Weltweit ältester Gorilla ist in Basel gestorben Der letzte Besuch bei Gorilla-Dame Goma

Goma war der weltweit älteste Gorilla in Gefangenschaft. Nun ist die Affen-Dame im Alter von 59 Jahren gestorben. Wir hatten sie kurz vor ihrem Tod im Basler Zoo besucht. Goma war dort der einzige Gorilla, der den Besuchern direkt in die Augen schaut. Weil sie als Baby gelernt hatte, Mensch zu sein. 
Gorilla Basel
© Dominic Nahr

Alte Dame: 59 Jahre hatte Gorilla Goma aus dem Basler Zoo auf dem Buckel – in freier Wildbahn wäre sie wohl nie so alt geworden.

  

Die Gorillas sind dort, wo Salatblätter den Boden säumen, wo Nester aus Holzwolle den Schlaf bereiten und der Tag mit einem Grunzen beginnt. Die Menschen sind dort, wo die Luft nach Hotdog riecht, sich Kinderwagen an Kinderwagen reiht, wo die Mama «pssst» nuschelt, wenn der Bub sagt, «gell, der Affe hat ein dickes Fuuudi».

Eine Glasscheibe trennt Affen und Menschen im Basler Zoo. Doch ein Geschöpf ist zwischen die Welten geraten: Gorilladame Goma. «Gömi, kummm», ruft eine ältere Dame an diesem Morgen quer durchs Affenhaus. Doch Goma kommt nicht. Nur ein Stück Pelz lugt aus dem Kabäuschen, in das sie sich verzogen hat.

Goma ist alt, sehr alt, weltweit der älteste Gorilla, der in der Obhut von Menschen aufgewachsen ist. Nächstes Jahr wird sie 60. In freier Wildbahn im mittleren Afrika wäre sie höchstens 35 geworden.

Gorilla Zoo Basel
© Hans Bertolf / Staatsarchiv Basel

Papihöck: Am liebsten begleitete Goma ihren Adoptivvater, Zoodirektor Ernst Lang, im Huckepack (1960).

«Sie bruucht e volli Kappe Schloof», sagt die ältere Dame – sie spricht über Goma wie über eine Freundin, mit der sie regelmässig «Kaffi dringgt». Das kommt nicht von ungefähr. Zwar sieht Goma aus wie ein Gorilla, aber sie benimmt sich wie ein Mensch. Oder anders gesagt: Sie teilt das Schicksal von Mowgli aus dem «Dschungelbuch».

Der erste in Europa geborene Gorilla

Als Goma 1959 im Basler Zolli zur Welt kommt, ist sie der erste in Europa geborene Gorilla überhaupt. Ein winziges Kindchen, 1820 Gramm schwer, das helle Gesicht unter einer schwarzen Haarkappe. Damals sind Menschenaffen in Zoos noch eine Rarität, und dass sie sogar Nachwuchs bekommen – eine Sensation!

Doch rasch weicht die Euphorie einer Beklemmung. Gomas Mama, Achilla, säugt ihr Baby nicht. Im Zoo wächst die Angst, das kostbare Kind könnte verhungern. Nach 24 Stunden beschliesst man, Achilla ein leichtes Betäubungsmittel zu verabreichen, ihr die Kleine wegzunehmen und in menschliche Obhut zu geben. Der damalige Zoodirektor Ernst Lang soll Goma adoptieren.

Wir müssen aufhören, Tiere zu vermenschlichen

Ernst und Trude Lang haben keine Erfahrung mit Affenbabys. Aber sie haben zwei Söhne grossgezogen – das hilft! Denn in den ersten Monaten unterscheidet sich ein Gorillababy kaum von einem menschlichen Säugling.

In der Schweizer Illustrierten schreibt Ernst Lang damals Tagebuch über Gomas erste Wochen: «Ihr Körbchen stand während der Nacht in unserem Schlafzimmer, und es war nicht schwer, ihren Hunger zu stillen, da sie ihn so laut anmeldete. Rasch schlüpfte einer von uns aus dem Bett, wärmte die Milch, und in grossen Zügen trank das Gorillakind 20 bis 35 Gramm.»

Gorilla Zoo Basel
© Paul Steinmann / Staatsarchiv Basel

Muttergefühle: Trude Lang pflegte das Affenbaby wie ein eigenes Kind – Goma dankte es ihr mit Anhänglichkeit (1959).

Wickeln und Schöppeln wie bei einem Baby

Goma trägt Windeln, turnt in der Stube, spielt mit dem Haushund. Als sie etwas älter ist, löffelt sie ihren Brei am Tisch. Einmal fährt sie mit der Familie in die Ferien ins Tessin – «wir packten das Affenbaby einfach auf den Kindersitz», schreibt Lang. Unterwegs wird Trude von einer Frau gefragt: «Fräulein, ist das Ihr Kind?» Ja – Goma hat gelernt, ein Mensch zu sein.

Kurz nach dem Mittag, Adrian Baumeyer, 37, festes Schuhwerk, freundlicher Blick, hat gerade eine Führung im Affenhaus hinter sich, ein Kurs der Volkshochschule beider Basel. «Gorillas faszinieren, weil sie uns so ähnlich sind», sagt er und präzisiert: «Aber nur vermeintlich.»

Gorilla Zoo Basel
© Hans Bertolf / Staatsarchiv Basel (2)

Gelöst: Mit Windelhöschen und weicher Flaumdecke schläft sichs gut im Wäschekorb (1959).

