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Mein erstes Mal auf der Skipiste

Danke Bernhard Russi! Für den schlimmsten Tag meines Lebens

Das letzte Mal stand SI-Redaktor Toni Rajic als kleiner Junge auf den Skiern. 16 Jahre später nimmt er bei Ski-Legende Bernhard Russi einen Ski-Crashkurs - wortwörtlich.

Toni Rajic
Erstes Mal: Bernhard Russi hat ein Skilehrer-Diplom. Doch Schüler hatte er keine. Bis ich kam.p.p1 {margin: 0.0px 0.0px 5.7px 0.0px; line-height: 11.0px; font: 9.5px Verlag} span.s1 {letter-spacing: 0.1px}

Werde ich mich heute komplett zum Affen machen? Das frage ich mich besorgt, als der Zug in Andermatt hält. Oh ja, das werde ich. In welchem Ausmass allerdings ahne ich noch nicht, als ich mit zittrigen Knien aus dem Zug steige. Das Dorf wirkt wie ausgestorben. Am Bahnhof hole ich mir meinen Skipass, denn heute habe ich Grosses vor: Die Schweizer Ski-Legende Bernhard Russi, 70, nimmt sich Zeit, um die Skikünste von mir, dem unsportlichen Bären Toni, 21, aufzufrischen.

Das alte Wachthaus, unser Treffpunkt, liegt 2300 Meter über Meer auf dem Gütsch. Nervös verlasse ich die Gondel. 500 Meter weiter kann ich die alte Militärstation schon sehen. Doch mit den klobigen Skischuhen komme ich nur mühsam voran. Der Leichtsinn packt mich. Ich werfe die Skier im 90-Grad-Winkel zum Hang vor mir auf den Boden und klicke meine Skischuhe ein. Genau so, wie ich es im Youtube-Tutorial «Skikurs in fünf Minuten» gelernt habe. Die Piste ist gähnend leer. Es scheint alles kinderleicht, doch dann werde ich schneller und schneller! Mit voller Kraft versuche ich, die Skier zu einem V zusammenzupressen und zu bremsen. Erfolglos. Kurz vor dem Wachthaus ziehe ich die Notbremse und lasse mich wie ein Sack in den Schnee fallen. Noch am Boden begreife ich, dass ich quasi auf Russis Terrasse gelandet bin. Ich rapple mich auf und klopfe kräftig an die zugeschneite Tür. 

Erstes Mal: Bernhard Russi hat ein Skilehrer-Diplom. Doch Schüler hatte er keine. Bis ich kam.

Russi begrüsst mich mit festem Händedruck. Wir setzen uns im Ess-Saal an den grossen Tisch und beginnen mit dem Interview für meine Reportage. Es entwickelt sich rasch zu einem entspannten Gespräch. Draussen setzt die Dämmerung ein. Ich bitte ihn, nun mit mir zur Gondelstation zu gehen und ins Tal zu fahren, um unten auf der Anfängerpiste zu üben. Sein Blick lässt nichts Gutes ahnen: «Wir schaffen es nicht mehr rechtzeitig auf die letzte Gondel», sagt Russi kühl. Vor Schreck steht mein Herz still. «Was ist denn die Alternative?», frage ich.  «Kommt die Rega?» Russi lacht entspannt. «Ach was, hinunter kommt man immer, das ist kein Problem.» 

In deinem Fall wäre Abnehmen leichter als Skifahren lernen

Geduldig erklärt mir Russi die Grundlagen des Skifahrens. Doch die Angst sitzt mir in den Knochen. «Was ist das Geheimnis eines guten Skifahrers?», frage ich. Er hält kurz inne, scheint seine Worte sorgfältig zu wählen: «Alles muss ineinander verschmelzen: Piste, Kurs, Gefälle, Material, Körper und Geist. All das soll eine Einheit bilden und sich gegenseitig vertrauen.» Also los! Doch schon nach wenigen Metern fliege ich kopfvoran in den Schnee. Aufraffen, weitermachen. Wir haben noch ein gutes Stück vor uns. Die Abfahrt wird zum Höllenritt. Eine weitere falsche Bewegung und wieder haut es mich um. Noch während ich versuche, meine Beine zu entflechten, höre ich Motorengeräusche in der Ferne. Es ist ein Schneetöff auf seiner letzten Kontrollfahrt. Mit seinen Stöcken winkt Russi den jungen Fahrer zu uns heran. «Es wäre verantwortungslos, unter diesen Umständen noch weiterzumachen», sagt er und hilft mir beim Aufsteigen. Während der Lenker und ich auf dem Töff die Piste hinunterdüsen, überholt uns Russi mit einer Leichtigkeit, als ob ein Elf an uns vorbeihuschen würde.

Starthüsli: Ich hoffte, im Wachthaus  würde mein Albtraum ein Ende finden. Leider begann hier das Drama erst so richtig.

Erschöpft betrete ich das Lokal, wo Russi bereits mit seiner Frau Mari, 58, auf mich wartet. Alle kennen die beiden hier. Ich setze mich zu ihnen. Betreten schauen wir uns an. Es ist schon fast unangenehm. Dann brechen wir in schallendes Gelächter aus. «Bernhard, nun sag schon, wie habe ich mich geschlagen?», will ich von der Skilegende wissen. «Mutig», erwidert Russi, «wirklich mutig.» Und fügt nach einer Pause hinzu: «Aber Toni, glaub mir: In deinem Fall wäre Abnehmen leichter als Skifahren lernen.

Von T R am 8. Februar 2019