Jürg Lieberherr Dieser Winter leert ihm das Salzlager

Er bringt jedes Eis zum Schmelzen: Jürg Lieberherr, Direktor der Vereinigten Schweizerischen Rheinsalinen, beliefert die Schweiz mit Streusalz. Doch der harte Winter leert sein Lager viel zu schnell. Und könnte ihm zünftig die Suppe versalzen.

Wenn die Schweiz vor Kälte erstarrt, die Strassen vereisen, Wege gefrieren, Autos schlittern und die Menschen rutschen – dann läuft sein Geschäft wie geschmiert oder passender gesagt: wie geeist. Jürg Lieberherr ist Direktor der Vereinigten Schweizerischen Rheinsalinen und taut das ganze Land mit seinem Streusalz auf.

Dieser frostige Winter heizt den Umsatz extrem an. So viel Streusalz wie im laufenden Januar hätten sie noch nie ausgeliefert, erklärt Lieberherr. Über 80 000 Tonnen wurden bisher auf Schweizer Strassen verteilt – absoluter Rekord, verbucht ein durchschnittlicher Januar doch sonst 20 000 Tonnen. Wenn das so weitergeht, wirds eng. «Langsam, aber sicher geht uns das Streusalz aus», warnt Lieberherr, lässt zwei Handvoll seines weissen Goldes zu Boden rieseln und zeigt dabei sein charmantes, warmes Lächeln, mit dem er wohl schon manches Eis gebrochen hat.

Schweizer Salz wird in den beiden Salinen in Riburg AG und Schweizer- halle BL gewonnen. In bis zu 400 Meter Tiefe wird Steinsalz, das da seit 200 Millionen Jahren liegt, mit Wasser aufgelöst, als Sole in die Saline hochgepumpt, wo es schliesslich in einer Verdampferhalle zu schneeweissem Salz kristallisiert.

Streusalz, Speisesalz (das berühmte Jura-Sel), Salze für Gewerbe, Landwirtschaft und Industrie, alles stammt aus den Schweizer Rheinsalinen. Und ganz speziell: Das Unternehmen gehört allen Schweizer Kantonen zusammen (ausser Waadt, das mit Bex ein eigenes Salzwerk hat) plus dem Fürstentum Liechtenstein. 2200 Tonnen Salz werden pro Tag gewonnen, «momentan verkaufen wir aber über 5000 Tonnen täglich», rechnet Direktor Jürg Lieberherr vor, «darum schwinden unsere Vorräte viel schneller, als mir lieb ist.»

Und tatsächlich stehen sie Schlange: auch heute. Hunderte von Lastwagen und Eisenbahnwagons stauen sich vor den Abfüllanlagen. LKW-Fahrer aus der ganzen Schweiz füllen hier ihre 40-Tönner mit Streusalz. Den Papierkram mit den Chauffeuren erledigen ausschliesslich Frauen. Er habe drum herausgefunden, verrät der Direktor, grinst und zeigt erneut seine meersalzweissen Zähne, dass sich die LKW-Fahrer in Anwesenheit von Damen höflicher benehmen: «Keine derben Sprüche, kein Gefluche, alles läuft ruhiger, zügiger und viel effizienter.»

Doch dieser Wahnsinns-Winter könnte selbst Salzkönig Lieberherr die Suppe zünftig versalzen. 120 000 Tonnen Streusalz werden in einem normalen Jahr verkauft. Schon der letzte, harte Winter verbuchte mit 350 000 Tonnen einen neuen Rekord, «doch diesen Winter werden noch grössere Mengen gestreut ». Ganz Europa habe ausgesalzen, die Lager seien leer, weiss Lieberherr; die Winterstürme, der ungewöhnlich viele Schnee hätten Europa in Salznotstand gebracht. «Wir Schweizer sind die Einzigen in Europa, die noch Streusalz haben», strahlt der Direktor, der übrigens lieber Süsses isst als Salziges und «locker eine 400-Gramm-Tafel Schoggi pro Wochenende verputzen kann». Was macht der Schweizer Salzkönig denn besser als seine europäischen Nachbarn? «Wir haben riesige Vorräte angelegt », erklärt der 64-Jährige und zeigt seinen ganzen Stolz – so quasi das Salz in seiner Betriebssuppe: den Saldome. 93 Meter Durchmesser, 31 Meter hoch, der grösste Holzkuppelbau der Schweiz bunkert «in Friedenszeiten» 80 000 Tonnen Salz im Wert von 17 Millionen Franken. Doch derzeit liegt im Saldome nur noch ein kümmerlicher Rest von ein paar tausend Tonnen. Wie schon gesagt, sagt der Chef, es werde knapp und knapper …

Was, wenn auch in der Schweiz Salznot herrscht? Dann müsste man das Streusalz rationieren, sagt Lieberherr, nur noch die wichtigsten Strassen würden bestreut. Das Verkehrschaos wäre vorprogrammiert. Blechschäden auch. Und Jürg Lieberherr weiss genau, wie teuer das kommen kann. Er hat es selber erfahren. «Meine Frau baute mit unserem Auto einen Totalschaden.» Und nochmals zeigt der Salzmann seine eisweissen Zähne. «Und zwar – ausgerechnet! – wegen Glatteis!»

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