Valon Behrami Endlich frei im Kopf!

Jahrelang haben die Schweizer Fans Valon Behrami die Gunst verweigert. Der Exzentriker im Nationalteam hat darunter gelitten. Seine grosse Liebe Elena und Töchterchen Sofia haben ihn nun mit der Vergangenheit versöhnt.

Es ist etwa so, als hätte man Gennaro Gattuso auf den Fersen. Man läuft und schlägt Haken und gibt sein Bestes, und doch entkommt man der Hartnäckigkeit des Mailänder Wadenbeissers nicht. Am besten warten, bis Gattuso zu alt ist, einem folgen zu können. Auch einem schlechten Image läuft man nicht so leicht davon. Valon Behrami hat beides erfahren.

Starspieler beim italienischen Topklub Lazio. Barrage-Tor im November 2005 gegen die Türkei, das die Schweiz an die WM nach Deutschland brachte. Stärkster Schweizer an der Euro 08im eigenen Land. Rekordtransfer zu West Ham London in die Premier League. Zählt alles wenig. Was viele von Valon in Erinnerung behalten: auffallende Tattoos, schnittige Autos, Spiegelbrille, funkelnder Brillant im Ohr.

Und dann hatte er ja auch noch jenes Interview gegeben, in dem er die Nati unter Kuhn «ein Schulreisli» schimpfte. Oder den Jour­nalisten trotzig diktierte, die Schweiz habe nie auf ihn und seine Familie gewartet, als sie aus dem Kosovo in die Schweiz flüchteten.

Zeit, mit den Geistern der Vergangenheit aufzuräumen. Valon mag sich nicht mehr auflehnen. Zum Glück. Seine Person, seine Geschichte und seine Karriere sind zu vielschichtig, um schubladisiert zu werden in der Abteilung «begabter Fussballer, unbedarfter Typ».

Valons Wandel zum Publikumsliebling hat vor allem mit seinem Privatleben zu tun. Seit zweieinhalb Jahren ist Behrami mit dem italienischen Foto­model Elena Bonzanni liiert. Seit neun Monaten sind sie Eltern einer Tochter namens Sofia.

Selbst eine schwere Knieverletzung, die Valon von März bis September zum Zuschauen verdammte, hat ihn nicht mehr aus der Bahn werfen können. Valon Behrami hat seinen Frieden gefunden. Und ist mehr denn je eine WM-Hoffnung für die Schweiz.

Valon Behrami, mit der Geburt Ihrer Tochter Sofia am 15. Februar dieses Jahres hat für Sie ein neues Leben begonnen.
Völlig, ja. Und die Veränderung kam im besten Moment. Zwei Wochen nach Sofias Geburt habe ich mich schwer verletzt. Aber wenn ich nach Hause gekommen bin, hat sie mich meine Sorgen vergessen lassen, weil ich andere Aufgaben hatte. Ich musste vor zwei Jahren schon einmal länger pausieren. Aber damals war es viel, viel schwieriger zu ertragen. Ich weiss heute gar nicht mehr, wie ich das ohne unsere Tochter geschafft hatte. Dank Sofia war diesmal alles relativ, obwohl die Verletzung viel schlimmer war.

Hat Sie das überrascht?
Einerseits nicht. Meine Schwester Valentina hat ebenfalls zwei Kleinkinder, eine fünfjährige Tochter und einen zweieinhalbjährigen Sohn. Ich war oft mit ihnen zusammen, schon als sie Babys waren. Von daher wusste ich, was auf mich zukommt. Andererseits machte ich mir plötzlich Sorgen um jedes kleinste Detail, damit es Sofia auch wirklich gut hat. Das kannte ich vorher so noch nicht an mir. Allerdings hatte ich gedacht, wenn unser Kind da ist, werde ich alles ruhiger angehen lassen, manchmal etwas mehr nachdenken, bevor ich handle. Ein Trugschluss – dieser Charakterzug ist mir geblieben. Leider.

