Jörg Kachelmann Er spricht: «Ich habe Menschen verarscht»

Erstmals seit dem Freispruch redet Wettermoderator Jörg Kachelmann über das Geschehene. Darüber, dass er in jeder Sekunde überlege, was man aus seinem Verhalten herauslesen könnte. Darüber, dass er seine neuen Nachbarn darauf getestet habe, ob sie ihn erkannten. Und darüber, dass der Prozess ihn in den finanziellen Ruin getrieben hat.
Vor Gericht sagte Jörg Kachelmann kein Wort. Jetzt, da er freigesprochen wurde, sprach er in einem Interview mit der «Zeit» über das Erlebte.
© Dukas Vor Gericht sagte Jörg Kachelmann kein Wort. Jetzt, da er freigesprochen wurde, sprach er in einem Interview mit der «Zeit» über das Erlebte.

Am 31. Mai 2011 kam die Erlösung für den Wettermoderator Jörg Kachelmann, 52: Das Mannheimer Gericht sprach ihn frei  - «in dubio pro reo», «im Zweifel für den Angeklagten». Mit der «Zeit» spricht er neun Tage danach an einem geheimen Aufenthaltsort erstmals über das Geschehene.

... ÜBER SEINEN FREISPRUCH:
«Noch im Sommer letzten Jahres - Monate nach meiner Verhaftung - hatte ich in einem Interview sinngemäss gesagt: Ich glaube an die deutsche Justiz. Diesen Glauben habe ich seitdem komplett verloren, was den Grossraum Mannheim angeht. Deswegen habe ich auch nicht unbedingt an einen Freispruch geglaubt.»

... ÜBER EINE MÖGLICHE VERURTEILUNG:
« [...] Ich habe viele Dinge verkraftet, von denen ich mir vorher nicht hätte vorstellen können, dass ich sie verkraften würde. Ich sass 132 Tage lang in Untersuchungshaft. Unschuldig im Knast. Immer habe ich gedacht: Wann ist das vorbei? Wenn ich nun verurteilt worden wäre, wäre ich wieder in den Knast gekommen. Dann hätte ein Gericht mir dadurch meine Söhne, die in Kanada leben, weggenommen. Die können mich nicht mal eben im Knast besuchen. Das wäre das Schlimmste gewesen. Und ich wäre in den Augen der Öffentlichkeit ein Vergewaltiger. Kein mutmasslicher, sondern ein verurteilter Vergewaltiger.»

... ÜBER DIE HALTUNG VOR GERICHT:
«Vom ersten Prozesstag an bis zum letzten habe ich versucht, die Fassung zu wahren. Ich wollte mit immer demselben Gesicht in die Tiefgarage des Landgerichts fahren - und mit demselben Gesicht wieder raus. Was geht es die sabbernden Fotografen an, wie's mir geht?»

... ÜBER SEIN SCHWEIGEN VOR GERICHT:
« [...] vor Gericht hatte mir mein Verteidiger Johann Schwenn geraten zu schweigen. Was sollte ich auch mehr sagen als die kurze Wahrheit: ‹Ich war es nicht!› und ‹Ich habe keinem Menschen Gewalt angetan!› Wieso hätte ich mich beteiligen sollen an diesem Schwachsinn, der über mich erzählt wurde? In dem, was ich vor Gericht über mich gehört habe, erkenne ich mich nicht wieder. [...] Was soll ich über lügende Zeuginnen sagen, auf die erwachsen scheinende Menschen wie diese Staatsanwälte und teilweise auch Richter hereinfallen? Was soll ich denn denken ausser: ‹Wow, das gibt es also! Das ist Realität. Darin bin ich jetzt gefangen.› Deshalb hat mein Verteidiger gesprochen, nicht ich.»

... ÜBER SEINEN VERTEIDIGER JOHANN SCHWENN:
«Er war leise. Er war ganz normal. [...] In den Zeitungen stand viel Unsinn. Bild schrieb zum Beispiel: Kachelmanns Verteidiger schlug auf den Richtertisch. Das ist nicht wahr. Er schlug nicht. Er brüllte auch nicht. [...] Und niemand korrigiert das dann, niemand berichtigt die Bild-Zeitung, obwohl alle anderen drinsitzen und auch sehen, dass er weder gebrüllt noch auf den Tisch geklopft hat. [...]»

