sein soll: Bracher, der Sportler mit dem Loch im Herz. «Klar, die Krankheit ist Teil meiner Geschichte. Und der möchte ich nicht davonlaufen. Aber wenn das dereinst alles ist, was bleibt, ist etwas falsch gelaufen.»

Maximales Glück im Unglück

Clemens Bracher, gelernter Heizungsmonteur aus Wasen BE im Emmental, der älteste von vier Söhnen einer mittelständischen Familie. Stämmiger Kerl mit Bart und gemütlichem Wesen. Bis vor wenigen Monaten allenfalls dem Schweizer Bob-Insiderpublikum bekannt. Als Hintermann von Cracks wie Beat Hefti oder Rico Peter.

Da verrichtet er seinen sportlichen Dienst jahrelang zuverlässig und wenig beachtet. Berühmt wird man auf dieser Position nicht. Ebenso wenig wie als Pilot, wenn man im Europacup fährt. Doch dann lenkt Bracher den Schlitten mit dem Walliser Anschieber Michael Kuonen, 26, Mitte Dezember vergangenen Jahres im deutschen Winterberg zum ersten Weltcupsieg. Ein wenig wie aus heiterem Himmel. «Clemens wer?», fragen selbst die Konkurrenten. Erst einmal ist er zuvor im Weltcup als Steuermann gestartet.

CLEMENS BRACHER
© Maurice Haas / 13photo
BÄRENSTARK: Erst seit drei Jahren Pilot, und doch schon Weltcupsieger: Der stämmige Berner aus Wasen ist noch daran, sich seinen Platz in der Schweizer Sportgeschichte zu schaffen.
 
 

Es ist indessen nicht die frühe Siegpremiere ohne Ansage, die Bracher in die Schlagzeilen schnellen lässt. Es ist die Vorgeschichte dieses sportlichen Märchens, die den Namen des Sportlers zum Allgemeingut macht. Wobei man nicht so recht abschätzen kann, ob erst diese Vorgeschichte den ersten Weltcupsieg in ein besonderes Ereignis verwandelt oder umgekehrt.

22. Mai 2013. Als Experte nimmt Clemens Bracher in Zollikofen BE Prüfungen von lernenden Heizungsmonteuren ab. In einer Pause muss er kurz aufs WC. Dort wird ihm plötzlich extrem schwindlig. «Ich hatte einen sturmen Kopf wie noch nie, schaffte es aber noch zurück ins Prüfungslokal.»

Doch es wird immer schlimmer, so dass sich Bracher hinlegen muss. Als er das gereichte Colafläschchen nicht mehr halten kann, weil die ersten Lähmungen einsetzen, ist er nur noch halb bei Bewusstsein. Es ist sein Glück, dass er zu diesem Zeitpunkt unter Menschen ist. Wäre er allein zu Hause, würde der Vorfall mit einiger Wahrscheinlichkeit tödlich enden. So aber wird Bracher eiligst ins Inselspital gebracht. «Es war matchentscheidend, dass sie mir schon im Ambulanzfahrzeug Blutverdünner gaben.» Der damals 26-Jährige hat einen Hirnschlag erlitten.

CLEMENS BRACHER
© Maurice Haas / 13photo

STANDHAFT: Clemens Bracher hat sich von seiner Krankheitsgeschichte nicht zurückwerfen lassen. Auf der Bobbahn von St. Moritz signalisiert er im «Horse Shoe» Stärke.

Gegen Abend ist er komplett einseitig gelähmt und redet «unverständlich, als ob ich einen Vollrausch hätte». In den folgenden Tagen, an denen sich sein Zustand immerhin bessert, wird er intensivst untersucht. Und die Ursache des Schlaganfalls zweifelsfrei festgestellt: Clemens Bracher hat ein unentdecktes angeborenes Loch im Herz, durch das ein Blutgerinnsel in die obere Blutlaufbahn gelangen konnte und von dort ins Gehirn. 

«Wirklich in die Zentrale der Zentrale. Normalerweise geht so ein Vorfall an jener Stelle nicht gut aus», stellt Bracher so sachlich fest, als würde er über einen Kufenbruch am Bob sprechen. «Mehr Glück im Unglück als ich kann man nicht haben.»

Ohne Angst in die Zukunft

Acht Tage nach dem Hirnschlag wird mittels Kathetereingriff über die Leistengegend ein Schirmchen im Herzvorhof eingesetzt. Es folgen Bewegungsaufbau im Spital, eine lange Ruhephase zu Hause und dann die Rehabilitation in Magglingen. Schon im Oktober des gleichen Jahres nimmt Bracher das Spitzensportler-Training wieder auf. «Ich fühle mich gesund und leistungsfähig wie eh und je, sieht man von gelegentlich sturmem Kopf bei hoher Belastung ab. Dass ich jährlich meine Hirnströme messen und mein Leben lang Blutverdünner nehmen muss, behindert mich nicht.»

So wenig die Krankengeschichte Bracher körperlich verändert, so sehr vermittelt sie ihm mental neue Massstäbe. «Ich habe keine Angst, dass es nochmals passieren könnte. Aber ich lebe schon bewusster, rege mich viel weniger auf über Bedeutungsloses, geniesse viele Dinge intensiver.»

CLEMENS BRACHER
© Maurice Haas / 13photo

MIT AKRIBIE: Clemens Bracher bespricht sich bei der frühmorgendlichen Besichtigung des Celerina-Bobrun mit einem Betreuer.

