Homosexualität in der Schweiz Ernst Ostertag: «Schwule Liebe ist kein Verbrechen»

Seit knapp 60 Jahren sind sie ein Paar. Jahrzehntelang führen Ernst Ostertag und Röbi Rapp ein Doppelleben. Kämpfen für ihre Rechte, ihre Liebe, von der Polizei geschlagen und schikaniert. Heute sind sie glücklich - zu dritt, wie sie der «Schweizer Illustrierten» verraten.

Am Briefkasten von Ernst Ostertag, 84, und Robert «Röbi» Rapp, 84, in Zürich klebt ein Abziehbild einer Regenbogenflagge - ein internationales schwul-lesbisches Symbol. Das Paar sagt damit deutlich und klar: Hier wohnen Schwule. Heutzutage in vielen Grossstädten eine Selbstverständlichkeit. Ein krasser Gegensatz zu ihrem Leben als junge Männer, in dem sie sich nicht als schwul zu erkennen geben durften, ihre Liebe im Verborgenen leben mussten.

Ostertag und Rapp sind 26 Jahre alt, als sie einander 1956 in Zürich begegnen. Der gelernte Coiffeur und Gelegenheitsschauspieler Rapp tritt als Frau in einem Theaterstück auf. Primarlehrer Ostertag sitzt im Publikum und ist überzeugt: Da steht eine richtige Frau auf der Bühne! So authentisch, so echt spielt der androgyne Rapp seine Rolle. Obwohl bekannt ist, dass bei Theaterstücken von «Der Kreis» nur Männer mitspielen, wettet Ostertag 100 Franken darauf, dass es sich um eine echte Frau handelt. Sein Primarlehrerlohn beträgt damals 650 Franken. «Ich habe viel Geld verloren, doch es war die beste Investition meines Lebens», sagt Ostertag und lacht.

«Der Kreis» war eine dreisprachige, international beachtete Homosexuellen-Zeitschrift, die von 1943 bis 1967 erschien. Die Macher veranstalteten auch Bälle und Partys, und jeden Mittwoch trafen sich die Leser im Zürcher Theater am Neumarkt. Röbi Rapp: «Es war der einzige Moment, wo wir uns frei fühlten, uns austauschen konnten.» Nach einer Serie von Milieumorden kommt es ab 1957 zu mehreren Razzien. Die Polizei legt illegale Homosexuellenlisten an, erpresst schwule Männer. Angst und Schrecken sind weit verbreitet. Viele leben ein Doppelleben, bangen um ihre Existenz.

Auch Ostertag und Rapp stehen unter Mordverdacht. Die Polizei verhört sie mehrmals, Ostertags Wohnung wird mitten in der Nacht durchsucht. Er weigert sich, Protokolle zu unterschreiben, und wird von Polizisten mit Fäusten ins Gesicht geschlagen. «Mir läuft es noch heute kalt den Rücken runter, wenn ich daran denke», erinnert er sich. Seine Botschaft damals wie heute: «Wir sind keine Verbrecher - Liebe kann kein Verbrechen sein.»

Es ist ein langer und steiniger Weg, bis sie ihre Beziehung offen leben können. Ostertag und Rapp demonstrieren auf der Strasse für ihre Rechte als homosexuelles Paar und schliesslich «heiraten» die beiden. «Ein Wunder!» 2003 sind sie die Ersten im Kanton Zürich, die ihre Partnerschaft eintragen lassen.

Vor elf Jahren hat sich die Beziehung von Ernst Ostertag und Röbi Rapp nochmals verändert: Sie leben seither in einer Dreierbeziehung mit Giovanni Lanni, 41. Rapp: «Wir verstehen uns sehr gut, haben gleiche Interessen.» Und ja, es wird mehr als nur gekuschelt.

Lanni ist sich bewusst, dass er wohl beide überleben wird. Aber er will gar nicht daran denken, obwohl Rapp im letzten Oktober fast an einem Herzstillstand gestorben wäre. Ostertag, ein praktizierender Buddhist, siehts gelassen: «Ich hoffe nichts und fürchte nichts.» Der Tod ist für ihn selbstverständlich. Genauso wie es die Liebe zwischen zwei Menschen sein sollte.

Die Erlebnisse von Röbi Rapp und Ernst Ostertag sind ab dem 18. September im Kinofilm «Der Kreis» zu sehen. Der Spielfilm mit Interview-Sequenzen des Paares erzählt die Geschichte der Schwulenorganisation «Der Kreis», von ihrer Blütezeit in den Nachkriegsjahren bis zu ihrer Einstellung 1967.

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