Der Sturm vor der Ruhe So erlebt Fabian Cancellara seine letzte Tour de Suisse

Im Herbst geht seine Rad-Karriere zu Ende. Zuvor gibt Olympiasieger Fabian Cancellara auch an seiner letzten Tour de Suisse noch einmal Vollgas - und gewährt intime Einblicke in seinen Rennalltag.

Fabian Cancellara zieht im Zimmer 507 des Parkhotels Zug seine eigene Bettdecke aus einer der drei grossen Taschen. «Ich weiss nicht, weshalb ich immer am meisten Gepäck habe. Und das schwerste!» Das Duvet ist bedruckt mit Symbolen, die seit Jahren auch seine Rennmaschinen zieren; ein Geschenk seines engsten Betreuerstabs. Dann nimmt der 35-Jährige die beiden Necessaires und packt im kleinen Badezimmer mehrere Haarprodukte, Gesichtspflege, Pediküre-Set und seine elektrische Zahnbürste aus. «Ich bin eine halbe Kosmetikerin», witzelt er, «aber man sagt ja auch, ich sei eine Diva, nicht?»

Heute ist Pflegetag, zu Hause kommt er mit seinen zwei Töchtern Elina, 4, und Giuliana, 9, nicht so oft dazu. Nun geht er der Beinrasur mit dem ihm eigenen Perfektionismus nach.

Nervös wie lange nicht mehr

Dann zieht Cancellara sein Pyjama an und legt sich aufs Bett. Auf dem Nachttischchen liegt kein Buch, Cancellara ist erklärter Anti-Leser, «sonst schlafe ich nach fünf Minuten», und der Fernseher läuft, ohne dass er ihn richtig wahrnimmt. Er sollte noch Mails erledigen und seine Sachen für morgen packen, aber er mag heute nicht mehr. Es ist kurz vor 22 Uhr, und noch wartet im Zimmer nebenan der Osteopath auf ihn.

Es ist der Abend vor dem Prolog der Tour de Suisse, seiner letzten. Eigentlich sind die kurzen Auftaktrennen «Business as usual» für den Olympiasieger und vierfachen Weltmeister im Zeitfahren. Zeit seiner Karriere war er jedesmal Favorit. «Prologe und Cancellara, das ist wie Sonntag und Zopf.» Passt. Aber er ist so nervös wie schon sehr lange nicht mehr. «Ich habe mir fast in die Hosen gemacht», wird er nach dem Rennen sagen. Er will in seiner letzten Saison nicht ein bisschen ausfahren und ins Publikum winken, sondern mit einem Knall abtreten. Zeigen, dass er der Grösste ist. Geschichte schreiben - nichts weniger war der Anspruch des Berners an seine Karriere.

Bei der Mannschaftspräsentation ist sein Autogramm neben jenem von Weltmeister Peter Sagan das gefragteste. Die Veranstalter haben Verspätung, das Team Trek sitzt hinter dem Festzelt sehr unglamourös auf zwei Holzbänken und wartet. Die Tage sind lang. Ein Junge traut sich, nach einem Selfie zu fragen, und strahlt danach übers ganze Gesicht. Sein erwachsener Begleiter sagt: «Das ist, wie wenn ein Mädchen ein Bild mit Justin Bieber erhält.»

Auftaktsieg in seiner letzten Tour

Renntag. Cancellara hat ausgeschlafen. Die Lockerheit ist nun der Anspannung, totaler Konzentration gewichen. Überflüssige Bewegungen oder Gespräche fallen weg. «Fäbu» startet erst um 17.30 Uhr, die Zeit bis dahin gilt der Vorbereitung: Über 30 Minuten lang schaut er sich auf dem Velo die 6,4 Kilometer des Parcours genau an. Um 14.30 Uhr beim Essen im Hotel werden Steigung, Gegenwind und die Oberfläche der Strasse diskutiert. Er verputzt zwei grosse Portionen Reis mit Schinken und Olivenöl in null Komma nichts. Noch ist die Nahrungsaufnahme bloss Mittel zum Zweck. «Meine Frau sagt immer, ich esse wie ein Staubsauger», erzählt er. Das Essen auch geniessen zu können, darauf freut er sich nach der Karriere. Natürlich ohne zu übertreiben und zehn Kilogramm zuzulegen - «so eitel bin ich schon».

