Der SVP-Politiker im grossen Porträt Erich Hess würde seine Ukraine-Freundin nicht einbürgern

Er ist der Ämtli-König der Schweiz! Der Berner Erich Hess sitzt neuerdings in drei Parlamenten – das schafft er nur mit seinem E-Trottinett. In der Politik gibt er den hemdsärmligen SVPler, daheim hat seine Freundin die Hosen an.
Erich Hess
© Remo Nägeli

Blocher-Pose: SVP-Politiker Erich Hess in seinem Zuhause in Niederbottigen BE.

Erich Hess stürmt zur Tür heraus, noch bevor man klingeln kann. «Wissen Sie, ich bin drum nicht angeschrieben», sagt er, «ist mir lieber so.» Dann führt er in sein Wohnzimmer, eine Mischung aus Bankettsaal und Heilsarmee-Brocki: schwere Vorhänge, Stühle mit weissem Überwurf, an der Wand uralte, gerahmte Zeichnungen, auf dem Tisch eine Erdbeertorte. «Schätzeli», ruft er, «bringst du noch die Tellerli?»

Erich Hess
© Remo Nägeli

In diesem renovierten Bauernhaus wohnt und arbeitet der streitbare SVP-Politiker.

Hess und sein «Schätzeli» mögens ruhig

Schätzeli heisst mit richtigem Namen Lilyia Conte, ist 39 und seit einem halben Jahr Hess’ Freundin. Zusammen wohnen sie im Elternhaus des Stadtberner SVP-Präsidenten Thomas Fuchs, der Hess jahrelang gefördert hat. Ein ruhiges Leben am Stadtrand, zwischen Feldern, Ställen und Schweizer Fahnen. «Ich brauche das», sagt Hess, «in der Politik habe ich genug Gstürm.»

Erich Hess und Freundin Lilyia Conte
© Remo Nägeli

Beim Zvieri mit seiner Freundin Lilyia Conte: «Sie macht im Haushalt sicher mehr als ich.»

Drei Mandate für den Polteri

Erich Hess politisiert und provoziert rechts aussen. Er sprach schon von «dealenden Negern», verglich Asylbewerber mit Ameisen und das Kulturzentrum Reitschule mit einer «hässlichen Frau». Trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner hemdsärmeligen Art wählen ihn die Berner immer wieder. Seit 2005 sitzt Hess für die SVP im Stadtrat, seit 2015 im Nationalrat – und seit diesem Juni auch im Grossrat, im Berner Kantonsparlament. Einen ähnlichen Fall hat es bisher nicht gegeben. Die meisten Politiker lehnen bereits ein Doppelmandat ab.

Zum Beispiel die Schweizer Juso-Chefin Tamara Funiciello. Zusammen mit Hess schaffte sie den Sprung in den Grossrat. Deshalb zog sie sich aus dem Berner Stadtrat zurück. Sie sagt: «Ich glaube nicht, dass man zwei Ämter gleichzeitig seriös ausüben kann.» Ausserdem sei sie gegen das «Ämtlisammeln».

Erich Hess sieht das anders: «Die Berner haben mich in den Grossrat gewählt – jetzt sage ich sicher nicht, ätschpätsch, ich nehme das Mandat nicht an.» Hess ist ein Chrampfer. Grob gerechnet kommt er mit den drei Mandaten auf ein Minimalpensum von 110 Prozent, daneben führt er vier Immobilienfirmen und ein Treuhandunternehmen.

Erich Hess
© Remo Nägeli

Ein Mann, drei Mandate: Hess ist Berner Stadtrat, Grossrat und Nationalrat.

Mit dem E-Trotti von einem Amt zum anderen

Alles aneinander vorbeischleusen? Eigentlich unmöglich! Im Juni etwa haben sich die Sessionen von Nationalrat und Grossrat überschnitten. Was tat Hess? Er kaufte sich ein Elektrotrottinett! Dieses Gute-Laune-Mobil passt zu ihm. In kerzengerader Pose braust er allen davon, freut sich diebisch, wenn er es sausen lassen kann – auch wenn die Pflastersteine der Berner Altstadt seine Knie hart prüfen.

Zweieinhalb Minuten dauert die Fahrt vom Rathaus ins Bundeshaus. «Bisher habe ich noch keine Abstimmung verpasst», sagt er. Auch wenn das bedeutet, dass er pro Tag dreimal hin- und herfahren muss. Ihm ist egal, wenn dumme Sprüche kommen. «Ich mache ja nicht Politik, um zu gefallen.»

