Zoë Jenny «Es war eine Tortur»

Schriftstellerin Zoë Jenny bricht ein Tabu. Sie liess ihr Kind im Reagenzglas zeugen. Aus purer Not. Jetzt spricht die Baslerin erstmals darüber: «Wie mir geht es vielen Frauen. Wir müssen uns Mut machen.» Denn: Es gibt Wege aus der Kinderlosigkeit.

Freitagnachmittag, 14 Uhr, im Grand Hotel Les Trois Rois. Schriftstellerin Zoë Jenny, 35, ist zu Besuch bei ihrem Vater in Basel. Sie bestellt kalte Schokolade und ein Poulet-Sandwich. «Darauf habe nicht ich Lust, sondern das Baby!», witzelt sie. Das Bäuchlein der Schweizer Bestsellerautorin zeichnet sich deutlich ab. Sie ist im fünften Monat schwanger.

Ihre elegante schwarze Hose und die offenen High Heels machen sie zur «Yummy Mummy» – einer attraktiven Mutter, wie die Leute in Zoë Jennys Wahlheimat England sagen. Nur: Was hier so selbstverständlich und natürlich wirkt, ist das Ergebnis einer vierjährigen Leidenszeit. Mit Happy End. Davor aber mit Wut, Trauer, Verzweiflung. Und der Frage: Warum ich? Warum wir?

Zoë und ihr Ehemann, der englische Tierarzt und Pharma-Berater Matthew Homfray, 29, lernen sich im April 2002 im Hotel Suvretta House in St. Moritz kennen. Er ist Sohn einer alten und sehr wohlhabenden englischen Land­adelsfamilie. Vergangenen Juli krönen sie ihre Liebe mit einem rauschenden Hochzeitsfest in St. Moritz. Zum perfekten Glück fehlt nur noch ein Baby. Doch dieser Wunsch bleibt dem Paar unerfüllt – bereits seit drei Jahren, als sie heiraten. Grund? Unbekannt.

Kurz nachdem Zoë 2003 zu ihrer grossen Liebe nach London zieht, ist klar: «Wir wollen Kinder.» Die beiden probieren es eineinhalb Jahre. Ohne Erfolg. Sie lassen sich testen. Die Diagnose des Arztes: «Unerklärte Unfruchtbarkeit.» Das können Zoë und Matt nicht glauben. Und suchen einen zweiten Arzt auf. Der gelangt zum selben Ergebnis: Medizinisch sei zwar alles in Ordnung, aber die Chance, schwanger zu werden, gleich null – weil es schon so lange nicht geklappt hat. «Erst war ich nur hässig, dann unendlich traurig.»

Zoë Jenny ist aber noch lange nicht bereit, ihren Kinderwunsch aufzugeben. Wie ihr geht es vielen Frauen. Auch in der Schweiz. Die ungewollte Kinder­losigkeit kann an hormonell bedingten Eizellreifungs-Störungen oder an beschädigten oder fehlenden Eileitern liegen. Immer häufiger sind aber auch Männer zeugungsunfähig: wegen zu wenig, zu wenig beweglichen oder nicht genügend normal geformten Spermien. 

Untersuchungen des Bundesamtes für Statistik zeigen, dass es bei fast jedem zweiten kinderlosen Paar an der Zeugungsunfähigkeit des Mannes liegt und nur zu 16 Prozent an der Unfruchtbarkeit der Frauen. Bei jedem fünften Paar sind beide betroffen. Und jedes zehnte Paar bekommt dasselbe zu hören wie Zoë und Matt. Das sei furchtbar: «Mir wäre lieber gewesen, man hätte eine konkrete medizinische Ursache ge­funden», erzählt Zoë. «Es war sehr schwer, mich mit einer so hoffnungs- und sinnlosen Diagnose abfinden zu müssen.» 

