Unterwegs mit der Grammy-Gewinnerin Patricia Kopatchinskaja «Ein Solist ist ein Einzelkämpfer»

Patricia Kopatchinskaja hat gestern den Grammy in der Kategorie «Beste Kammermusik-/Kleinensembledarbietung» gewonnen. Die «Schweizer Illustrierte» hat die moldawisch-schweizerische Geigerin letzten August im Zusammenhang mit ihrem Auftritt am Lucerne Festival getroffen.
Patricia Kopatchinskaja im Zug
© Geri Born

Nachts im Intercity-Zug: Patricia Kopatchinskaja reist oft alleine. Zeit, sich voll zu konzentrieren.

Es ist spät am Abend, irgendwo auf der Bahnstrecke zwischen Mannheim und Basel. Sanft ruckelnd rauscht der Intercity durch dunkle Landschaften und neonbeleuchtete Bahnhöfe. Auf einsamen Perrons jagen Menschengestalten schemenhaft vorbei. Patricia Kopatchinskaja, 41, neigt ihr Gesicht zum Zugfenster, lässt den Blick ins flackernde Wechselspiel von Licht und Dunkel entfliehen. Ihre Gedanken sind bei ihrer Tochter, die zu Hause in Bern im Bett liegt und krank ist.

Darum macht sich Mami, die weltberühmte Geigerin, nach ihrem Konzert im Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens noch auf den Weg nach Hause: «So kann ich sie heute Nacht noch auf die Wange küssen und sie morgen beim Frühstück sehen», sagt Patricia Kopatchinskaja. «Ich bin froh, dass ich das jetzt machen kann. Meistens geht das ja nicht, wenn ich in Japan oder Amerika auf Tournee bin.»

Patricia Kopatchinskaja beim Einsteigen in den Zug
© Geri Born

Patricia Kopatchinskaja steigt am Bahnhof in den Intercity.

Patricia Kopatchinskaja sieht die Einsamkeit als Teil ihres Jobs

Patricia Kopatchinskaja reist alleine. «Als kleine Frau mit einem Riesenkoffer und einer sehr teuren Geige im Gepäck ist das nicht immer einfach», sagt sie. «Doch ein Solist ist ein Einzelkämpfer. Die Einsamkeit muss er als Teil seines Jobs sehen. Sie ermöglicht es ihm, sich intensiv auf die Sache zu konzentrieren.» «Die Sache», das ist für Kopatchinskaja die Musik. Die Künstlerin kramt aus dem Seitenfach ihres stosssicheren Geigenkoffers aus Karbon eine Partitur hervor.

Patricia Kopatchinskaja im Zug
© Geri Born

Leben im ICE: Vom Musikstudium bis hin zur nächtlichen Zwischenverpflegung: Patricia Kopatchinskaja auf Reisen.

Im gedämpften Neonlicht des Zugwagens beginnt sie, sie zu studieren, macht hier und da mit dem Bleistift eine Notiz und versinkt tiefer und tiefer ins Werk. Weder vorbeieilende Passagiere noch die laute Zugansage bringen sie aus der Konzentration. Erst der Klingelton ihres Handys lässt sie aufhorchen. «Alles gut», flüstert sie nach einer Weile. Und: «Ich dich auch.»

Patricia Kopatchinskajas Tochter freut sich, dass Mami bald zu Hause ist. «Dort fällt alles von mir ab», sagt die Stargeigerin. «Dann vergesse ich meinen Beruf und alles, was damit zusammenhängt.» Wechselt sie dann ihre Identität? Patricia denkt kurz nach. «Weisst du», sagt sie, «die Identität eines Künstlers ist das Stück, das er spielt. Eigentlich sollte er sich darin vollkommen auflösen und zu dem werden, was es erzählt. Dabei muss die Persönlichkeit des Künstlers so gross sein, dass ihre Auflösung Spannung erzeugt. Denn wenn es nichts aufzulösen gibt, ist nur Leere da.»

«Jedes Konzert ist ein Wagnis»

Man spürt den Ernst, mit dem Patricia Kopatchinskaja der Musik begegnet. Oft wird sie wegen ihrer radikalen Interpretationen als die junge Wilde unter den Geigerinnen betitelt. Doch dieses Bild wird der gebürtigen Moldawierin nicht gerecht. Vielmehr ist sie eine Frau, die den Dingen auf den Grund geht. So weit, bis sie zu den Wurzeln vorstösst. Daraus entspringt ihre gut begründete Radikalität. «Jedes Konzert ist ein Wagnis», sagt sie. «Sowohl für den Künstler als auch für das Publikum. Spannend wird es doch dann, wenn man nicht genau weiss, wie es herauskommt. Ich bin immer für eine Überraschung. Ich würde sogar am liebsten nicht einmal das Programm aufschreiben. Schliesslich weiss man bei einem Tennismatch auch nicht im Voraus, wie er ausgeht. Um das zu erfahren, geht man ja gerade hin.»

Ein Zwischenhalt kurz vor Basel. Die Bahnhofsuhr zeigt kurz vor Mitternacht. Patricia, direkt vom Konzertsaal in den ICE geflüchtet, spürt einen kleinen Hunger. Im Speisewagen gibts Pizza und Automatenkaffee. Patricia solls recht sein. «Musik ist wie Kochen», sagt sie. «Man kommt in eine Probensituation mit einem Orchester oder einem Dirigenten. Die Noten befinden sich auf dem Pult, man hat das Stück geübt, alle Zutaten sind da. Doch jetzt muss man zusammen kochen. Das Rezept ist gleich, aber jedes Mal, mit jedem neuen Partner, kommt etwas Neues dabei heraus. Auch wenns mal nicht gelingt, kann es trotzdem interessant sein.»

Patricia Kopatchinskaja im Zug am Pizza essen
© Geri Born

Manchmal bleibt Patricia Kopatchinskaja keine Zeit, sich in Ruhe zu verpflegen. Dann nimmt sie unterwegs einen Imbiss.

«Ein Stück sollte nie gleich gespielt werden»

Faszinierend, wie schnell die geistreiche Künstlerin von einem Thema ins andere wechselt und dabei dennoch immer beim gleichen bleibt: der Musik. «Ich arbeite mit allem, was mich umkreist», sagt sie. «Das ist der beste Weg, sich nie zu langweilen.» Und das ist ihre Hauptmotivation – im Leben wie in der Musik: «Ein Stück sollte nie gleich gespielt werden. Es muss bei jedem Menschen anders tönen. Das Wichtigste im Leben ist, Student zu bleiben, sich weiterzuentwickeln und nicht stecken zu bleiben in dem, was man gut kann. Auch wenn man dabei Fehler macht. Das ist fast so wichtig, wie richtige Töne zu spielen.»

Das sagt eine Virtuosin, die inzwischen selbst zum Idol geworden ist. Bei Lucerne Festival war sie vergangenes Jahr «artiste étoile», glänzte in sieben Konzerten in verschiedensten Rollen. Wie geht man mit Berühmtheit um und der Erwartungshaltung, die damit verbunden ist? «Ich blende sie völlig aus», sagt Patricia Kopatchinskaja. «Denn sobald jemand ein Monument wird, ist er tot. Darum muss man aufpassen, nie ein Monument zu werden.»

Patricia Kopatchinskaja
© Geri Born

Einstimmen: Auch vor dem Konzert in der Künstlergarderobe braucht Patricia Kopatchinskaja die Einsamkeit für die volle Konzentration.

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