Dafür hatten Sie schon vor Sofias Geburt gesagt, dass Ihre Verlobte Elena Sie als Person umgekrempelt habe.
Ja, Elena hat definitiv meine rebellische ­Seite gezähmt. Wer mich vor drei Jahren gekannt hat, weiss, was das bedeutet …

Elena, waren Sie oder Sofia dafür verantwortlich, dass Valon nach seiner Verletzung so rasch zurückgekommen ist?
Definitiv Sofia! Sie hätten das sehen sollen! Wenn er mutlos aus der Therapie nach ­Hause kam, hat ein Lächeln der Kleinen genügt, ihn für den Rest des Tages fröhlich zu machen. Sie hat ihm den Optimismus zurückgegeben. Sie hat ihn völlig in der Hand.

Wie reagiert er darauf?
Indem er ein toller Vater ist. Er nimmt mir wirklich sehr viel ab zu Hause. Wir haben keine Nanny. Er spielt viel mit Sofia, kümmert sich um sie, wenn sie ungeduldig ist. Ich kann ganz ruhig einkaufen gehen, weil ich weiss, dass Sofia von Valon bestens betreut ist. Ich höre da von anderen Spielerfrauen ganz anderes. Die beklagen sich, dass ihre Männer zu Hause nur rumsitzen und sich ausruhen. Valon dagegen ist richtig engagiert.

Er nimmt auch Sofia in der Nacht auf?
Ja, tut er. Wobei wir in der glücklichen Lage sind, dass Sofia seit ihrem dritten Monat fast zwölf Stunden durchschläft in der Regel. Und wenn sie mal erwacht, schläft sie oft ohne unser Zutun wieder ein. Sie wollte von Anfang an nie einen Nuggi, sondern hat sich immer mit ihrem Daumen beruhigt.

Valon, sind Sie ein strenger Vater?
(Lacht.) Ich wärs manchmal gern, aber ich schaffs nicht! Ich bin als Papa viel zu weich. Sofia wickelt mich leicht um den Finger.

War Ihr Vater wie Sie heute?
Das ist nicht zu vergleichen. Mein Vater hatte ein ganz anderes Leben. Er musste richtig hart arbeiten, um die Familie durchzubringen. Und war immer in Sorge, ob das Geld reicht. Trotzdem hat er sich immer um uns Kinder gekümmert. Ich dagegen habe einen Traumberuf, im Vergleich zu ihm richtig easy. Nein, was er als Vater geleistet hat, das war vorbildlich. So finde ich es nur normal, dass ich mich am Nachmittag zu Hause ­engagiere, nachdem Elena am Vormittag die ­ganze Arbeit allein schmeissen muss, wenn ich im Training bin. Meine Familie ist mein wichtigster Lebensinhalt.

Sie stammen aus dem Kosovo, sind in der Schweiz aufgewachsen, leben heute in England, Ihre Partnerin ist Italienerin. Wo gehören Sie richtig hin?
Ganz klar in die Schweiz! Das Leben dort entspricht mir. In London zu leben und zu arbeiten, ist spannend und aufregend. Aber ich denke, dass wir wieder in der Schweiz sein werden, wenn Sofia in die Schule kommt.

Dabei war das mit der Schweiz ja nicht von Anfang an eine Herzenssache …
Das stimmt. Wir fühlten uns als Einwanderer aus dem Kosovo anfänglich nicht sehr gut aufgenommen. Aber ich habe inzwischen Frieden geschlossen mit meiner Vergangenheit. Jetzt fühle ich mich als Schweizer, bin dem Land dankbar. Ich bin ja auch älter und reifer geworden, habe einiges verstehen gelernt, was ich früher nicht akzeptieren konnte.

Hat Sie dieser Reifungsprozess auch als Fussballer besser gemacht?
Sicher, ja. Ich bin mit meinem Weg, den ich zuletzt gemacht habe, trotz der Verletzung sehr zufrieden. Ich bin heute ein anderer Fuss­baller als vor drei, vier Jahren. Positi­ver und optimistischer, ein Spieler, der seinen Ärger und auch Trotz hinter sich gelassen hat.

