15-jährige Alphornbläserin Anna Rudolf von Rohr So exotisch kann Urchiges klingen

Wenn sie Alphorn bläst, bleibt einem die Luft weg. Die 15-jährige Anna Rudolf von Rohr aus Selzach SO ist ein Riesentalent. Und beweist, wie exotisch Urchiges klingen kann. Die «Schweizer Illustrierte» hat den Teenie begleitet.

Wer so heisst, braucht keinen Künstlernamen.

Anna Rudolf von Rohr. Anna ist 15 und spielt Alphorn. Virtuos, furios - einfach grandios.

Das ist der Final. «Folklorenachwuchs». Den ganzen Tag traten junge Formationen auf, jetzt dürfen die zwölf besten nochmals aufspielen. Das Publikum im Saal applaudiert, Scheinwerfer blenden, auf der Bühne ragen Mikrofone in die Höhe, so zahlreich und dicht wie Jungtännchen in einer Baumschule. Radio SRF Musikwelle überträgt live, «willkomme dihei am Radio und do im Saal», es ist Samstagabend, 20 Uhr, beste Sendezeit.

Anna Rudolf von Rohr.

Sie betritt die Bühne, Startnummer 9, «die isch s Zähni», raunt ein Zuschauer. Anna schielt scheu zur Fachjury, die auf einem Holzpodium hockt wie Jäger auf dem Hochsitz. Sie umfasst ihr Alphorn, schliesst die Augen und spielt. Ihr Finalstück. «Uf em Bettlestock». So atemberaubend schön, auf so hohem Niveau, wie sie das Stück interpretiert, müsste es «Uf em Everest» heissen.

Ein paar Stunden vorher. Zehn Uhr am Morgen. Anna ist übel, die Autofahrt von ihrem Wohnort hierher plagt ihren Magen. Begleitet wird sie von ihrer Mama, Erna Rudolf von Rohr, 46. Vater René, 49, hütet daheim den Hund (zum Final wird er dann doch noch eintreffen). Anna trägt eine Solothurner Tracht, man habe das gute Stück für hundert Franken auf einem Markt erstanden, erzählt die Mama. Anna will sofort den Saal sehen, wo sie heute ihre Auftritte hat. «Doch, ja, die Akustik ist gut.» Ein Ort, wo man gewinnen kann? Sie lacht, ist verlegen, windet sich, sagt: «Die anderen sind auch gut.» Im Laufe dieses Tages werden wir lernen, dass grandioses Alphornspiel wohl eine ähnlich delikate Herausforderung ist, wie Anna süffige Interview-Antworten zu entlocken.

«Folklorenachwuchs» ist so etwas wie die Junioren-Schweizer-Meisterschaft für Jodel, Alphorn und Volksmusik. Das sind reizende Worte für die einen, Reizworte für die anderen. Kaum eine Musikszene wird von Unkundigen und Spöttern so gnadenlos in die Heile-Welt-Schublade versenkt wie die Musik fürs Volk. Fast könnte man meinen, die Organisatoren wollten mit der Wahl des Austragungsortes trotzig einen Kontrapunkt setzen: Niedergösgen SO, Industriegebiet, Mehrzweckhalle, am Horizont dampft der Kühlturm des Kernkraftwerks Gösgen. Auch das ist Heimat. Ein Helfer am Dorfeingang stoppt jedes Auto und fragt: «Zum Trachtenfest?» Nicht jeder kennt sich mit den Nuancen dieser Szene aus.

Anna stammt aus Thailand. Familie Rudolf von Rohr mit ihren zwei Kindern lebte mehrere Jahre nahe bei Bangkok, wo Vater René für eine Schweizer Firma arbeitete. Anna ist drei Jahre alt, als sie von der Familie adoptiert und mit in die Schweiz genommen wird. Beim Wandern, im Muotatal, hört die kleine Anna erstmals Alphornklänge. Da ist sie fünf. Fortan spricht das Kind von nichts anderem. Zu ihrem zehnten Geburtstag bekommt Anna eine Probelektion geschenkt bei Alphornmeister Ruedi Bauriedl.

