Walter Roderer «Ich bin ein Gefühlsmensch»

Der grösste Volksschauspieler der Schweiz feiert seinen 90. Geburtstag! Wir haben den stillen Star Walter Roderer zu seinen Lieblingsorten begleitet und lüften seine letzten Geheimnisse: Um die dritte Frau in seinem Leben, wen er verletzte, was in seinem Testament steht. Und wann seine glücklichsten Tage waren.

Er stösst beide Fensterflügel weit auf, das macht er immer so, dreht sich zur Sonne, schaut nach rechts, nach links und sagt: «Jetzt bin ich angekommen. Endlich!» Draussen schnattern japanische, amerikanische, deutsche Touristen, türkis glitzert die Lagune. Und drinnen, in Walter Roderer, pocht das Herz schneller als sonst. Denn jedes Mal fällt sein Blick auch auf einen kleinen Palazzo in der Nachbarschaft: «Da drüben», sein rechter Zeigefinger saust durch die Luft, «da hatte ich wohl die schönsten Tage meines Lebens.» Dann sinkt er aufs Bett von Zimmer 225.

Jedes Jahr reist Walter Jakob Roderer einmal nach Venedig. Alles hier ist Ritual. Er wohnt immer im Hotel Metropole, immer im gleichen Zimmer, 1. Stock. Und, das kann man an der Stelle auch gleich verraten, abends isst er am Fischmarkt in der Trattoria Antica Torre bei Gianni am liebsten «cozze» – Miesmuscheln. Tagsüber träumt er im Schatten der mächtigen Backsteinkirche San Giovanni e Paolo, wie er als junger Spund durch die Gässchen streifte. Fast ohne Geld, denn von seinen letzten Franken hatte er sich in Zürich einen hellblauen Pulli gekauft, den er dann vier Wochen lang anhatte. «Rodi» legt sich hin, die Arme entspannt im Nacken. Über seinem Kopf ein mächtiger goldener Engel. Schokobraune Seidentapeten, mokkabrauner Teppich. Eine Brise Seewind bläht die weisse Gardine zum Segel.

Am 3. Juli wird der «Der Mustergatte», der «Schweizer namens Nötzli» 90 Jahre alt. Unvergessen diese Theaterstücke, in denen er das Leben der Kleinbürger parodierte: witzig, frech, neu. Sketche wie «D Bass-Giige» oder «De Fackelzug» sind heute Klassiker auf Youtube, genauso wie seine Werbespots für Coop, die SBB oder Mitsubishi. Der Volksschauspieler war immer der mit den dicken Brillengläsern, dem Schildkrötenhals und dem Rundrücken. Das dichte weisse Haar kringelt sich in langen Löckchen hinterm Ohr. Doch die Frisur sitzt. Roderer geht nie zum Coiffeur. Wenn ihn die Eitelkeit packt, greift er zur Küchenschere und stutzt vor dem Badezimmerspiegel selbst die Mähne.

«Reisen reisst mich aus dem Alltag», sagt er jetzt, richtet sich langsam auf und greift nach seinem schwarzen Gehstock mit dem Silbergriff, «das gibt der Seele und dem Ego Auftrieb.» Reisen ist Roderers Leidenschaft. Er «kennt die Schweiz wie seine Westentasche», hat das Land mit dem Militärvelo erfahren. Kein Pass war ihm zu hoch, kein Tal zu lang. Fuhr als junger Mann von St. Gallen über München nach Wien. Von St. Gallen über Grenoble, Nizza nach Marseille, schlief im Zelt. Später ging er mit seiner ersten Frau Lenke drei Monate auf Weltreise. Und mit seiner Theatertruppe spielte er in Hongkong, Berlin, San Francisco.

Aber die Reise, auf der er sein Herz verlor, führte ihn nach Venedig. Er war gerade 30 und verdiente sein Geld mit Blumen-Umtopfen in einer Gärtnerei.

