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  3. Franz Julen: Der neue VRP der Zermatt Bergbahnen im Interview

Die höchstgelegene Dreiseilumlaufbahn der Welt

Franz Julen stellt das neue Highlight in Zermatt vor

Pro Stunde kann die höchstgelegene Dreiseilumlaufbahn der Welt bis zu 2000 Passagiere transportieren. Bereits in drei Jahren soll die Verbindung Klein Matterhorn–Testa Grigia eingeweiht werden. Franz Julen, Verwaltungsratspräsident der Zermatt Bergbahnen, über Billigtickets, Wintertourismus und Heimvorteil.

Franz Julen Shooting Wallis Ausgabe November 2018

Franz Julen, ehemals erfolgreicher Intersport-CEO, leitet nun als Verwaltungsratspräsident die Geschicke der Zermatt Bergbahnen.

Sedrik Nemeth

Bundesrätin Doris Leuthard liess es sich nicht nehmen, die neue Rekordbahn aufs Klein Matterhorn einzuweihen. Mit der 3S-Bahn ins Matterhorn glacier paradise setze die Schweiz sowohl im Tourismus als auch im Seilbahnbau wiederum neue Massstäbe. «Darauf dürfen wir stolz sein», sagte die Infrastrukturministerin. Während andere Bergbahnen ums Überleben kämpfen, setzt Zermatt einen Gegentrend. Der neue Verwaltungsratspräsident und Zermatter Franz Julen, 60, erklärt, warum das möglich ist.

60 Millionen kostete die neue Bahn. Wie schaffen es die Zermatt Bergbahnen, diese Investition zu stemmen?
Franz Julen: Seit der Fusion der vier Bergbahnen zur Zermatt Bergbahnen AG 2002 wurde eine klare Strategie verfolgt. Grosse Investitionen, fast 500 Millionen Franken in 16 Jahren, erlauben, ein Topprodukt zu fairen Preisen anzubieten. Daneben hatte man Kosten und Verschuldung stets im Griff. Wir halten nichts von Billigtickets. Das mag für eine oder zwei Saisons mehr Gäste bringen, ist aber nicht nachhaltig. Eine Bergbahn muss Geld verdienen, sonst kann sie nicht investieren und sich weiterentwickeln. Das wäre der Anfang vom Ende.

Heute muss man den Gästen etwas bieten!

Eine Einzelfahrt von Zermatt aufs Klein Matterhorn kostet ohne Ermässigung 95 Franken. Das ist sehr teuer. 
FJ: Das ist uns bewusst. Aber das Erlebnis ist einmalig: Das Klein Matterhorn liegt auf 3883 Metern über Meer. Von Trockener Steg aus fahren nun neu 25 Kabinen mit 28 Sitzplätzen zu Europas höchster Bergbahnstation. Heute muss man den Gästen etwas bieten!

Vier Kabinen sind mit Swarovski-Kristallen bestückt, die Fahrt damit kostet noch 15 Franken mehr. Was bezwecken Sie mit diesen Bling-Bling-Features?
FJ: Es sind von Pininfarina designte Kabinen, und sie sollen das Erlebnis im Berg noch spezieller machen. Es geht uns darum, eben auch noch das gewisse Etwas zu bieten. Nur transportieren funktioniert nicht mehr.

Franz Julen Shooting Wallis Ausgabe November 2018

Ende September wurde die neue 3S-Bahn von Trockener Steg aufs Klein Matterhorn eingeweiht.

Nik Hunger

Zermatt ist eine weltweit bekannte Marke, von Krise im Wintertourismus spürt das Dorf nichts. Woran liegt das?
FJ: Zermatt wurde stets von Visionären geprägt. Bereits 1891 wurde die Bahn zwischen Visp und Zermatt eingeweiht – eine Meisterleistung. Die Bahn auf den Gornergrat folgte 1898, und der erste Skilift entstand 1941. Auch die Fahrt aufs Klein Matterhorn schrieb 1979 Geschichte! Genauso wie 1980 eine der weltweit ersten unterirdischen Standseilbahnen auf die Sunnegga. Jetzt die 3S-Bahn aufs Klein Matterhorn. Zermatt setzte früh auf Beschneiungsanlagen, und um die Fusion der Bergbahnen beneidet uns die ganze Branche. Dieser Pioniergeist, dieser Mut zum Risiko hat sich ausbezahlt.

Zermatt gehört noch immer den Zermattern. Wir hatten immer Visionäre

Aber ganz ehrlich: Ohne das Matterhorn, das niemanden kalt lässt, wäre das alles nicht möglich gewesen.
FJ: Dieser Berg hat eine ganz eigene Kraft. Ich vergesse nie mehr den Moment, als ich zum ersten Mal auf dem Gipfel stand. Aber dass unser Erfolg nur am Berg hängt, stimmt trotzdem nicht: Wir haben exzellente Hotels, hochstehende Gastronomie, innovatives Gewerbe, ausgeprägten Unternehmergeist, Zermatt ist autofrei, wir haben ein kulturelles Angebot. Zudem wurde das Dorf in seinem Charakter bewahrt. Lange vor der Zweitwohnungsinitiative haben wir die kalten Betten limitiert, und das Umsatzverhältnis zwischen Hotellerie und Parahotellerie beträgt 80 zu 20. Unsere Vorväter haben das Dorf selber entwickelt, noch heute gehört Zermatt den Zermattern. Das spürt und sieht man.