Der 72-Jährige aus Bettlach ist Solist, Komponist, Juror und Lehrer. Noch heute funkeln seine Augen, wenn er erzählt, wie damals dieses kleine Mädchen mit den schwarzen Zöpfen in seinem Übungskeller stand und partout Alphorn spielen wollte. Bauriedl lehrt Anna, wie man mit der Zunge saubere Töne anstösst, erklärt ihr das kindgerecht, «wie wenn du Brotbrösmeli auf der Lippe wegspuckst». Anna lernt schnell, sie hat Ehrgeiz, Willen «und eine Wahnsinnsbegabung», schwärmt Bauriedl, «so eine Schülerin hatte ich noch nie».

Familie Rudolf von Rohr wohnt in einem Haus am Jurasüdfuss, oberhalb Selzach, mit Blick auf die Aareebene. Bei Sonnenschein spielt Anna am Waldrand, wenns regnet im Keller zwischen Hemden, Hosen und Leintüchern, die da an der Leine zum Trocknen hängen. Die Wäsche funktioniert wie ein Schalldämpfer, schluckt selbst brachialste Klänge. Etwa Annas Grund-C, den tiefsten Alphornton, der wie ein Dampfschiffsignal dröhnt. Anna beherrsche den perfekt, sagt Lehrer Bauriedl, «so schön tief und rein - ich selber bringe den nie so hin».

In Annas Zimmer. Ein Plüschtier in Broccoli-Form, ein Kuhfell als Teppich, und auf einem Poster sind alle Viehrassen aufgelistet. Im Sommer beginnt Anna eine dreijährige Lehre zur Landwirtin. Eine ungewöhnliche Berufswahl, zumal die Eltern nichts mit Bauern zu tun haben, mal abgesehen von Mutter Erna, die als Imkerin 15 Bienenvölker hegt. Die Schnupperlehre (nie war der Begriff zutreffender) absolvierte Anna im Dorf auf dem Bauerngut Vögelihof. Wo sie seither mehrmals die Woche mithilft. Bauer Peter Vögeli sagt, das Mädchen verstehe sich besonders mit dem Vieh sehr gut. Und Anna selber? Fährt am liebsten Traktor. «Mir gefällt die Arbeit in der Natur und mit den Tieren, und ich kann zupacken», sagt sie. Früher trug sie ihr Haar lang, jetzt hat sie es abgeschnitten: Beim Duschen, nach der Stallarbeit, trockne kurzes Haar schneller, sagt Anna. Wer in der Alphorn-Szene mit (breitbeinig) gestandenen Mannen mittun will, muss die Dinge unkompliziert anpacken.

Zu jung, zu gut. Bisher durfte Anna bei Alphornfesten zwar mitmachen, wurde aber nicht prämiert, das Reglement erlaubt dies erst ab dem 15. Altersjahr. «Dabei hätte sie früher schon Spitzenplätze belegt», meint Alphornlehrer Bauriedl. Vor wenigen Wochen hatte Anna Geburtstag, nun darf sie sich offiziell mit den Besten der Szene messen. Der «Folklorenachwuchs» ist da gewissermassen das Warmblasen für künftige grosse Festanlässe.

Zuerst allerdings muss Anna die Qualifikation überstehen. 27 Formationen jodeln, blasen, örgeln, fiedeln und zäuerlen um einen der zwölf Finalplätze. Punkt 11.28 Uhr hat Anna auf der Bühne zu stehen und zwei Stücke zu blasen. Vorher spielt sie sich warm. Dazu braucht sie Ruhe und viel Platz. Da ist es ganz praktisch, dass die Mehrzweckhalle mitten im Industriegebiet steht. Und so hallt kurz darauf Annas warmer Alphornsound im Hinterhof einer Fabrik für Spritzguss-Kunststoffteile.