Roderer hakt sich mit links bei mir ein. In der rechten Hand der Stock. Wir trippeln los über die Riva degli Schiavoni. Ignorieren die afrikanischen Handtaschenverkäufer und ihr «Good price»-Geschrei. Steigen langsam über eine Brücke, dann noch eine, und stehen bald vor jenem venezianischen Palast, an den die Erinnerung wie Feuer in ihm brennt. Einst ein Stundenhotel mit Appartementvermietung, heute das Viersternehotel Bucintoro. Der Concierge lächelt, «ma certo, signore», gerne zeigt er uns das Zimmer und nimmt Schlüssel 303 von der Wand. Rodi wird an meinem Arm noch ein bisschen schwerer. «Jetzt bin ich ganz melancholisch», sagt er.

Ein Kämmerchen. Holzdielen, holzgetäfelte Wände, ein kleines Fenster, alles wie damals, nur renoviert. Der Grund für seine Melancholie heisst Esther Brunner. Seine Leidenschaft aus Uni-Zeiten. Mit ihr verlebte Roderer an genau diesem Ort hinter genau diesem Fenster vier erotische Wochen. Esther, die Kunststudentin, Tochter aus reicher Zürcher Familie, Malerin. Und Roderer, der mittellose Germanistikstudent, Aushilfsgärtner, Mann mit Schauspielambition. Esther zeichnete, Rodi kaufte Brot, Fisch, Wein und kochte. «Damals fühlte ich mich wie ein Venezianer! Ich lernte, was ‹dolce far niente› – süsses Nichtstun – heisst und: Amore, Amore, Amore.»

Verschämt blickt der Concierge zur Seite und Roderer sagt: «Ach! Sie war reich, und ich war arm. Ich dachte nie, dass ich für sie infrage komme! Aber – sie hat mich gemocht.» Esthers Weg verlor sich in Paris. Roderer kehrte heim nach Zürich.

Wieder draussen in der warmen Mai-Sonne, stützt sich Roderer schwer auf seinen Stock und schaut noch mal hoch zum Fenster. «Wissen Sie, es gibt in meinem Leben drei Frauen. Schlaflose Nächte oder Schmetterlinge im Bauch hatte ich wegen keiner. Restlos erlegen? Nur noch aufs Herz gehört? Den Verstand ausgeschaltet? Nein, das kenne ich nicht. Mit vielen Frauen hatte ich intime Beziehungen. Aber: Ich war nie in sie verliebt!»

Was ist Liebe? «Ehrfurcht und Anerkennung. Das hat mit Sex nichts zu tun.» Rodi, Sie waren mit Lenke, Ihrer ersten Frau, 44 Jahre lang verheiratet! «Und ich behaupte, wir hatten eine gute Ehe. Sie stand immer zu mir, vor allem in finanziell schlechten Zeiten. Ich habe sie aus Dankbarkeit geheiratet. Sie muss vieles geahnt haben und hat kein Wort darüber verloren. Sie bedeutet mir bis heute am meisten – ihr Humor, ihr ungarischer Akzent haben mich immer gerührt.»

Und mit Ihrer Bühnenpartnerin Ruth Jecklin waren Sie gleichzeitig über drei Jahrzehnte ein Liebespaar …? «… Mein Gott, es gibt so viele hübsche, junge Frauen, da passierte es halt mal … Mit der Ruth bin ich um die ganze Welt getourt. Ich habe ihr immerhin ihren grössten Wunsch erfüllt.»

Sie haben sie 82-jährig geheiratet. «Ja, aber ehrlich gesagt aus Mitleid. Sie wollte mich. Ich habe ihr immer gesagt: ‹Du bist Frau Nummer zwei.› Das war grausam, aber wahr. Sie wollte mich trotzdem. Ich pflegte sie, genau wie Lenke, bis zu ihrem Krebstod 2004.»