... ÜBER SEINE FLUCHT AUS DEM GERICHT:
«Ich bin nach dem Ende der Gerichtsverhandlung zu meiner Anwältin Andrea Combé ins Auto gestiegen. Sie fuhr los. Da waren Männer auf Motorrädern, Paparazzi. die waren nicht durch einfache Manöver abzuschütteln. Die blieben dran. In Heidelberg sind wir an einer Ampelkreuzung auch mal bei Gelb rübergefahren - aber die fuhren über Rot. Wir haben ein paar Haken geschlagen und sind in ein Parkhaus gefahren. Ich bin aus dem Wagen gestiegen, habe Frau Combé im Auto sitzen lassen, damit sie alleine weiterfuhr und ich mir irgendwo draussen ein Taxi schnappen konnte. Aber dann sah ich: Es gibt nur einen Ausgang. Und da stand schon wieder einer mit seinem Motorrad. Also bin ich durch den Notausgang geflüchtet, stand plötzlich in einem Innenhof, aus dem man nicht ins Freie kam. Hinter einem Gittertor wartete ein weiterer Fotograf und liess seine Kamera klicken. Ich bin in eines der Gebäude gerannt und stand plötzlich in einem Grossraumbüro, in dem drei Leute sassen, [...] die mich anstarrten. Ich habe gesagt: ‹Guten Tag, ich bin Jörg Kachelmann und möchte mich von den Paparazzi da draussen befreien.› - ‹Ah ja›, sagt eine Frau, ‹ich kenne Sie. Und ich kenne Frau Combé von früher.› Und diese Frau sagte, sie wolle mich in ihrem VW Polo wegbringen. Heimlich. Aber nach allem, was ich erlebt habe, vermeide ich jede Situation, in der ich alleine mit einer unbekannten Frau bin, Aufzug, Strasse, Räuber, wo auch immer. Deswegen habe ich einen der Männer im Büro gebeten mitzukommen. Der hat das auch verstanden. Wir sind dann zu dritt losgelaufen und abgefahren. [...] Ich lag auf der Rückbank, die Beine im Fussraum, über meinem Kopf so eine Fitness-Gummimatte. Später bin ich in ein anderes Auto umgestiegen, mit dem ich Deutschland verlassen habe.»

... ÜBER DAS SPEKULIERTE SCHEITERN SEINER EHE MIT MIRIAM:
«Was geht Sie das an? Oder, um Morrissey zu zitieren, time will prove everything - die Zeit wird es zeigen. Meine Frau steht jetzt unter dem Generalverdacht, nicht nur jung, sondern auch blöd zu sein. Die Leute blicken Miriam an und sagen sich: die Arme. Und dann gucken sie schnell, ob an ihrer Kehle ein Abdruck von einem Hundehalsband zu erkennen ist - weil in einigen Blättern ja stand, ich stünde auf Sadomaso-Praktiken. Die Wahrheit ist: Ich hätte den Gerichtsprozess ohne diese Frau, ohne ihre Intelligenz, Durchsetzungskraft und Entschlossenheit und vor allem ihre Mithilfe ganz sicher nicht so durchgestanden. Ich war in manchen Phasen des Prozesses in einer kompletten Lähmung.»

... ÜBER SEINE VERGANGENEN BEZIEHUNGEN UND SEINE EX-FREUNDINNEN:
«Ich habe Fehler gemacht. Ich habe Frauen belogen und ihnen Räubergeschichten erzählt. Und ich bin nicht stolz darauf. Aber dass ich deswegen nicht mehr alle auf dem Zaun habe, glaube ich nicht. Ich habe - ohne mich exkulpieren zu wollen - auch schon gröbere Lügen gehört als meine. Ich weiss, ich hab mich mies benommen. Ich habe Menschen verarscht. Es gibt keine Entschuldigung dafür. Aber das, was die Nebenklägerin mit mir gemacht hat, als sie sich den Vorwurf der Vergewaltigung ausdachte - das ist keine Verarsche. Das ist kriminell. Dafür gibt es keine Rechtfertigung.»

