«Seitentriebe» Das taugt die neue SRF-Serie

Heute Abend zeigte SRF die neue Serie «Seitentriebe». Die achtteilige Fernsehproduktion will sich auf humorvolle Weise mit dem Liebesleben in Langzeitbeziehungen beschäftigen. Dazu zeigt Drehbuchautorin und Co-Regisseurin Güzin Kar drei Paare, welche unterschiedlicher nicht sein könnten. Wir haben die ersten beiden Folgen unter die Lupe genommen.
Seitentriebe
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Nele und Gianni lieben sich zwar noch, aber mit dem Sex haben sie so ihre Mühe.

Liebesgeschichten gibt es genug. Weshalb nicht mal das Knistern und Knattern in Langzeitbeziehungen untersuchen? «Seitentriebe» wagt einen Blick unter die Bettdecken von drei Schweizer Paaren:

Nele und Gianni: cool, aber frustriert

Im Zentrum der Serie stehen Nele (Vera Bommer, 35) und Gianni (Nicola Mastroberardino, 39). Sie sind seit zehn Jahren verheiratet, sehen beide zum Anbeissen gut aus und führen ein typisches Leben als coole Städter. Sie ist eigentlich Künstlerin, arbeitet aber als «Müsterliverteilerin» in einem Einkaufszentrum. Er hantiert in einem Labor mit Gummi Enten. Was er dort genau macht ist unklar, spielt aber auch keine Rolle, denn in der Serie geht es vor allem um Sex. So dauert es genau 1 Minute und 22 Sekunden, bis wir das erste Paar im Bett beobachten können. Das ist alles flott erzählt, es gibt keine unnötigen Längen, die Situationen scheinen aber teilweise etwas eindimensional auf den gemeinsamen Akt zu zielen. Aber geht es bei vielen Beziehung zu Beginn nicht genau darum?

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Sehen verdammt gut aus, spüren aber keine Anziehung mehr: Nele und Gianni.

Für Nele und Gianni ist es auf jeden Fall der Startschuss für eine zehnjährige Ehe, in der sie aber ihr erotisches Fundament verloren haben. Seit drei Jahren – er korrigiert: zweieinhalb, es war Winter – hatten sie keinen Sex mehr. Getrieben von der Lust und frustriert vom eigenen Partner, melden sich beide bei einem Seitensprungportal an, wo sie sich per Zufall online begegnen. Unangenehm. Und der erste von vielen Momenten, die zwar humorvoll sein wollen, aber so realitätsfremd erzählt und nicht aus der Handlung heraus nachvollziehbar sind, dass das Zuschauen manchmal etwas weh tut. Was folgt, ist eine Beziehungskrise und der Gang zum Paartherapeuten. Die Gespräche auf dem Therapiesofa bilden die Rahmenhandlung.

Monika und Heinz: bodenständig, aber prüde

Natürlich haben auch andere Paare ihre Probleme: Monika (Wanda Wylowa, 45) und Heinz (Leonardo Nigro, 44) führen eine klischierte Mittelstandsehe, haben zwei Söhne und gehen im Sauriermuseum in Aathal auf romantische Diners – eine Idee der Vermarktungsabteilung? Da man bereits in der zweiten Episode ist, hat man das Schema schnell begriffen und folgender Dialog überrascht nur noch bedingt:

Heinz: «Wir sollten etwas Neues ausprobieren.»
Monika: «Was denn?»
Heinz: «Kennst du das nicht, wenn du Dinge magst, für die du dich fast ein bisschen schämst? [...] Auf drei sagen wir es gemeinsam.»
1, 2, 3...
Monika: «Analsex.»
Heinz: «Kutteln.»

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Verkörpern den prüden Durchschnitt: Monika und Heinz.

Die Kernaussage der Serie so weit: Probleme in der Sexualität sind primär auf fehlende oder falsche Kommunikation zurückzuführen. Was wohl jeder Paartherapeut bestätigen würde und mancher Zuschauer ahnt, wird zwar oft lustig, aber auch ein bisschen oberlehrerhaft dargestellt. Humor war eben schon immer ein beliebter pädagogischer Kniff.

Es scheint, als wäre die Handlung teilweise zu formelhaft, geplant und vorhersehbar. Dass sich Monikas und Heinz' pubertierender Sohn Timo als Vegetarier gegen seine Eltern abgrenzen will und sich in die frustrierte Nele verknallt, wäre nicht nötig gewesen. An unvorstellbaren Momenten überrascht wird man, wenn besagter Teenager Timo mit der Gabel auf seinen Vater einsticht, weil es statt Vegischnitzel nur Fleischkäse zum Znacht gibt. Oder als er im Einkaufszentrum, in dem Nele Käseproben verteilt, einen Terroralarm auslöst, um ihr seine Liebe zu beweisen. Will die Serie einen glaubhaften Blick unter die Schweizer Bettdecken werfen, muss sie auf solch absurde Zuspitzungen verzichten.

Clara und Anton: alt, aber sexy

Richtig warm wird es einem beim dritten, etwas älteren Paar: Clara (Sunnyi Melles, 59) und Anton (Peter Jecklin, 62) führen zwar schon die längste Beziehung, haben das Spiel mit der Erotik aber total drauf. Klischeefreies Knistern, zwar nicht monogam, dafür mit ganz viel Herz und Charme. Ihnen würde man gerne länger zuschauen.

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Haben es noch richtig drauf: Clara und Anton.

SRF beweist Mut

Keine Frage: Die Serie ist auf der Höhe der Zeit produziert, langweilt an keiner Stelle und lässt einem, von sich selbst ertappt, immer wieder schmunzeln. Doch die Handlungsverläufe wirken oft zu konstruiert und wenig glaubhaft. Dass SRF zur besten Sendezeit eine Serie zeigt, bei der Sex ganz explizit im Zentrum steht, ist mutig und eine Bereicherung unter den oft harmlosen Unterhaltungsformaten.

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