Stolz darauf, wie er alles gemeistert habe, sei er nicht, sagt der bedachte Mann. Aber Mut machen dürfe sein Beispiel durchaus, dass jeder Schicksalsschlag auch etwas Gutes bewirken könne. Ja, Clemens Bracher geht so weit, dass er sagt: «Auch wenns vielleicht blöd klingt, ich bin dankbar für das Vorgefallene. Es hat mich als Mensch und als Sportler stärker gemacht.»

Bob verschafft Perspektiven

Schon die Karriere als Bobfahrer hat Bracher so nicht geplant. Aus einer sportbegeisterten Familie stammend, lernt er früh, den Wettkampf mit seinen drei Brüdern zu lieben. Sie spielen Eishockey, er betreibt Hornussen und Volleyball.

«Als Kind war ich eher korpulent. Das Konditionstraining war mir ein Gräuel.» Doch im familieninternen Vergleich, beim Tschüttelen auf der Dorfwiese, will er den jüngeren Brüdern den Meister zeigen. Später möchte er es weiter bringen als «nur» bis zum Aussenangreifer in der ersten Volleyball-Liga. Spätestens als der zweitjüngste Bruder mit den Novizen des SC Bern Schweizer Meister wird, ist Clemens’ Ehrgeiz richtig angestachelt. Da kommt ihm die Möglichkeit, Bob zu fahren, sehr gelegen. «Nur da konnte ich mir vorstellen, es mal an Olympische Spiele zu bringen.»

Bei einem Firmenanlass in St. Moritz sitzt er während einer Taxifahrt erstmals im Bob. Altmeister Martin Annen gefällt Brachers 1,88-m-Postur, er spricht ihn auf sein Interesse am Bobsport an. Und als Bracher später zufällig die Heizung im Privathaus von Bob-Anschieber Thomas Lamparter plant, ist sein Weg in den Eiskanal vorgezeichnet.

2010 sitzt er erstmals wettkampfmässig im Schlitten, und 2014, ein Jahr nach dem Hirnschlag, steigt er um von den hinteren Plätzen ans Steuerseil. «Das ist meine Position. Ich war schon immer ein Typ, der Verantwortung übernimmt und den Lead hat. Mittelmass war noch nie meine Sache.» Der Rest der raketensteil verlaufenen Pilotenkarriere über den zweiten Gesamtrang im Europacup bis zum ersten Weltcup-Erfolg, der Bestätigung eine Woche danach mit EMSilber in Innsbruck und schliesslich der Olympiaqualifikation, ist Geschichte.

CLEMENS BRACHER
© Maurice Haas / 13photo
REIFETEST: Clemens Bracher fährt mit Michael Kuonen am 16. Dezember 2017 zu EM-Silber. «Das war für mich noch fast die grössere Leistung als der erste Sieg eine Woche zuvor.»
 
 

Winter-Profi dank Sommer

Nun ist Clemens Bracher Bob-Halbprofi, arbeitet im Sommerhalbjahr als Haustechniker Heizung, um sich im Winter den Traum vom Bobfahren erfüllen zu können. 35 Prozent Arbeitspensum ist es aufs Jahr. Als Bob-Unternehmer muss er ein Team finanzieren und dafür ein 200 000-Franken-Budget stemmen. Drei Viertel sind durch Sponsoren abgedeckt, ein weiterer Teil durch die Sporthilfe. «Dennoch muss ich beim Material Abstriche machen, um das Budget einhalten zu können. Ferien und private Anschaffungen kann ich sowieso vergessen. Doch das ist es mir wert.»

Er, der sich ein «gewisses Talent und Feinfühligkeit fürs Lenken» attestiert, aber noch Potenzial im athletischen Bereich sieht – «ich trainiere zwar im Sommer mit den Leichtathleten des SK Langnau, unter anderem mit Noëmi Zbären, aber eine eigentliche Sprintschule fehlt mir» –, glaubt, dass es ein Vorteil ist, wegen seiner ruhigen Art für die Konkurrenz schwer durchschaubar zu sein. Eigentlich hätte er «eher darauf gewettet, es im Viererbob ganz nach oben zu schaffen».

Doch nun ist er der Schweizer Hoffnungsträger für Pyeongchang im Zweierschlitten. Die Olympiabahn in Südkorea kennt er im Gegensatz zum Grossteil der anderen Piloten noch nicht aus der Praxis. «Doch das beunruhigt mich nicht. Wenn dann bei Olympia auch die Rodler drauf sind, wird es sowieso ganz andere Kehlungen geben.

Ich habe mir zudem aus sicherer Quelle sagen lassen, unser Material würde auf dieser Bahn sehr gut laufen.» Ein Platz unter den ersten zehn ist das erklärte Ziel des Emmentalers. «Ob aber ein dritter oder doch eher ein achter Platz drinliegt, ist im Vorfeld der Spiele schwer abzuschätzen.»

So könnte es gut kommen, dass Clemens Bracher tatsächlich nicht als «der Bobfahrer mit dem Loch im Herz» in Erinnerung bleiben wird, sondern als «der Bobfahrer mit der Olympiamedaille».

Diese Geschichte erschien im Magazin «SI Sport», Ausgabe 1/2018 vom 9. Februar 2018. Weitere Geschichten aus diesem Heft lesen Sie hier. 

Cover SI Sport 1 2018 09022018 Dario Cologna
© Fotografie: Sandro Bäbler
Auch interessant