«Ich hab mich in den Frauen nicht geirrt. Deshalb habe ich mich bei einigen dieser Frauen auch nicht dazu durchgerungen, einen sauberen Schlussstrich zu ziehen. Ich hatte Angst vor dem Wahnsinn, der ausbrechen könnte, wenn ich den Schlussstrich ziehe. Von diesem Wahnsinn habe ich manchmal durchaus etwas geahnt, zwar nicht in dieser ganz heftigen Form als Falschanzeige und Lügen vor Gericht. Aber vieles habe ich immer für möglich gehalten. Sie müssen sehen: Bis zum März 2010, dem Monat meiner Festnahme, hatte ich einen grossen Sorgerechtsstreit um die beiden Kinder. Und weil ich mir alle möglichen Vergeltungsmassnahmen von Seiten der Zeuginnen vorstellen konnte und weil ich fürchtete, dass mich diese Massnahmen im Sorgerechtskampf beschädigen würden, habe ich mich nicht dazu entschliessen können, die Beziehung zu den Frauen sauber zu beenden.»

[...] «Wenn sie jemanden nur alle paar Monate sehen und letzlich nicht viele Gespräche führen, dann lernen Sie diesen Menschen nie richtig kennen. Der grössere Teil meiner Freundinnen war ja anders: rational und besonnen. Die haben keinen Mist über mich erzählt. Aber von der Staatsanwaltschaft Mannheim wirklich ernst genommen wurden nur die, die irgendwelche Geschichten von angeblichen Grezüberschreitungen zum Besten gegeben haben. Zeuginnen, die mich zunächst entlastet, dann belastet und zuletzt doch wieder entlastet haben, hat es auch gegeben. Aber die Aussage einer feindlich eingestellten Zeugin war für mich immer der Moment, in dem ich in Demut dagesessen und zu mir selbst gesagt habe: ‹Kachelmann, du Arsch, da hast du jetzt auch deinen Anteil dran. Da sitzt jetzt diese Frau, die sich betrogen fühlt, und geniesst es, unendliche Macht über dich zu haben.»

... ÜBER ENTSCHULDIGUNGEN:
«Ich habe mich bei praktisch niemandem entschuldigt. [...] Wo es angemessen und richtig und wichtig war, habe ich um Verzeihung gebeten. [Ihre Frau Miriam auch?] Zum Beispiel.»

... ÜBER FREUNDE:
«Ich weiss jetzt, wer was taugt. Es taugen nur ganz wenige, aber die taugen auch tierisch viel. [...] Das sind die entscheidenden drei Prozent [meiner Freunde]. Ich habe 97 Prozent meines Bekanntenkreises verloren. [Die treuen Freunde] haben mir in den Knast geschrieben. [...] Die drei Prozent haben kundgetan, dass sie wissen, dass ich das Verbrechen, das mir vorgeworfen wurde, niemals begangen habe. Die haben nicht - wie die meisten - vorsichtshalber so getan, als würden sie mich nicht mehr kennen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass jetzt - nach dem Freispruch - wieder ganz viele Verschollene aus ihren Löchern kriechen und behaupten: ‹Wir haben es schon immer gewusst.› Aber bisher ist es so, dass alle, die sich abgemeldet haben, konsequent weiter schweigen.»

... ÜBER SEINEN TAGESABLAUF UND SEINE MOMENTANE VERFASSUNG:
«Ich schreibe an einem Buch, das bald herauskommt. Es soll den Titel Mannheim tragen, Mannheim als Sinnbild des Elends. Manchmal schreibe ich eine Stunde lang am Tag, manchmal zehn Stunden. Das ist mein Versuch, mich in den Kampf gegen die Leute zu begeben, die mich in den Knast bringen wollten. [...] Dauernd muss ich mich fragen: Lauert hinter dem nächsten Busch wieder ein Leserreporter der Bild-Zeitung? Ich benutze mein Handy sehr, sehr selten, weil ich fürchten muss, dass ich von einem Profi, der sich mit Technik auskennt, zu lokalisieren bin. [...] Ich achte jetzt sogar darauf, was ich in den Müll werfe, weil es ja sein kann, dass mein Müll aufschlussreich ist für Journalisten, die darin herumwühlen. Ich antizipiere in jeder Sekunde alles, was man aus meinem Verhalten herauslesen könnte. Jede Sekunde. Sonst könnte ich mich hier nicht sicher fühlen.