Die dritte Frau ist Anina? Ihre 30-jährige Grossnichte, die Sie auf der Beerdigung von Ruth kennenlernten … «… Ja, die Tochter des Sohnes meiner Schwester. Sie war Tänzerin in Berlin und lebt heute in Florenz. Auf meine Empfehlung lernt sie Italienisch. Sie will bald ein Bed & Breakfast-Hotel eröffnen, das ich mitfinanziere. Wir waren in Indien, Thailand, Hongkong, Istanbul, auch Venedig. Es ist schön, zu sehen, wie sie die Reisen geniesst. Ich wollte nie Verantwortung übernehmen für eigene Kinder, dabei bin ich ein Gefühlsmensch. Anina ist wie eine Tochter für mich, die ich bewahren und pflegen möchte.»

Im Bildband über Ihr Leben haben Sie einen Brief an Anina abgedruckt. «Da sage ich: ‹Wir schätzen, wir lieben uns.› Das klingt anrüchig, das versteht doch keiner. Ich habe auf unseren Reisen nie mit ihr in einem Zimmer übernachtet! Sie ist der einzige Mensch, den ich noch habe. Sie soll keine Existenzangst haben, wenn ich nicht mehr bin. In meinem Testament ist sie Haupterbin. Das weiss mein Bruder.»

Jetzt hakt er sich bei mir ein, und wir trippeln am Wasser zurück, Möwen schreien. In den vergangenen Monaten haben wir oft im Wohnzimmer oder auf der Terrasse von Roderers Haus am Walter-Roderer-Weg in Illnau ZH gesessen und über das Leben nachgedacht. Sein Haus (geschätzte 2,5 Millionen Franken) hat er selbst entworfen, im «toskanischen Stil», wie er es nennt, 33 Jahre wohnt er schon dort. Seit er 1994 die Schauspielerei aufgab, ist das kleine Dorf sein einziges Nest. Im Wohnzimmer eine fuchsbraune Ledercouch, sein kleiner Schreibtisch, ein Telefon mit sehr grossen Tasten – seniorengerecht. Auf Regalen zerlesene Reisebildbände, vergilbte Fotoalben, Souvenirs wie Steine, Holzfiguren, Teddybären, kurz ein Museum des Lebens.

«Das hat alles Lenke dekoriert. Nach ihrem Tod vor 13 Jahren habe ich nichts verändert.» Daneben liegt Roderers Laptop, sein abgegriffenes Nokia-Handy, mit dem er gerne SMS verschickt. Vor dem Kamin: drei Prix Walo, darunter der Ehren-Prix-Walo und der Telepreis, beide von 2010 in Anerkennung für sein Lebenswerk. «Die Preise freuen mich sehr, aber sie kommen eigentlich spät.» In seinen Dankesreden sagte Roderer spasseshalber: «Sie haben Glück, dass ich überhaupt noch lebe.»

Roderer war nie eine dominante Figur in der Schweizer Schauspielerszene, trotz seinen grossen Erfolgen. Er spielte mit Walter Giller, Hans Gmür, Karl Suter. Mit Stephanie Glaser und Maria Becker. Und doch: «Ich war immer ein Aussenseiter», sagt er. Ein stiller Star. So still, dass das Schweizer Fernsehen dieses Jahr den grössten Volksschauspieler der Schweiz nicht mal mehr zur Verleihung der Swiss Awards einlud.

Seine Tage sind ruhig, er sagt: «Ich liege so gerne im Bett. Es ist schön, wenn man nichts mehr muss.» Gegen 9 Uhr wird er geweckt. Roderer frühstückt nicht, er bruncht: Nescafé, Vollkornbrot, ein Ei, Wurst, Gurken, körniger Frischkäse. Danach folgt Verdauungs-Sport im eigenen Pool: 30 Minuten Wassergymnastik. Jeden Tag, seit 33 Jahren. Trotz den fünf Bypässen.