Das anfängliche Missverständnis zwischen der Schweizer Fussball-Nati und Ihnen ist ausgeräumt? Man hatte ja lange Zeit mehr über Ihr Einzelgängertum als über Ihre Qualitäten auf dem Platz geredet.
Das war so, man hatte sich in der Schweiz nie die Mühe gemacht, hinter diese Äusserlichkeiten zu blicken. Wer mich aber kennt, weiss, dass es mir schon damals um mehr ging. Doch damals regte ich mich auf, wehrte mich gegen das Bild, das man von mir verbreitete. Vielleicht nicht immer auf sehr geschickte Art, zugegeben. Ich habe wohl Sachen gesagt - gerade im Umfeld des Nationalteams -, die meiner Karriere geschadet haben. Heute stehe ich über diesen Dingen. Und seit Ottmar Hitzfeld Natitrainer ist, habe ich auch endlich einen festen Platz im Gefüge gefunden. Er ging unbelastet an mich heran, gab mir meine Chance. Ich denke, ich habe sie genutzt. Aber obwohl ich mich professioneller denn je fühle, obwohl ich Südafrika vor Augen habe, kann ich Ihnen sagen: Ja, ich mag noch immer schöne Kleider, edle Autos, wertvollen Schmuck, ich beschäftige mich mit Lifestyle. siehe 3 Wenn das jemand stört, ist das nicht mehr mein Problem. Man soll mich als Fussballer bewerten. Wollen Journalisten meine wahre Persönlichkeit kennenlernen, müssen sie mich ausserhalb des Fussballfeldes begleiten.

Sie haben die Buchstaben der Vornamen Ihrer Eltern und Ihrer Schwester sowie von Elena auf die Arme tätowieren lassen. Gibts da auch schon ein Tattoo für Sofia?
Noch nicht, aber bald. Ich habe auch schon eine Idee, wies aussehen wird. Das verrate ich aber nicht. Die Tattoos sind mir alle sehr wichtig. Familie, das ist das, woran ich glaube. Menschen können ihre Ansichten über dich jederzeit ändern. Die Liebe deiner Familie aber, die bleibt. Für Elena war das etwas anders. Sie kommt aus einem anderen familiären Umfeld, das nicht so eng war wie unseres. Aber sie hat das sehr zu schätzen gelernt. Sie liebt es, wie nahe wir uns alle stehen, und sie hat meinen Glauben an die Familie inzwischen völlig übernommen.

War Sofia ein Wunschkind?
Und wie! Wir mussten nicht lange üben, bis unser Wunsch in Erfüllung ging …

Ein Schwesterchen oder Brüderchen für Sofia ist noch nicht in Planung?
(Lacht.) In Planung schon, aber noch nicht in Produktion! Zuerst wollen wir unsere Sofia geniessen. Aber wir haben schon die Vorstellung, dass sie kein Einzelkind bleibt.

Die Heirat folgt?
Bald, ja. Sie war eigentlich für diesen Sommer geplant, aber dann haben uns Ver­letzung und Therapien einen Strich durch die Rechnung gemacht. Obs kommenden Sommer klappt, ist noch offen. Ich weiss ja noch nicht genau, wie mein fussballerisches Programm dann aussieht. Könnte sein, dass ich länger in Südafrika bleibe …

Und bei West Ham?
Ich habe einen Vertrag bis 2013. Mir gefällt es hier. Der englische Fussball entspricht meinen Stärken. Und ich konnte ja noch gar nicht richtig zeigen, was ich kann.

Sie haben schon Mitte September wieder in der Premier League gespielt, obwohl Ihre Ärzte bei der Operation im März prognostizierten, dass Sie frühestens Ende Oktober wieder ernsthaft Fussball spielen würden. Ein Wunder?
Ich denke, das war eher taktische Vorsicht der Ärzte. Besser, wenn man sich über eine Rückkehr früher als versprochen freuen darf, als wenn man jemanden vertrösten muss.

Einer Ihrer Mitspieler bei West Ham, ­Calum Davenport, wurde unlängst bei einem Raubüberfall in seinem eigenen Haus niedergestochen. Keine Angst?
Nein, bei uns ist die Situation anders. Wir wohnen in einer Penthouse-Wohnung ziemlich zentral, Nähe Tower Bridge. Die Lage ist ideal. 20 Minuten zum Trainingsgelände, 20 in die Innenstadt. Kommt dazu, dass es bei Calum der Freund seiner Schwester war, der sich Zugang ins Haus verschafft hatte.

