Daniela Lager Eine kolossale Begegnung

Für eine Serie über den Mekong reisten TV-Moderatorin Daniela Lager, 45, und ihr «10vor10»-Team von Vietnam bis China. In Thailand lernt sie Pang Boo See kennen, einen vier Tonnen schweren Elefanten. Ein imposantes Treffen – mit Folgen.
Eine kolossale Begegnung
Eine kolossale Begegnung

Mit grosser Vorsicht nähere ich mich einem kolossalen, vier Tonnen schweren Dickhäuter. Um ihm den Kopf kraulen zu können, müsste ich auf einen Tisch stehen. «Map lung. Leg dich hin», sagt sein Besitzer, ein Mahout, zu «meinem» Elefanten. Das Tier gehorcht aufs Wort. Ich halte mich mit einer Hand an seinem Ohr fest, und steige über sein angewinkeltes Bein auf den Rücken.

Um ehrlich zu sein, elegant hat das nicht ausgesehen. Der Elefant steht auf, und ich versuche nicht runterzufallen. Der Mahout hat hinter mir Platz genommen, ich fühl mich gleich sehr viel besser mit dieser Lebensversicherung im Rücken.

Ich reite zwanzig Meter vor und wieder zurück. Auf dem Kopf von Pang Boo See wachsen borstige Haare, dazwischen krabbeln allerlei Insekten. Elefanten ­lieben es, sich im Staub und Dreck zu wälzen, aber auch zu einem Bad im ­Mekong muss man sie nicht lange überreden. Bis zum Bauch steht der Elefant im Wasser, ich blicke ans andere Ufer.

Da drüben ist Burma, denk ich mir noch, und schon taucht das Tier ab. Genüsslich legt es sich zur Seite, ich halt mich an allem fest, das ich zu fassen kriege, und bin bis zum Hals nass. Das Wasser ist warm, und als der erste Schreck vorbei ist, macht mir das Baden genauso viel Spass wie dem Elefanten.

Zehn Tage bin ich bereits mit meinem Team unterwegs. Für eine «10vor10»-Serie reisen wir entlang dem 4500 Kilometer langen Mekong. Im Grenzgebiet zwischen Thailand, Laos und Burma wollen wir das lukrative Schmuggelgeschäft filmen. Die Region ist weltbekannt unter dem Namen «Goldenes Dreieck». Golden ist der Boden hier für jede Art von illegalem Handel – seis mit Drogen, Waffen oder auch Elefanten.

Vor allem Elefantenbabys werden in Burma eingefangen und nachts über den Fluss nach Thailand gebracht. Dort werden sie als Betteltiere missbraucht. In Städten oder Touristenzentren müssen die Tiere Kunststücke vorführen, während ihre Besitzer bei ­Urlaubern Geld einsammeln.

Ein unwürdiges Leben für diese stolzen und gescheiten Tiere, die in Thailand fest in der Kultur verankert sind – als Wappentier des Staates. Das Betteln mit Elefanten ist zwar offiziell verboten, aber kaum durchsetzbar. ­Haben Sie schon mal versucht, einen ­Elefanten zu ver­haften? Wer betreut das Tier, wenn der Besitzer im Gefängnis ist? Mit Paragrafen ist dem Problem nicht beizukommen.

Ein Elefanten-Hilsprojekt versucht da Lösungen zu finden. Im Camp der Golden Triangle Elephant Foundation leben etwa 30 Tiere. Doch die Stiftung will nicht nur den ­Tieren eine Zukunft bieten, sondern auch ihren Be­sitzern, den Mahouts.

Über Generationen geben die Mahouts ihr Wissen über die Tiere innerhalb der ­Familie weiter: Ein Elefant, der mehr als 70 Jahre alt werden kann, ­arbeitet oft erst mit dem Vater, dann mit dem Sohn und vielleicht sogar noch mit dem Enkel, bis er in Pension geht.

Nimmt man einer Mahoutfamilie ihren Elefanten weg, wissen die Menschen mit sich und dem Leben oft nichts mehr ­anzufangen. Die Stiftung kauft deshalb nicht nur die Tiere, sondern bietet auch den Besitzerfamilien ein neues Zuhause. So ist neben dem Camp ein kleines Dorf entstanden.

Das Projekt verschlingt viel Geld – auch weil so ein Elefant viel Futter verschlingt. Für Bananen und andere Früchte gibt die Stiftung rund 1000 Franken pro Tier und Monat aus. Jede Art von Spende ist darum willkommen.

Nach einer Viertelstunde Herumgeplansche wird Pang Boo See hungrig. Die Elefantendame marschiert auf einen Baum zu und reisst Blätter von den Ästen. Ich reiche ihr die Leckereien über den Kopf nach vorne, und sie nimmt die einzelnen Halme ganz vorsichtig mit dem Rüssel.

All meine Angst ist ver­flogen – ein Fehler, denn selbst die Mahouts vertrauen einem Tier nie restlos. Erstens kann auch ein Elefant mal einen schlechten Tag haben, und zweitens muss er sich im Umgang mit Menschen ständig konzentrieren, um uns nicht un­absichtlich zu verletzen. Seine Kräfte sind bedrohlich für Menschen. Mit einer letzten Umarmung verabschiede ich mich von «meinem Elefanten».

Diese Elefanten und ihre Mahoutfamilien haben Glück gehabt. Die Zeiten, wo sie auf Bangkoks Strassen ums Überleben betteln mussten, sind vorbei. Und ich bin um eine unvergessliche Erfahrung reicher. Wenn ich das nächste Mal mit meinen Kindern in den Zürcher Zoo gehe, werde ich die Elefanten mit ganz anderen Augen sehen.

Auch interessant