Erich Hess
© Remo Nägeli

Dank dem E-Trotti hat Hess noch keine Abstimmung verpasst. 2,5 Minuten dauert die Fahrt vom Berner Ratshaus zum Bundeshaus. 

Zum zweiten Mal mit Freundin Lilyia zusammen

Er sei hart im Nehmen, sagt er daheim am Stubentisch, nimmt ein zweites Stück Erdbeertorte und schletzt der Freundin auch eines auf den Teller, noch bevor sie Nein sagen kann. «Aber hier habe ich gerne meine Ruhe, gäu, Schätzeli.»

Lilyia Conte, gebürtige Ukrainerin, nickt, sie wirkt zurückhaltend. Was möglicherweise daran liegt, dass sie nicht so gut Deutsch spricht. Obwohl sie seit fast 20 Jahren in der Schweiz lebt und in einem Take-away arbeitet.

Bei einem, der sagt, der Schlüssel für eine gelungene Integration sei die Sprache, kommt man nicht umhin zu fragen: «Würden Sie Ihre Freundin also nicht einbürgern?» Hess rettet sich mit einem Lachen aus der Verlegenheit, gibt zu, Lilyias Deutsch dürfe besser sein, schiebt dann nach: «Aber sie hat immer 100 Prozent gearbeitet und einen grossen Freundeskreis.» Herr Hess, ja oder nein? «Es längt wohl noch nicht.»

Bereits zum zweiten Mal ist er mit Lilyia zusammen – «die erste Runde ist 13 Jahre her». Dazwischen war Funkstille, bis sie ihn letzten Herbst auf Facebook anschrieb. «Da ging es relativ zügig.»

In einer Beziehung sei ihm Vertrauen sehr wichtig. Ausserdem streite er nicht gerne. «Wobei meine Freundin die Einzige ist, die mich richtig hässig machen kann.» Weil er sich bei ihr verletzlicher zeigt? Er zuckt mit den Schultern, überlegt.

Erich Hess und Freundin Lilyia Conte
© Remo Nägeli

Bei Lilyia zeigt Hess seine verletzliche Seite: «Sie ist die Einzige, die mich richtig hässig machen kann.»

«Meine Eltern hatten es nicht einfach mit mir»

Plötzlich bekommt man eine Ahnung davon, dass Hess, von dem es heisst, er sei der schmerzfreiste Politiker im Land, auch leise sein kann. Er hat, noch keine 40, beide Eltern verloren, die Mutter starb 2008, der Vater vor zwei Jahren. Das muss was mit einem machen.

«Meine Eltern hatten es nicht einfach mit mir», sagt er, «ich hatte schon gäng meinen eigenen Gring.» In Zollbrück im Emmental BE ist er gross geworden. Sein Vater war Geschäftsführer einer Landi, die Mutter schaute daheim zum Rechten. Nach der Schule machte er eine Lehre als Lastwagenführer – und trat der SVP bei. Er habe sich furchtbar aufgeregt: «Weil alle in die EU wollten, weil die Zuwanderung sehr hoch war und die Steuern und Abgaben stiegen.»

Erich Hess
© Remo Nägeli

«Nichts ist schlimmer, als wenn unangemeldet Gäste kommen und das Bier aus ist», sagt der SVPler daheim im Pool.

Keine eigenen Kinder für den Senkrechtstarter 

Mit 24 wurde Hess in den Stadtrat gewählt, mit 29 in den Grossrat und mit 34 in den Nationalrat. Waren seine Eltern stolz auf ihren politischen Senkrechtstarter? Es ist das zweite Mal, dass er an diesem Nachmittag stockt. Dann holt er aus. «Mein Vater erhob meistens den Mahnfinger.» «Erich», habe er 2010 nach seiner Wahl in den Grossrat gesagt, «in diesem Gremium kannst du dann nicht mehr so blöd tun wie im Stadtrat.» Erst nach seinem Tod hat Hess im Gespräch mit Freunden erfahren, «dass Vater stolz auf mich war».

In einer Ecke in Hess’ Wohnzimmer steht ein Kinderhochstuhl – als Bub sass Erich oft darin. Heute kommt der Sitz zum Einsatz, wenn seine Schwester mit den Kindern zu Besuch ist. Das Verhältnis zu ihr sei «hervorragend», sagt er, obwohl sie links wähle. Herr Hess, bleiben wir noch kurz beim Kindersitz … «Nein, nein», ruft er, noch bevor man fragen kann. «Ich mag Kinder, aber sie den ganzen Tag um mich haben? Nein, merci.»

Auch interessant