Mit leerem Magen könne sie nicht spielen, sagt Anna. Während sie noch einmal die Musiknoten ihrer beiden Qualifikationsstücke studiert, knabbert sie an einem kalten Wienerli. Dann gehts um die Wurst. Runter in den Keller, vorbei an der Garderobe des FC Azzurri, hinten hoch zum Bühneneingang. 11.28 Uhr. Anna spielt «Des Sennen Alltag» und «Vor Blüemlismatt». Virtuos, furios - einfach grandios.

Anna, wie wars? «Ich ha all Tön preicht.»

Reicht das für den Final? «Frog d Jury.» (An der Medienarbeit muss sie noch feilen.)

Nun heisst es warten. Anna setzt sich ins Publikum zu ihrer Mutter. Auch Caspar Riedi ist da, er spielt mit Anna in der Alphorngruppe Echo vom Jura. Der Mann ist 86. Das Mädchen sei fantastisch, phänomenal, ein Naturtalent, sagt er. «Ich spiele seit 37 Jahren Alphorn, aber so wie Anna bring ich das nie hin.»

Die Jury, sechs Experten, taxiert Tonkultur, musikalischen Ausdruck, Blastechnik (Treffsicherheit, Beweglichkeit, Intonation), Interpretation (Dynamik, Phrasierung, Artikulation, Metrik, Rhythmik, Agogik, Tempo).

Das Warten macht zapplig. Anna und ihre Mutter gehen spazieren. Unterwegs kaufen sie Nüsslisalat, Annas Lieblingssalat, sie isst ihn nature, saucenlos.

Endlich. 17 Uhr. Die Jury entscheidet: Anna ist … im Final. Erfolg macht sie verlegen, verschämt verbirgt sie ihr Gesicht hinter den Haaren und wehrt drohende Interviewfragen geschickt ab, indem sie auf ihre Uhr deutet: «Jetzt wär auf dem Vögelihof Zeit zum Melken.» Auf ihrem Handy zeigt sie zwei Fotos: ihre Lieblingskuh Winny, ihr Lieblingskalb Wanda. Mutter Erna sagt, sie selber höre SRF 3, die anderen Familienmitglieder seien auch nicht grad Folklore-verrückt. «Erst Anna hat uns diese Musik nähergebracht.»

Dann - der Final. 20 Uhr. Vor Anna treten die Geschwister Buri auf, nach ihr Diä Gächä. Alle sind nervös. Man nickt sich zu, wünscht Glück, reicht sich die Hand. Fair wie Schwinger.

Anna auf der Bühne. 1,58 Meter wild entschlossene Zierlichkeit. Ihr Alphorn, Fichtenholz, mit Peddigrohr umwickelt, 3,47 Meter lang, Marke Bernatone, jedes ein Unikat, «Nr. 742» steht auf Annas Schallbecher. Anna spielt. Anna zaubert. «Uf em Bettlestock». Alles wird zum Resonanzkörper, die Bühne, das Publikum, die ganze Mehrzweckhalle Niedergösgen schwingt zu Annas Klängen. So exotisch kann Heimat klingen: erdige Töne, filigrane Spielereien, neckische Klangflirts, urchiger Groove, Freejazz und Alpsegen, spannend, entspannend. Anna Rudolf von Rohr. Voll Rohr. Wow.

Anna, wie wars?

«De zwoitletscht Ton isch mir abegheit.»

Reicht das für den Sieg?

«Einisch muesch z fride sii.»

Anna wird Zweite. Gewinnt aber den zusätzlich verliehenen Jury-Preis: einen TV-Auftritt, «Viva Volksmusik», die Samstagabend-Show von SRF Ende Januar. Anna ist verlegen, stolz, erleichtert, sie sagt «zufrieden». Eigentlich bekäme sie in zehn Tagen eine Zahnspange, man wartet nun bis nach der TV-Sendung.

Anna, warum Alphorn?

«Weil ich gern Alphorn höre. Da ist es am einfachsten, wenn ich die Musik gleich selber mache.»

Anna erhält 1000 Franken Preisgeld, «für die musikalische Weiterentwicklung», empfiehlt die Jury. Anna spart das Geld, für einen Same Dorado 70, ihren Lieblingstraktor.

Im Dossier: Weitere Reportagen

Auch interessant