Wie grün ist Iris Menn? Die Greenpeace-Chefin ganz privat

Vom Schlauchboot an den Schreibtisch. Die neue Greenpeace-Schweiz-Chefin Iris Menn will Bauern und Banker in die Pflicht nehmen und bewundert die streikenden Schülerinnen. Privat taucht sie gern ab – am liebsten in den kalten Zürichsee.
Iris Menn 2019
© Geri Born

Grüne Welle Iris Menn, 48, im Zürichsee. Die Greenpeace-Chefin schwimmt zwei- bis dreimal die Woche. 

«Kopf runter!», schreit der Schlauchbootfahrer. Sie duckt sich und hört Leuchtraketen knapp über ihren Kopf zischen. Es ist eng, das Wasser spritzt von allen Seiten ins Boot. Eine Rakete trifft die Kamera, die die ganze Aktion aufzeichnet, und bleibt hängen. «Es ging alles so schnell. Erst als ich später die Videoaufnahmen sah, wurde mir bewusst, wie gefährlich das war.»

Iris Menn, 48, erinnert sich noch gut an jenen Tag vor mehr als zehn Jahren auf der Nordsee. Fischer beschossen sie und drei Kollegen der Umweltorganisation Greenpeace, während sie im Schlauchboot für mehr Schutzgebiete im Meer demonstrierten. «Unsere Erde braucht Menschen, die aufstehen und sich gegen Ungerechtigkeiten wehren», erklärt Menn diese waghalsige Aktion.

«Mein Herz hing schon immer am Meer»

Einen Sprung ins kalte Wasser hat sie mit ihrer neuen Stelle als Greenpeace-Schweiz-Chefin gewagt. Dafür ist die Deutsche in die Schweiz gezogen – in ein Land, das sie vorher kaum kannte.

Den Zürichsee mag sie besonders. Zwei- bis dreimal in der Woche schwimmt sie darin. Schnellen Schrittes geht Menn über den Steg, hebt die Hände hoch und springt kopfüber hinein. Kalt wird ihr nicht, dafür gebe es ja den Neoprenanzug.

Iris Menn 2019
© Geri BornStürmisch: Sie kämpfte auf offener See für eine bessere Umwelt.

Seit Juli ist Iris Menn nun in der Schweiz, sie lebt allein. Vorher war sie unter anderem Kampagnenleiterin bei Greenpeace Deutschland. Die Liebe zur Natur entdeckte sie als Kind: Wenn sie mit ihrer Familie an der dänischen Westküste in den Ferien war, verbrachte sie Stunden damit, Muscheln und Krabbeltiere zu suchen, die das Meer anspülte. «Mein Herz hing schon immer am Meer. Es tut mir weh, wenn ein Ökosystem zerstört oder eine Art ausgerottet wird.» Menn studierte Meeresbiologie, und nachdem sie promoviert hatte, schloss sie sich den Umweltschützern an. 

Die neue Bewegung der streikenden Schüler um die junge Schwedin Greta Thunberg erinnert sie an ihre eigene Jugend. «Auch ich trug als Studentin Protestshirts und demonstrierte für die Umwelt.» Es sei schön zu sehen, dass sich junge Menschen für ihre Zukunft einsetzen. «Und es sind längst nicht nur die Ökos, die protestieren!» Auch Menn marschierte an der Klimademo in Zürich mit. «Ich habe Gänsehaut, wenn ich daran denke! Das ist genau das, was wir in der Schweiz brauchen.»

Auch die Schweiz kann etwas verändern

Heute verbringt sie ihren Arbeitsalltag mehr am Schreibtisch als im Schlauchboot. Sie sagt, langsam komme sie richtig an in ihrer neuen Heimat. «Ich habe meine Kollegen gebeten, nur Schweizerdeutsch mit mir zu reden. Ich möchte es verstehen.» Denn Iris Menn hat Grosses vor mit der Schweiz.

Iris Menn 2019
© Geri BornAuf Achse: Im Greenpeace-Büro hat niemand einen eigenen Sitzplatz. Die Sachen werden in einer Holzbox verstaut.

