Dario Cologna Dario siegt mit Bärenkraft

Beliebt, stark, naturverbunden: Seit Bär Lumpaz hat niemand mehr das Münstertal so in die Schlagzeilen gebracht wie Dario Cologna, 23. Kraftquelle für den besten Langläufer der Welt ist seine Familie.
Dario Cologna mit der Weltcup-Trophäe auf dem Ofenpass. «Allein im  verschneiten Wald, da bin  ich richtig glücklich!»
Dario Cologna mit der Weltcup-Trophäe auf dem Ofenpass. «Allein im verschneiten Wald, da bin ich richtig glücklich!»

Spätestens bei Zernez hört die Schweiz im Südosten auf. Denkt der Unterländer. Hinter dem Ofenpass: Lü, Valchava, Santa Maria. Schon mal gehört? Auf einer Nationalpark-Wanderung sogar kennengelernt? «Klar, wir haben die Ruhe hier im Val Müstair gerne», sagt Robert Messmer, Wirt im Bistro Turettas in Tschierv, «aber es ist auch toll, dass unser Tal jetzt dank Dario Cologna in aller Munde ist.»

Und darauf sind sie stolz, die Müstairer. Von Tschierv zuoberst bis Müstair, elf Kilometer weiter unten im Tal, hängen an jeder zweiten Strassenbiegung Transparente. «Nus gratulain pel grond success, Dario!» Man spricht Rumantsch.

Der berühmteste Münstertaler? Wirt Messmer lacht: «Einer ist noch berühmter: der Bär!» Dario Cologna amüsiert der Vergleich. «Ja, das war ebenfalls ein Rummel, als Lumpaz vor vier Jahren bei uns auftauchte.» Der Vergleich liegt auf der Hand: Beide haben Bärenkräfte, erobern die Herzen der Schweizer im Sturm und fühlen sich am wohlsten in der freien Natur. «Wenn ich ganz allein auf Ski durch den verschneiten Wald laufe, dann bin ich richtig glücklich», sagt Dario.

Nicht nur im Wald, auch auf den Rennloipen dieser Welt ist er im Glück. Denn dort läuft derzeit niemand besser auf Langlaufski als der Jungstar aus Tschierv. Seit 2006 erst im Weltcup, ist er nach drei Goldmedaillen an der U23-WM sowie einem Sieg an seinem Lieblingsrennen, dem «Engadiner», diese Saison richtiggehend in die Weltspitze vorgeprescht. Sieg an der Tour de Ski, die ersten Weltcupsiege und als Krönung der Gewinn des Gesamtweltcups vor ­Wochenfrist.

Der weltbeste Langläufer kommt also aus dem Münstertal. Dass Dario aufgrund der besseren Trainingsbedingungen mehrheitlich in einer WG mit Langlauf-Kollegen in Davos wohnt, zählt für die verschworene Talschaft nicht. Im Herz bleibt einer immer Müstairer.

«Es ist klar, als Junger muss man hier weg, wenn man vorankommen will. Aber auch wenn ich es diesen Winter vielleicht nur fünfmal nach Hause zu den Eltern geschafft habe, fühle ich mich doch bei meiner Familie daheim», sagt Dario.

«Man muss hier weg, wenn man etwas erreichen will. Aber im Herzen bleibt man Müstairer»

Diese Familie ist den Colognas heilig. Auch wenn Papa Remo, ein Münstertaler, und Mama Christine aus dem angrenzenden Vinschgau in Südtirol ihre drei Kinder selten sehen. Tochter Andrea, 24, studiert in Zürich Jus. Gian-Luca, 19, als talentierter Nachwuchs-Langläufer mit Vergangenheit in Fussball und Alpinski sportlich exakt in Darios Fussspuren, besucht wie einst sein älterer Bruder das Gymnasium in Ftan.