Schweizer Illustrierte: Sie taten es trotzdem?
Zoë Jenny: Ich musste über viele Jahre lernen, den Kinderwunsch loszulassen. Die Ärzte wiesen uns nicht auf künstliche Befruchtung hin. Natürlich sprachen Matt und ich dennoch darüber. Doch ich wollte diese Möglichkeit so lange wie möglich hinauszögern. Ich wusste: Wenn es damit nicht klappt, muss ich mich definitiv mit der Kinderlosigkeit abfinden. Also entschied ich mich zuerst für alles andere: Akupunktur, Massagen, Hypnose und intra-uterine Insemination.
 

Bei dieser Methode wird ein Sper­mium direkt in die Eizelle injiziert. Zoë und Matt versuchen dies zweimal – vergebens. Kurz vor der Hochzeit gelangt Zoë zur Überzeugung: Jetzt muss das Thema ruhen! Das Paar führt trotzdem intensive Gespräche und beschliesst, auch ohne leiblichen Nachwuchs ist ein glückliches und sinnvolles Leben möglich.

Matt und Zoë denken an Adoption. «Doch Matt wollte, dass wir zuerst alles versuchen, zumal Adoptieren in England ein unglaublich langer und komplizierter Prozess ist. Ausserdem muss man nachweisen, dass man vorher alles getan hat, um schwanger zu werden.»

Der letzte Schritt zur Schwangerschaft ist oft die In-vitro-Fertilisation, die Befruchtung im Reagenzglas. Matt plädiert deshalb kurz nach der Hochzeit im vergangenen Herbst dafür. Er hat auch schon die Londoner Privatklinik Assisted Reproduction and Gynaecology Centre ins Auge gefasst. Sie gilt als renommiertestes Reproduktionszentrum Englands und weist eine aussergewöhnlich hohe Erfolgsrate auf – 55 Prozent beim ersten Befruchtungszyklus. Trotzdem scheut sich Zoë nach wie vor, den entscheidenden Schritt zu wagen. 

Warum änderten Sie Ihre Meinung dann doch noch?
Ich hörte meine Biouhr immer lauter ticken. Und ab 35 nimmt die Fruchtbarkeit weiter ab. Ich wollte auch wirklich alle Möglichkeiten ausschöpfen. Obwohl ich die Hoffnung bereits aufgegeben hatte und nicht mehr an ein leibliches Kind glaubte. Der Vorteil: Ich ging lockerer zur Behandlung. Dachte, jetzt beweise ich Matt nur noch, dass es wirklich nicht geht.
 

Die In-vitro-Fertilisation beginnt für Zoë im Spätherbst 2008 nach diversen Tests. Zuerst senken Medikamente die Eigentätigkeit ihrer Eierstöcke, damit mehr als eine Eizelle heranreifen kann. Dank der anschliessenden Hormonbehandlung entwickeln sich 15 Eizellen. Ständig muss Zoë zur Blutentnahme und für Spritzen auf Abruf in die Klinik eilen, manchmal bis zu dreimal täglich – auch spät abends. «Ein Fulltime-Job», erinnert sie sich. «Beide Arme und mein Bauch waren zeitweise völlig verstochen. Die unzähligen Spritzen schmerzen und lösen extreme Stimmungsschwankungen aus.»

Die herangereiften Eizellen werden Zoë in einer Operation unter Vollnarkose entnommen und im Reagenzglas befruchtet. Der nächste heikle Schritt ist der Embryonentransfer – der Arzt muss die am besten geeignete Eizelle mit einer Kanüle ideal in der Gebärmutter platzieren. Eine neue Methode – die Polkörper-Untersuchung wird demnächst auch in der Schweiz eingeführt. Wegen der damit verbundenen Check-ups steigen die Kosten der In-vitro-Fertilisation allerdings auf rund 10 000 Franken (gegenüber den bisherigen 4000 bis 9000 Franken pro Versuch). 

Wie erlebten Sie die künstliche ­Befruchtung?
Sie war eine körperliche und mentale Tortur. Noch viel schlimmer, als ich es mir je vorgestellt hatte – obwohl ich sehr gut informiert war.