Auf ihrem Radar: die Banken und die Bauern. Kritiker, die sagen, die Schweiz sei zu klein, um etwas beim Umweltschutz zu bewirken, lassen sie kalt. «Die Schweizer Banken können viel verändern, wenn sie aufhören, Unternehmen zu finanzieren, die mit ihrem Geschäftsmodell unser Klima schädigen. Credit Suisse und UBS dürfen kein Geld mehr in fossile Energieträger stecken!» Auch die Landwirtschaft müsse ökologischer werden. Sie solle etwa weniger Fleisch produzieren. «Die Bauern könnten auf ihren Äckern Nahrung für Menschen statt Futtermittel für die Fleisch- und Milchproduktion anbauen.» 

Mehr Verantwortung sollen die Detailhändler für ihr Sortiment übernehmen: «Es muss ja nicht immer mehr Produkte geben, die in immer mehr Plastik verpackt sind.» Die Schweizerinnen und Schweizer sollten sich überlegen, wie umweltfreundlich sie leben. «Aus einzelnen Menschen, die etwas tun, entstehen Bewegungen und daraus Veränderungen.» 

Iris Menn 2019
© Geri BornAuf dem Boden geblieben: Bevor sie in den Tag startet, meditiert Iris Menn zu Hause 20 Minuten. 

Auch Iris Menn begeht ökologische Sünden

Bevor sie in den Tag startet, sucht Iris Menn ihre innere Mitte: Sie sitzt in der Stube ihrer Zweizimmerwohnung auf dem Boden. Schliesst die Augen. Einatmen. Ausatmen. Um die innere Ruhe nicht zu verlieren, meditiert sie jeden Morgen 20 Minuten.

Ihre Chefin Susanne Hochuli, 53, Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz, ist zufrieden mit Menn. «Wir kommen von unterschiedlichen Seiten – ich von der Politik, sie von Greenpeace. Dadurch ergänzen wir uns», sagt die ehemalige Aargauer Regierungsrätin der Grünen. «Wir ticken ähnlich, haben es beide gerne kurz und prägnant.» 

Doch wie grün lebt Iris Menn privat? Auch sie begeht ab und zu eine ökologische Sünde. «Ja, ich habe ein Motorrad – eine Honda Transalp», verrät die neue Greenpeace-Chefin. «Aber ich benütze die Maschine sehr selten. Nur ab und zu am Wochenende oder für den Urlaub.» Sie könnte ja auch mit dem Zug in die Ferien fahren. «Ja, klar. Ich habe es einfach noch nicht übers Herz gebracht, die Maschine wegzugeben. Hier in der Schweiz fährt es sich natürlich schön – mit all den Passstrassen.»

Iris Menn mit Susanne Hochuli 2019

Hand in Hand: Greenpeace-Präsidentin Susanne Hochuli (l.) über Iris Menn: «Wir funktionieren gut, weil wir ähnlich ticken.»

Nur Lebensmittel aus dem Bio-Laden

Doch abgesehen von dieser Maschine versuche sie, sehr grün zu leben. «Ich hatte noch nie ein Auto, ich fahre im Alltag immer Fahrrad und ÖV.» Es sei zwar ab und zu kompliziert und unpraktisch, aber das nehme sie für die Natur in Kauf. «Und wenn ich Sachen schleppen muss, dann mache ich das einfach.» 

Auf ihren Tisch kommen nur Lebensmittel aus dem Bio-Laden, Kleider kaufe sie so wenig wie möglich. «Und nur solche, die tatsächlich fair und nachhaltig hergestellt sind.» Die Fair-Kleider-Bewegung blüht seit einigen Jahren. «Am Anfang gab es einfach auch keine schöne Mode, muss man dazu sagen.» 

Und: Würde Iris Menn selber wieder ins Schlauchboot steigen und sich mit den Nordsee-Fischern anlegen? «Ja», sagt sie, «auf jeden Fall!»

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