Dass alle Cologna-Kinder die Mittelschule besuchen konnten, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Ausbildung ist teuer. Und die wirtschaftlichen Probleme der 90er-Jahre spürte auch der gelernte Schlosser Remo, der im Aussendienst tätig ist. Ein Jahr lang gab es kaum Einkommen. Die Eltern mussten sogar ihr Haus in Müstair, wo Dario aufwuchs, verkaufen, verzichteten sechs, sieben Jahre lang auf Ferien.

Grosse Opfer also, die für die Kinder erbracht wurden? «Ich kann es nicht hören, wenn jemand von Opfern für seine Kinder spricht», sagt Remo Cologna. «Wenn man sich für Kinder entscheidet, tut man doch aus tiefstem Herzen alles, um ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen.» Die Colognas waren sich nicht zu schade, von der Fritz-Gerber-Stiftung in Zürich Unterstützung für Darios Schul- und Sportkarriere anzunehmen.

Dario ging mit 16 ins Gymnasium, seither wohnt er nur noch gelegentlich im Elternhaus. Umso mehr freut er sich, wenn seine Eltern die Rennen an der Loipe verfolgen. «Das können wir uns aber nicht dauernd leisten», sagt Mama Christine. «Die Reise an den Weltcup-Final in Falun lag leider nicht drin. Und jetzt machen wir uns Gedanken, wie wir uns nächsten Winter den Olympia-Trip nach Vancouver organisieren können.»

Am Pistenrand sind Darios Eltern auch seine grössten Fans. Beim Weltcup in Davos fiel Papa Remo einst im TV mit einem grossen Transparent auf. «Ich konnte damit quasi gutmachen, dass ich zuvor ein Telefonat mit Dario einfach abgebrochen hatte. Er hatte mir vom WM-Sieg beim Nachwuchs berichtet, und ich weinte vor lauter Freude derart, dass ich nicht mehr reden konnte.» Kann ers, tut ers mit Dario übrigens auf Rätoromanisch, während Mama mit ihrem Sohn Südtirolerisch spricht.

Das Geld – rund eine Viertelmillion Franken –, das er diesen Winter verdient hat, wird Dario Cologna «ganz konservativ anlegen». Irgendwann möchte er sich am liebsten eine eigene Wohnung leisten. «Aber ich fühle mich schon wohl in unserer WG. So schnell ziehe ich jetzt auch nicht aus.» Das schrittweise, nie hektische Vorgehen in allen Lebens­bereichen ist charakteristisch für Dario wie seine Hartnäckigkeit.

«Er konnte als kleiner Bub bei Spielen wie Eile mit Weile nie verlieren. Und er liess sich nicht beirren, wenn er etwas wollte», erzählt Papa Remo und gibt ein Beispiel: Als Dario etwa vier war, bummelte die Familie einmal durch ein Sportgeschäft in ­Livigno.

Dario sah eine Mütze, die ihm gefiel und forderte in reinstem Südtiroler Deutsch: «I will die Kopp!» Die Eltern gingen nicht darauf ein, doch Klein Dario bewegte sich nicht vom Gestell. «I will die Kopp!», wiederholte er so lange, bis sich die Ladenbesitzerin erweichen liess und dem Knirps «die Kopp» schenkte.

Erweichen lässt sich Dario heute höchstens mal von Fanpost. «Seit der Tour de Ski kommen die Briefe schon stapelweise», sagt er. «Und interessanterweise die meisten aus dem Ausland, vor allem aus Norwegen und Deutschland.» Die Eltern helfen beim Versand der Autogrammkarten.

«Ich könnte das nicht mehr allein erledigen. Aber besonders rührende Kinderbriefe beantworte ich schon gerne selbst mit einem Brieflein.» Und Liebesanträge von heiss­blütigen Anhängerinnen? «Es geht», sagt Dario trocken. Doch Papa Remo lacht: «Ich mache einen Selbstverteidigungskurs mit ihm!»

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