 
 

Hinter der Glasscheibe sitzt Silberrücken M’Tonge, der Anführer der achtköpfigen Gorillagruppe, unter mächtigen Augenwülsten starren zwei schwarze Löcher ins Leere. Und wie man da steht, vor der Scheibe, denkt man unweigerlich an Rilkes «Panther», dessen Blick vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden ist.

Kein Zweifel: Tiere haben die Fähigkeit, unsere Freuden und Ängste zu spiegeln, in ihrem Verhalten interpretieren wir unsere Wünsche und Befürchtungen.

Gorilla Basel
© Dominic Nahr

Adrian Baumeyer: «Gorillas würden sich nie in die Augen schauen. Das gilt als unhöflich.»

Das Räuspern von Baumeyer holt einen in die Realität zurück. «Auch wenn es den Anschein macht: Der Silberrücken langweilt sich nicht», sagt er, «wir müssen aufhören, die Tiere zu vermenschlichen.» Gorillas würden sich nie direkt in die Augen schauen, das gilt als unhöflich. Darum der abgewandte Blick.

Goma sitzt auf der falschen Seite der Scheibe

Doch eine hält sich nicht an den Affen-Kodex. Goma – sie hat sich endlich aus dem Kabäuschen bequemt – sitzt an der Scheibe und schaut die Besucher direkt an. «Das hat sie bei den Menschen gelernt», sagt Baumeyer, «wir bringen unseren Kindern ja bei: Wenn du etwas von deinem Gegenüber willst, schau ihm in die Augen.»

Das Problem ist: Goma sitzt auf der falschen Seite der Scheibe. Aber sie ist natürlich nicht dumm, sie hat gelernt, dass man einen Gorilla nicht ansieht. Trotzdem ist sie in vielen Situationen als Gorilla überfordert.

Gorilla Zoo Basel
© Paul Steinmann/Staatsarchiv Basel

Tapsig: Ernst Lang versucht, Goma das Aufrechtgehen beizubringen – mit Erfolg (1960).

 
 

«Heute würden wir einen jungen Gorilla nicht mehr in der Obhut von Menschen aufziehen», sagt Baumeyer. Eher würde man andere Mütter dazu bringen, das Kleine aufzuziehen. Oder die erwachsenen Tiere lehren, dass sie es ans Gitter bringen, wo es Pfleger mit der Flasche füttern könnten. 1959 war das anders, man hatte keinerlei Erfahrung.

Ebenso wenig wusste man, wie sich ein Gorillakind unter Menschen entwickeln würde. Was, wenn das Tier immer mehr zum Tier wird? Als Goma älter ist, reisst sie Trude Lang hie und da die Brille von der Nase. Oder stiehlt dem Besuch den Hut.

Eines Tages würde sie so kräftig werden wie vier starke Männer, das weiss Ernst Lang. Als Goma zweieinhalb ist, beginnt er deshalb, sie sachte an ihre Artgenossen zu gewöhnen – an ein Leben, das sie von Geburt an hätte führen sollen.

Gorilla Zoo Basel
© Paul Steinmann/Staatsarchiv Basel

Geschickt: Bei ihren Adoptiveltern hat sie gesehen, wie es geht: Goma löffelt ihren Brei aus (1960).

 
 

Im Affenhaus hat Mutter Achilla derweil noch ein Kind bekommen, Jambo. Doch Goma interessiert sich weder für ihren Bruder noch für die anderen Gorillas, lange bleibt sie eine Aussenseiterin. Weil sie nach Menschen sucht. Nur – die sind auf der anderen Seite. Und doch nahe genug, um mit ihnen in Kontakt zu treten.

Einmal, da ist Goma schon geschlechtsreif, fordert sie einen Menschen an der Scheibe zur Paarung auf! Da setzt sich Jambo einfach hinter sie und paart sich mit ihr – es sollte das einzige Mal bleiben, dass ihr ein Gorillamännchen so nahe kommt. Gomas Sohn Tamtam wächst zum tadellosen Silberrücken heran.

Gorilla Basel
© Dominic Nahr

Zeitreise: Der Weg von der Stube ins Affengehege des Basler Zoos war kein leichter – Goma hat ihn gemeistert.

 

Nachmittag, Goma dreht den Menschen jetzt den Rücken zu, neben ihr spielen die Gorillakinder Mobali und Makala. Ihre schwarzen Leiber wickeln sich umeinander, und aus dem vermeintlich kompakten Fellknäuel purzeln wieder einzelne Affen. Goma beobachtet sie. Wann immer es Nachwuchs gibt, spielt sie die Babysitterin. Die Mütter setzen die Kleinen bei ihr ab, weil sie wissen: Die alte Dame bleibt, wo sie ist.

Goma hat Mühe, sich fortzubewegen. Arthrose, vermuten die Tierärzte. Aber sie untersuchen Goma nicht. Weil sie ihr eine Narkose ersparen möchten. Die Pfleger kochen für Goma extra, Karotten, Kartoffeln und Randen, die werden weich, und Goma muss nicht kauen.

Goma braucht jetzt viel Ruhe – das sagt nicht nur die ältere Zoobesucherin, das sagt auch Kurator Adrian Baumeyer. Darum verzieht sie sich am späten Nachmittag wieder ins Kabäuschen. Vielleicht fühlt sie sich dort auch einfach wohl, weil sie in ihrer eigenen Welt ist – sein kann, was sie ist. Aber das ist wohl auch wieder nur eine menschliche Zuschreibung.

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