Dennis Ledergerber «Der Schweizer Film braucht einen Neuanfang»

Die Leidenschaft fürs Leben und den Film ist Dennis Ledergerber in die Wiege gelegt worden. Von seiner Mutter hat der Jungregisseur die Kreativität geerbt, vom Vater den Ideenreichtum und von seinem Onkel die Leidenschaft für Filme. Genau diese Mischung hat den 25-Jährigen veranlasst, die Low-Budget-Produktion «Himmelfahrtskommando» filmisch umzusetzen.

Wer wie Dennis Ledergerber mit Profis wie Walter Andreas Müller, Andrea Zogg und Beat Schlatter gedreht hat, der wird in seinem Anspruchsdenken automatisch heikler. Doch wer nun glaubt, dass der Erfolg dem 25-jährigen Filmemacher aus St. Gallen nach «Himmelfahrtskommando» zu Kopf gestiegen ist, irrt sich gewaltig. Für eine Zusammenarbeit mit seinem Idol Daniel Day-Lewis hält er sich noch für viel zu unerfahren.

AM ANFANG WAR DIE VIDEOKAMERA
Die Liebe zu Filmen erwacht ausgerechnet im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Als Sohn einer Amerikanerin mit Schweizer Wurzeln verbringt er nach seinem Umzug aus Santa Monica nach Rorschach SG immer wieder seine Ferien in den Vereinigten Staaten. Sein Onkel ist ein eingefleischter Filmfan und überträgt seine Begeisterung auf den ältesten Spross seiner Schwester. Als Dennis dann im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal eine Kamera in der Hand hält, will er sie nicht mehr weglegen. «Ich war der schlechteste Schüler, weil ich ständig Kurzfilme drehen und schneiden musste», erzählt er im Interview mit SI online. Als die Reality-Show «Jackass» von Amerika in die Schweiz überschwappt, haben er und seine Freunde nicht Besseres im Kopf, als die Mutproben nachzuahmen und zu filmen. «Wir waren pupertierende Vollidioten, die auf Häuser kletterten, Strassenlaternen austraten und mit dem Trottinett auf Randsteine gerast sind. Doch irgendwann wird man älter.» 

Sein erster Film entsteht noch während seiner Zeit auf der Kantonsschule. «ZuFallBringen» findet vor allem in St. Gallen grosse Beachtung. Die beiden Laiendarsteller Raphael Carlucci und Melanie Sauder sind für ihre Rollen sogar für den Schweizer Filmpreis 2009 nominiert. Dennis Ledergerber folgt dem Ruf nach Amerika und besucht in Los Angeles die Filmschule, bricht jedoch nach drei Tagen ab: «Ich war schon viel zu lange in dem Selfmade-Modus. Natürlich hätte ich dort viel lernen können, aber das entspricht nicht meiner Art. Anstatt die Schulbank zu drücken, will ich lieber selbst Kontakte knüpfen und meine eigenen Fehler machen», sagt der Autodidakt. Dennis bleibt noch drei weitere Monate, merkt aber schnell, dass die Filmindustrie in den USA ein viel zu grosser Kuchen und ein Haifischbecken ist. «Ich wusste, dass ich in der Schweiz schneller Spielfilme realisieren kann. Und am Ende war es mir egal, wo ich die Filme mache.» 

GELDMANGEL FÖRDERT DIE KREATIVITÄT
Zurück in der Heimat kommt ein erster Kontakt mit Stefan Millius zustande. Der Autor von «Himmelfahrtskommando» hat Dennis' ersten Film gesehen und weiss, dass er mit wenig Geld Grosses auf die Beine stellen kann. Dass er anfangs ein Budget von 3.5 Millionen Franken anstrebt, erweist sich als absolut unrealistisch. «Am Ende hatte ich grad mal 60'000 Franken durch Gönnerschaften und Sponsorengelder zusammen.» Dass sich neben unzähligen Laiendarstellern überhaupt so renommierte Schauspieler wie Beat Schlatter und Andrea Zogg für den Low-Budget-Film gewinnen liessen, sei ihre Art von Filmförderung. Doch zukünftig möchte Dennis Ledergerber nicht mehr jeden Rappen zweimal umdrehen. Auch wenn seiner Meinung nach eine Produktion mit wenig Geld die Kreativität fördert - von der Hand im Mund lebt es sich auf Dauer schlecht: «Das A und O bei einer Low-Budget-Produktion ist, Kompromisse einzugehen. Früher oder später muss ich aber fähig sein, Löhne zu zahlen.» Millionenbeträge braucht es deswegen aber keine: «500'000 Franken sollten für eine Produktion reichen. Lieber sollten mehr Projekte mit weniger Geld unterstützt werden.» So würden auch die Chance steigen, dass ein Film Potential hat und ins Ausland exportiert werden kann. Denn: «Der Schweizer Film braucht einen Neuanfang. Die Filme hier sind nicht authentisch. Oftmals werden Länder wie Schweden zum Vorbild genommen oder Hollywood-Filme kopiert. Wir müssen einen eigenen Weg finden und vor allem unsere Sprache zur Stärke machen. Wie das genau aussieht, weiss ich auch noch nicht. Doch ist das eine der Herausforderungen, die ich gerne annehme.» 

SCHÖNER WOHNEN MIT ANDREA ZOGG
Wenn Dennis Ledergerber etwas kann, dann mit Schwierigkeiten umgehen. Der einfachste Weg? Viel zu langweilig für ihn. Dass beim Dreh von «Himmelfahrtskommando» jedoch zwei mal die Festplatte mit ein und derselben Szene kaputt geht, hätte nicht sein müssen. «Das Schminken von Andrea Zogg war derart aufwendig. Logisch, hatte er keine Freude daran, dass wir die Szene ein drittes Mal drehen mussten.» Doch genau solche Momente schweissen zusammen. «Als Wiedergutmachung für seinen Aufwand forderte Andrea ein, während sechs Wochen bei mir zu wohnen. Er spielte im Dezember am Theater St. Gallen und brauchte eine Bleibe. Während er also mein Schlafzimmer in Beschlag genommen hat, schlief ich auf einer Matratze in meinem Büro.» Ein schlechtes Gewissen habe Zogg nur dann gehabt, wenn Dennis' Freundin Ksenia aus Basel zu Besuch kam. Aber er habe sich oft genug mit Bündner Spezialitäten revanchiert: «Er kann zwar nicht so viel, aber das, was er kocht, schmeckt super und ist immer schön deftig.» Nur Capuns kamen während der gemeinsamen Zeit in der Männer-WG nicht auf den Tisch, wie Dennis bedauert. «Die kann Andrea leider nicht.» 

«Himmelfahrtskommando» läuft am 21. März 2013 in den Deutschschweizer Kinos an.

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