Die Nachbarn des abgelegenen Häuschens, in dem Kachelmann zurzeit lebt, wüssten nicht, wer er ist, sagt er. Das habe er getestet.

«Ich leide nicht unter Verfolgungswahn [...]. Aber heute rief einer dieser Bild-Reporter an - und ich vermute, dass er nur den Ton des Freizeichens auf meinem Handy hören wollte, um auf diese Weise meinen ungefähren Aufenthaltsort einkreisen zu können. Dieser Bild-Journalist hat bei mir einen Rückruf bestellt, aber keinen Grund gesagt, warum ich zurückrufen sollte. Ich bin sicher, dass die Boulevardmefdien überall U-Boote haben. In allen wichtigen Organisationen haben die einen sitzen, damt er mal kurz in den Computer guckt. [...] Ich bin einfach vorsichtiger geworden bei dem bisschen Privatleben, was noch bleibt. Ich leide wirklich nicht unter Verfolgungswahn, ich vermute aber, dass die Boulevardzeitungen immer einen beim Handyprovider kennen, den sie anrufen können, um herauszufinden, von wo ich gerade telefoniere. [...] Aber bei mir ist jetzt sowieso alles easy, weil ohnehin alle alles über mich wissen: Freedom's just another word for nothing left to lose - Freiheit ist bloss ein anderes Wort dafür, dass man nichts mehr zu verlieren hat. Das ist so. Das ist das Schöne und Angenehme. Die Einfachheit, die Wahrheit, die Aufgeräumtheit in meinem Leben.»

... ÜBER DIE ÄNDERUNGEN IN SEINEM LEBEN:
«Ich betrete kein Flugzeug der Lufthansa mehr, weil es ein Lufthansa-Flug war, aus dem ich in Frankfurt stieg,wo ich im März letzten Jahres auf dem Flughafen verhaftet wurde. [...] Ich möchte in diesem Leben auch nicht mehr in Frankfurt landen. Ich kann das nicht mehr. [...] nach diesem Erlebnis mit dem Gericht in Mannheim und mit dieser Kriminalpolizei im badischen Schwetzingen, wo mir diese ganze Lügengeschichte ja angedichtet worden war, meide ich ganz Baden-Württemberg. Ich will da nicht mehr hin.»

... ÜBER DIE ZUKUNFT:
«Ich werde die Behauptung nicht auf mir sitzen lassen, dass ich gewalttätig gewesen sein soll. Es gab keine Gewalt in meinem Leben. Keine Gewalt gegen Erwachsene, keine gegen Kinder, keine Übergriffe, auch keine sogenannten Grenzerkundungen und schon gar keine -überschreitungen. Zivil- und strafrechtlich werde ich versuchen, alle Leute zu belangen, die das behauptet haben. Durch das Internet ist das ja alles gut dokumentiert. Alles, was deutschen, schweizerischen und amerikanischen Anwälten einfällt, möchte ich in die Schlacht werfen.»

... ÜBER SEINE FINANZIELLE LAGE:
«Finanziell hat mich das alles komplett fertiggemacht. [...] Heute ist jeder Monat für mich eine neue Herausforderung, ich muss hohe Schulden abzahlen. Deswegen möchte ich über die Zeit jetzt mal alle dazu aufrufen, mir mein fantastisches Seegrundstück in Kanada abzukaufen. [...] Es ist ein vollkommen angemessener Preis für 40 Hektar. Es gibt auch einen schönen See auf dem Gelände. [Es kostet] 1,4 kanadische Dollar. Das ist in Euro bloss eine knappe Million.»

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