Hans Erni «Die Hand darf nie ruhig sein»

Mit 106 Jahren ist Hans Erni der älteste Künstler der Schweiz. Der Humanist und Philosoph hat Grosses geleistet. Und zeichnet noch täglich acht Stunden lang. Im Interview gibt er sich voller Leidenschaft und Zuversicht.

Jeden Morgen lässt sich Hans Erni vom Pilatus verzaubern. Der Blick über das Bergmassiv gibt ihm Kraft für den ganzen Tag. Bis Mittag wird er seinen Hausberg in mehreren Versionen in Aquarell gemalt haben. «Der Pilatus erinnert mich an unbeschwerte Zeiten, als ich jung und sportlich war.»

Wehmut hat im Alltag des drittältesten Schweizers keinen Platz. Auch nicht kurz vor seinem 106. Geburtstag. In seinem ersten Jahrhundert brillierte der Allrounder als Hockeyspieler, Skispringer und Skilangläufer. Sein zweites Jahrhundert ist geprägt von Arbeit. Sie gibt seinem Leben Sinn. Könnte er nicht mehr zeichnen, seine Gedanken und Gefühle zu Papier bringen, wäre er todunglücklich. Vor ihm auf dem Tisch liegen wichtige Aufgaben. Faszinierend, wie sich der Künstler mit einer Idee immer wieder neu erfindet. Das ist Kreativität. Seine Bescheidenheit macht ihn nur noch sympathischer. Das ist Grösse. Erni drückt es so aus: «Überwinden. Verlassen, ohne zu hassen. Lernen, sich Neuem zuzukehren. Ich bin am Beginn.»

Sein Enthusiasmus ist ungebrochen. Seine geistige Präsenz bewundernswert. Und diese knorrigen Hände, die so viel geschaffen haben! Er faltet sie, als würde er beten. Die Geste zeugt von Dankbarkeit und innerem Frieden. Als wolle er uns auffordern, innezuhalten, loszulassen. Und nie zu vergessen, woher wir eigentlich kommen.

Am 21. Februar 1909 erblickte der Sohn des Dampfschiffmaschinisten Gotthard Erni und der Bäuerin Maria in Luzern das Licht der Welt. Von den zwei Brüdern und vier Schwestern leben nur noch Olgi und Berthe-Sophie. Maria Strebi starb letztes Jahr mit 107 Jahren. «Alle meine Geschwister und auch die Eltern wurden alt», sagt der Charakterkopf, «aber ich glaube, ich überdauere sie alle.»

Hans Erni, haben Sie heute «Ihren» Pilatus schon gemalt?
Leider hat er sich mir aufgrund der Wetterlage nicht in seiner vollen Pracht gezeigt.

Halten Sie Zwiesprache mit dem Berg?
Ich führe mit dem Pilatus ständig eine Auseinandersetzung, weil er jeden Augenblick wieder ein anderer ist. Alles, was ich tue, ist der Versuch, der Wirklichkeit so nahe wie möglich zu kommen.

Wie oft beginnen Sie von vorne?
Ständig. Es ist sozusagen eine Selbstverständlichkeit, immer wieder bei null anzufangen und bei unendlich aufzuhören.

Wie viele Blätter landen im Papierkorb?
Wenn eine Zeichnung im Ausdruck einigermassen gut wird und keine Verkaufsabsicht besteht, behalte ich sie.

Ist Ihre Hand noch ruhig?
Die Hand darf nie ruhig sein! Ich möchte sie bei jedem Strich, den ich mache, fühlen können.

Sie sind Kunstmaler, Grafiker, Lithograf, Bildhauer, Glasmaler - wie werden Sie Ihren vielen Talenten gerecht?
Sie haben die Plakate, Medaillen, Theaterkulissen, Kirchenfresken und die 200 Briefmarken für die Uno vergessen (lacht). «Panta rhei – alles fliesst», lautet mein Leitsatz. Er besagt, dass Werden, Wirken und Wandel zum Leben gehören. Solange mir meine Werkzeuge - die Augen, die Hände – die Möglichkeit geben, etwas Essenzielles zum Ausdruck zu bringen, bin ich zufrieden. Vor mir liegt, was ich in den letzten Stunden gemalt habe: der Mensch auf der Flucht, bei einer Verfolgung, einer Attacke. Allem liegt die Bewegung des Körpers zugrunde, das Zusammenspiel von Armen und Beinen. Das Thema hat mich heute Morgen spontan gereizt.