Sie fühlen sich wohl in London?
Sehr sogar. Kein Vergleich zu Rom. Hier kann man sich wie normale Leute auf den Strassen bewegen. In Rom war das unmöglich. Die ­eigenen Lazio-Fans waren oft aufdringlich, die gegnerischen Roma-Anhänger manchmal bedrohlich. Das hatte uns den Wechsel nach England auch sehr erleichtert.

Elena, was imponiert Ihnen an Valon?
Vor allem seine Werte. Wie für ihn die Familie heilig ist, das imponiert mir. Aber man versteht es rasch, wenn man in seiner Familie aufgenommen wird. Das sind Menschen, die viel investieren mussten, um das Leben zu führen, das sie jetzt haben. Und Valon ist auch sensibler, als es von aussen aussieht. Unter der Ablehnung des Schweizer Publikums hat er richtig gelitten, auch wenn er es nie zeigen wollte. Er hat nicht verstanden, weshalb. Seit Sofia da ist, ist er übrigens ein bisschen ein «Pigrone» geworden, ein Stubenhocker. Das passt mir ganz gut.

Wie haben Sie sich denn kennengelernt?
Es war in einem Restaurant, wo ich mit Freundinnen zu Abend ass. Valon war auch mit ­Kollegen dort. Wir kamen ins Gespräch, aber ich war erstaunt, wie scheu er war. Er hat sich nicht mal getraut, mich direkt nach meiner Handynummer zu fragen. Eine Kollegin von mir sollte das für ihn tun. Aber das passte mir nicht. Soll er doch selber kommen, wenn er interessiert ist, dachte ich.

Sie hatten sich zuvor nicht gekannt?
Vom Sehen schon. Valon kam einmal in ­unsere Fussball-Talksendung «Quelli que il calcio». Aber das Interview führte nicht ich.

Valon ist eindeutig der Liebling der Frauen unter den Fans. Keine Eifersucht?
Vor allem am Anfang schon. Das ist normal, wenn alle Mädchen deinem Partner nachschauen. Inzwischen amüsiere ich mich darüber, dass es Valon manchmal gar nicht recht ist, wenn ihn weibliche Fans in meiner Gegenwart belagern. Er hat es nicht gern, wenn ich seinetwegen eifersüchtig bin.

Aber er legt Wert auf sein Äusseres …
(Lacht.) Kann man wirklich sagen! Am Morgen frage ich ihn manchmal, ob ich dann allmählich auch mal ins Badezimmer dürfte. Ich bin eindeutig schneller beim Zurecht­machen. Habe ich mal ein bisschen länger, wird er nervös. Er aber lässt mich seelenruhig warten. Vor allem um seine Haare macht er ein richtiges Aufheben. Da muss jedes Strähnchen mit Gel an den richtigen Platz gebracht werden. Seine Frisur ist seine Leidenschaft.

Nebst dem Fussball.
Ja, ich würde sagen, er hat Fussball in seiner DNA. Sieht er einen Ball, muss er ihm einfach nachlaufen, das ist fast schon zwanghaft.

Er würde wohl mit dieser Leidenschaft auch gut nach Spanien passen …
Warum nicht? Ich habe inzwischen gelernt, von Januar bis Mai die Koffer zusammen­zusuchen und mir zu überlegen, was ich ­ alles einpacken müsste für einen Umzug. Es zeigen ja regelmässig mehrere Klubs aus ­verschiedenen Ländern Interesse an Valon. Ich habe das Gefühl, es werden jedes Jahr mehr.

Das heisst für Sie Umzüge statt Rückkehr ins Model- und TV-Business.
Damit habe ich kein Problem. Mich inte­ressieren andere Dinge, seit ich Mutter bin. Ich könnte mir aber vorstellen, mein Marketing- und Kommunikationsstudium noch abzuschliessen. Aber ich gebe zu: Ich habe mich sehr auf dieses Shooting mit GOAL gefreut. Das Posieren vor der Kamera liegt mir schon im Blut. So wie Valon das Fussballspielen.

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