Was war das Schlimmste?
(Überlegt lange.) Nicht zu wissen, weshalb ich mir das alles antun muss. Die zahlreichen Schicksale, die ich in der Klinik mitbekam. Die pure Verzweiflung, wenns bei einem Paar mal wieder nicht klappte. Der mentale Stress, ständig mit der Kinderlosigkeit konfrontiert zu sein.
 

Trotz allem bleibt Zoë zuversichtlich und hofft mit Matt auf den Erfolg beim ersten Zyklus. Statistisch gesehen müssen Frauen in der Schweiz mehrmals antreten: Durchschnittlich brauchts 1,6 Behandlungszyklen.

Matt steht seiner Frau während der ganzen Zeit zur Seite: «Glücklicherweise hat er einen starken Charakter. Da wir beide die Behandlung wollten, litt unsere Beziehung nicht darunter.» Ihnen bleibt allerdings kaum Zeit zum Nachdenken – bis zu dem Moment, als ihr der Embryo in die Gebärmutter eingesetzt wird. Danach gilt: zwei Wochen warten und bangen. 

Wie empfanden Sie diese Zeitspanne?
Ich fiel in ein Loch. Zwei Monate war ich voll damit beschäftigt, und von einem Tag auf den anderen gibts nichts mehr zu tun. Wir mussten nur noch abwarten – die Ungewissheit war schlimm. Und dann endlich …

… erfuhren Sie, dass es eingeschlagen hat.
Ein unglaublicher Moment! Der Anruf kam, als wir auf dem Weg zur Klinik waren. Wir konnten unser Glück kaum fassen und empfanden unglaubliche Dankbarkeit. Eine tiefe Verzweiflung fiel von mir ab. Ich hätte wildfremde Menschen auf der Strasse umarmen können!

Sie haben sich entschlossen, öffentlich über Ihre künstliche Befruchtung zu sprechen. Weshalb?
Vielen Frauen geht es wie mir. Ich weiss, wie schmerzhaft ein unerfüllter Kinderwunsch ist! Deshalb müssen wir uns Mut machen. Das Thema künst­liche Befruchtung ist ein Tabu, obwohl die Geburtenrate in der westlichen Welt stetig abnimmt. Das liegt auch daran, dass viele Paare nicht über die Möglichkeiten der heutigen Reproduktionsmedizin aufgeklärt werden. Viele sind unangenehm berührt, wenn ich über meine künstliche Befruchtung spreche. Dieses Unter-den-Teppich-Kehren ist ungesund.
 

Typisch für die Baslerin: Sie setzt ihre Erfahrungen in ihren Romanen um – so wie sie es 1997 in ihrem hochgejubelten Erstlingswerk «Das Blütenstaubzimmer» tat. Im Buch thematisiert sie das Leben eines Scheidungskindes, das sich nirgends daheim fühlt. Und beschreibt damit einen Teil ihres eigenen Lebens. Sie wuchs bei ihrem alleinerziehenden Vater, dem Verleger Matthyas Jenny, auf. «Auch in meinem neuen Buch fliessen meine Erlebnisse der letzten Monate und Jahre ein», sagt die Schriftstellerin. In «The Sky Is Changing» geht es um ein kinderloses Paar in London. Das Werk erscheint nächsten Mai, erstmals gleichzeitig auf Deutsch und Englisch.

Klar spricht Zoë auch offen über die Behandlungskosten: Rund 20 000 Franken hat das Paar selbst berappt, weil es die Dienste einer Privatklinik in Anspruch nahm. Auch weniger begüterte Paare brauchen nicht auf den möglichen Ausweg aus der Kinderlosigkeit zu verzichten: In England werden bis zu drei Behandlungszyklen von der Krankenkasse übernommen. Nicht so in der Schweiz: Hier müssen alle ­Kosten vollumfänglich selbst getragen werden.

Zoë wird unruhig. «Jetzt brauche ich Kohlenhydrate!» Sie bestellt Penne mit Tomatensauce. Und strahlt glücklich: «Doch. Die Tortur hat sich gelohnt. Wir bekommen unser Wunschkind – und es wird jeden Tag spüren, wie sehnlich wir es erwartet haben.»

Auch interessant