Haben die Menschen auf diesem Bild ihr Ziel erreicht?
Der Mensch kommt nie ans Ziel, auch ich nicht, solange ich lebe. Die Suche danach bleibt immer gegenwärtig.

Selbst nach 106 Jahren?
Erfüllung strebt man an – man kann sie nicht festhalten oder auf Papier bannen. Mit der Nahrung ist es ähnlich, man ist ja nur für kurze Zeit gesättigt – übertragen auf ein Menschenleben. Das gilt auch für die ideellen Werte, etwa Kunst oder Musik.

Hans Erni hat von seinem lichtdurchfluteten Atelier, in dem er in den letzten Jahrzehnten gearbeitet und Projekte wie das 60 Meter lange Wandbild für die Uno in Genf geschaffen hat, Abschied genommen. Er lebt nun im oberen Stock seines Hauses, das er in den 50er-Jahren selbst entwarf. Auch Doris hat ihr Schlafzimmer im Erdgeschoss, das mit Selbstporträts ihres Mannes tapeziert ist, aufgegeben und ist nach oben gezogen. Zum Frühstück trinkt Erni Kaffee, Milch und Orangensaft. Seine Frau streicht für ihn Brote mit Butter und Marmelade und macht kleine Vierecke daraus. Im vergangenen Jahr verbrachten sie den Sommer wie gewohnt in ihrem Ferienhaus in Saint Paul de Vence - vielleicht zum letzten Mal? «Ich will den Gedanken, wieder nach Frankreich reisen zu können, nicht so einfach abschreiben», gibt sich Erni kämpferisch.

Ihre Selbstporträts sind faszinierend. Sind Sie narzisstisch veranlagt?
Ich zeichne mich eigentlich nicht gerne; es existieren nur wenige Selbstporträts.
Doris: Für mich hast du einige gemalt.
Hans Erni: Das ist etwas anderes, das sind familiäre Pflichten.
Doris: Dann musst du mir zum Geburtstag und zu Weihnachten nichts mehr kaufen ... (beide lachen)

Schauen Sie in den Spiegel, oder malen Sie sich aus der Fantasie?
Ich mag es, wenn der Mensch ohne Spiegel im Porträt sichtbar wird. Eine Zeichnung muss lebendig bleiben.

Was raten Sie alten Menschen?
Bloss nicht mit Arbeiten aufhören!

Wie gehen Sie mit dem Tod um?
Es ist eine Tatsache, dass das Leben uns nur eine bestimmte Limite zugesteht. Wir wissen nicht, wie lange diese geschenkte Zeit dauert. Was bleibt? Bei mir sind es ein paar Zeichnungen. Jemand anderes hinterlässt Erinnerungen, Gedanken. Ein Dritter hat sie sogar aufgeschrieben. Ohne Hinterlassenschaft gibt es keine Spur vom Leben.

Haben Sie alles geregelt?
Das ist mein Testament (er klopft mit dem Finger auf ein Bündel Zeichnungen). Ich habe ein Museum, eine Stiftung. Mein Nachlass ist geregelt.

Wie wichtig ist es, verzeihen zu können?
Ich stand jahrelang als Kommunist unter Beschuss, zum Teil dauert dies noch heute an. Für mich ist eine menschenwürdige Haltung existenziell, daran halte ich fest. Es gibt immer Menschen, die zufrieden, und solche, die neidisch sind.

Die Leute von «Charlie Hebdo» sind Kollegen von Ihnen: Auch sie zeichnen und transportieren eine politische Haltung.
Eine Karikatur, die eine Wahrheit ausdrückt, ist das Beste, was es in der Kunst gibt. Ein Karikaturist muss spöttisch, ein Gegenpol zur Wirklichkeit sein. Er muss sichtbar machen, was die Gesellschaft bewegt. Ihre Kritik macht Karikaturisten oft nicht beliebt. Deswegen darf man sie nicht umbringen - im Gegenteil: Sie sind eine Notwendigkeit!

Müssen wir uns weiterhin mit dem Krieg der Kulturen abfinden?
Jeder Gläubige kann sein Tun so weit treiben, dass er eine andere Religion als überflüssig erachtet, sie ausmerzen will. Was natürlich sinnlos ist. Ich glaube, dass besagte Menschen diesen Kampf nicht ewig aufrechterhalten können. In jeder Überzeugung steckt ja oft ein Kern Wahrheit. Am besten wäre es, die positive Ausstrahlung aller Überzeugungen, die das Menschenwürdige enthalten, zu einem Ganzen zusammenzufassen. Wenn ich das könnte, würde ich daraus sofort eine Theorie entwickeln!

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