Touristischer Erfolg kann auch Schattenseiten haben wie überfüllte Städte oder wegen Übernutzung geschlossene Strände wie in Thailand. Haben Sie keine Angst, ebenfalls überlaufen zu werden?
FJ: Tatsache ist: Es gibt immer mehr Touristinnen und Touristen, vor allem durch die wirtschaftliche Entwicklung in Asien. Wir haben hier aber einen guten Mix von Gästen aus der Schweiz, Europa, den USA, Russland und Asien. Auch haben wir die richtige Mischung von Individualtouristen und Gruppen. Wir müssen aber auf jeden Fall ein Auge auf diese Gefahr haben. Was sicher regulierend wirkt, ist der Preis.

Franz Julen Shooting Wallis Ausgabe November 2018

Mit der neuen Bahn können pro Stunde bis zu 2000 Gäste transportiert werden. Die Wartezeiten bei der alten Bahn waren zu lang.

Nik Hunger

Wie spüren Sie die Veränderungen im Freizeitverhalten?
FJ: Wir stellen fest, dass die Menschen kurzfristiger und für kürzere Zeiträume buchen. Die Digitalisierung hat für Transparenz der Angebote gesorgt, und die Gäste sind weniger loyal. Auch muss das Angebot vielfältiger sein: Vor Jahren übte man eine Sportart aus, heute gleich mehrere und immer wieder andere. Wir können also nicht nur Pisten fürs Skifahren und Snowboarden anbieten – das Angebot muss grösser und breiter sein. 

Wie wirkt sich der Klimawandel aus?
FJ: Zermatt muss aufgrund seiner Höhe weniger Angst haben. Aber: Es ist kurzsichtig, nur das eigene Schicksal zu betrachten. Wir brauchen Möglichkeiten, die Skigebiete in unteren Lagen zu betreiben. Dort lernen Kinder Ski fahren und entdecken die Liebe zum Schneesport. Es ist wichtig, dass die Gebiete in tieferen Lagen ebenfalls erfolgreich sind, sie sind die Basis des Wintertourismus.

Im Geschäftsleben hat mir auch geholfen, dass ich Zermatter bin. Wir sind weltweit bekannt

Sie haben 17 Jahre die Firma Intersport geleitet und zum weltweit führenden Sportartikel-Einzelhändler gemacht. Das Erfolgsgeheimnis?
FJ: Wir verfolgten eine klare Strategie: Unter einer gemeinsamen Vision und international einheitlichen Prinzipien liessen wir genug Raum für lokale Eigenheiten und vertrauten den Menschen an der Front. Ich bin immer nahe bei den Sporthändlern gewesen, habe ihre Ideen und Bedürfnisse abgeholt. Wir waren auch ein gutes Team. Die vier Mitglieder der Geschäftsleitung waren all die Jahre dieselben. Ich denke, das Wichtigste sind immer die Menschen. Der Megatrend Sport, Fitness und Gesundheit, aber auch Zermatt haben mir geholfen, das muss ich ehrlich sagen. Wenn ich erwähnte, dass ich von Zermatt komme, haben sich sogar die Türen der Familie des Emirs von Kuwait geöffnet. Ich habe gestaunt, wie bekannt und beliebt Zermatt auf der ganzen Welt ist.

Franz Julen Shooting Wallis Ausgabe November 2018

Pininfarina designte die neuen Kabinen, die Platz für 28 Personen bieten.

Nik Hunger

Trotzdem haben Sie Zermatt als junger Mann verlassen. Warum?
FJ: Ich hatte den Abschluss einer Hotelfachschule und wollte eigentlich nur ein paar Jahre meinen Bruder Max, der 1984 Olympiasieger im Riesenslalom wurde, als Betreuer begleiten und dann zurückkehren. Doch durch das Umherreisen mit ihm bekam ich Lust, mehr von der Welt zu sehen. Die Neugier und der Ehrgeiz haben mich gepackt. Ich verlor aber nie den Kontakt zu Zermatt. Jetzt freue ich mich riesig, wieder mehr hier zu sein. Das Angebot für das Verwaltungsratspräsidium der Bergbahnen Zermatt habe ich ohne Zögern angenommen: Für mich ist das eine Heimkehr und eine grosse Ehre, in meinem Dorf die Zukunft mitzugestalten.

Das ist ein Artikel aus dem Heft «Wallis» vom 9. November 2018.

 

Wallis Magazin
Von Monique Ryser am 1. Dezember 2018