Roderer ist ein Geniesser. Er geht noch zu Theaterpremieren, zu Theatervorstellungen. Vor allem liebt er die Fahrten in seinem moosgrünen Bentley oder dem nachtblauen Audi TT Coupé. Die Ausflüge füllen meist die Zeit zwischen Schwimmen und Abendessen. Einmal sind wir nach St. Gallen, ja, man kann schon sagen, «ausgefahren». Im Bentley, cremefarbene Ledersitze, Wurzelholzverkleidung. Nach 71 Jahren war Rodi zum ersten Mal wieder an den Drei Weihern. Hier lernte er schwimmen, hier rezitierte er, an langen Sommer-Nachmittagen, sein Lieblingsgedicht von Joseph Eichendorff: «Welt o Welt, o lass mich sein / locket nicht mit Liebesgaben / Lasst dies Herz alleine haben / seine Wonne, seine Pein.»

Rodi schnallt sich im Auto selten an, dafür schiebt er ein schmales Kissen in seinen Rücken und legt den Gehstock auf den Beifahrersitz. Dann schiebt er ein Klavierkonzert von Mozart ein und gibt Gas. «Autofahren ist für mich Therapie. Um auf andere Gedanken zu kommen, muss ich mich nur ins Auto setzen. Nach ein paar Kilometern ist mir wieder vögeliwohl.»

Roderer geniesst auch, dass er noch lebt. «Action ist mir zuwider. Dieses Laute, Schnelle. Mir reicht es mittlerweile, im Sessel zu sitzen und mich zu spüren. Die Augen zu schliessen und zu merken, wie mein Leben atmet. Das ist doch ein Wunder! Ich schaue gerne zurück und würde alles wieder genauso machen.»

Träume? «Nein. Wenn ich die nächsten zehn Jahre so weiterleben kann, bin ich zufrieden.» Glauben Sie an Gott? Wir sassen auf seiner Terrasse, die wilde Blumenwiese im Garten stand kniehoch. «Ich bin kein Kirchgänger. Aber ich habe eine Beziehung zu Gott. Ein Baum, der wächst, ein Kind, das geboren wird – das kommt ja von irgendwo her. Da muss eine Macht dahinterstehen, eine Kraft. Die nenne ich: Gott.»

Was passiert nach dem Tod? «Wenn da nichts wäre, das wäre gemein. Ich stelle mir einen Paradiesgarten vor. Ich treffe die Menschen wieder, die ich lieb hatte. Idealerweise frei von Gebrechen und Streit.»

«Sie sind gesund. Was, wenn sie pflegebedürftig werden?» «Ich bin schon seit zehn Jahren bei Exit. Sterbe ich an einem Herzstillstand – gut. Sieche ich dahin, rufe ich rechtzeitig die Sterbeorganisation an. Ich will keinem zur Last fallen und selber entscheiden, wann ich gehe. Und zwar mit den Füssen voraus aus meinem eigenen Haus.»

Noch tragen ihn seine Füsse durch Venedig, wo der Himmel und das Wasser blau sind. Blau ist seine Lieblingsfarbe. Sein braunes Hemd mit den grossen weissen Kreisen sei 30 Jahre alt, noch immer Top-Qualität, es habe einst das Vermögen von 150 Franken gekostet. Neue Kleider brauche er nicht, er trägt sie lieber aus. In der Innentasche seines Sakkos stecken, selbst hier, sein braunes Notizbüchlein mit allen Telefonnummern, daneben ein blauer und ein roter Filzstift. Manchmal auch: Autogrammkarten.

Das Hotel Metropole – hier komponierte Vivaldi die «Vier Jahreszeiten» – ist nur noch ein paar Schritte entfernt. Davor zehn Tische unter sonnengelben Schirmen. Der Kellner kennt ihn, Rodi setzt sich, das Wasser plätschert an die Quaimauer, die Speisekarte gibts auf Englisch, Deutsch und Chinesisch. «Ich bin durchs Reisen näher zu mir selbst gekommen. Ich war begeistert, habe mich in Orte verliebt und an Menschen verloren. Dann fährt man weg, und es bleibt nur eins: die Erinnerung. Das macht mich nicht wehmütig – ich empfinde dabei Trost. Denn: Letzten Endes ist jeder Mensch allein.»

Roderer nippt an seinem Sprizz, dem Aperitif aus Aperol, Weisswein und Mineralwasser, er lächelt in die Sonne.

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