45 Minuten vor dem Prolog begibt er sich auf die Rolle vor dem Teambus, um seinen Körper auf die kommende kurze, aber äusserst intensive Belastung vorzubereiten. Der Schweiss fliesst in Strömen, während sich seine Gesichtszüge vor Anstrengung verzerren. Die Zuschauer, bloss eine Armlänge vor Cancellara, filmen und fotografieren.

Dann gehts zum Start. Es tröpfelt. Die Strassen sind teils nass, teils trocken, doch Cancellara prescht mit einer Sekunde Vorsprung über die Ziellinie. Minutenlang steht er über seinen Lenker gebeugt. Erschöpft, aber erleichtert. Auftaktsieg in seiner letzten Tour de Suisse, wie bei der ersten Teilnahme vor 13 Jahren, damals in Egerkingen, ganz zu Beginn der grossen Karriere. Eine runde Sache, der Kreis schliesst sich. In Sachen Etappensiege schliesst er zu den grossen Rundfahrern Ferdy Kübler und Hugo Koblet auf, «Fahrer aus der neuen und alten Zeit, das passt gut als Abschluss». Seine letzte Saison im Jahr 16, das passt auch, 1+6 macht 7, seine Lieblingszahl, die in der Karriere immer wieder eine wichtige Rolle gespielt hat. In Form einer Startnummer etwa oder dem Prologsieg an der Tour de France am 7. 7. 07.

Darauf freut sich Fabian Cancellara

Im Herbst ist damit Schluss. Und danach? Fängt ein neues Leben an, ein richtiges sozusagen. Denn Cancellara hat immer betont, dass dieses «Dasein im Hamsterrad des Rennsports» wie eine Parallelwelt sei, nicht die Realität. «Es wird eine Herausforderung für uns alle», sagt er und meint damit auch seine Frau und seine Töchter. Er war in all den Jahren immer nur stückchenweise Teil dieses Familienlebens und hat Respekt vor der Zeit, dem Alltag, neuen Aufgaben. «Das Wichtigste wird sein, sich an den Rhythmus zu gewöhnen.» Er freut sich auf Wochenenden mit der Familie, an denen er nicht sein Velo mitnehmen muss. Aufs Skifahren im Winter. Und darauf, dass er nicht mehr aufs E-Bike von Ehefrau Stefanie angewiesen ist, um Kraft zu sparen, wenn er die Kinder aus der Kita abholt.

Beruflich will er wieder etwas bewegen, nicht zu Hause auf dem Sofa sitzen und Däumchen drehen. Gewisse Projekte sind aufgegleist. Unter anderem arbeitet er an der Entwicklung eines neuen Velocomputers. Auch mit seinem Teamsponsor Trek soll er in irgendeiner Form weiterarbeiten.

Der Tag nach dem Prolog. «Guten Morgen», brummelt Cancellara um 9.45 Uhr und lächelt, «ich muss zuerst noch wach werden.» Am Abend zuvor ist er nach allen Verpflichtungen des Siegers als Letzter zum Nachtessen erschienen, wo die Teamkollegen schon mit einem Glas Wein zum Anstossen warteten.

Auch dies: eines der letzten Male. Sein letzter Auftritt in der Schweiz wird vermutlich die Tour de France sein, eine Etappe endet in seiner Heimatstadt Bern. Am 18. Juli wäre das. Acht minus eins gleich sieben. Passt.

Weitere intime Bilder von Fabian Cancellara während seiner letzten Tour de Suisse gibt es in der «Schweizer Illustrierten» Nr. 24 - ab 17. Juni am Kiosk, auf Ihrem iPad oder im webReader

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