Ueli Haldimann «Ich bin frei von persönlicher Eitelkeit»

Zweimal hat er beim SF gekündigt, dreimal wieder neu angefangen. Der neue SF-Direktor Ueli Haldimann über seine TV-Abende daheim, seine fehlende Kameratauglichkeit und seine Freizeit auf dem Snowboard.

Schweizer Illustrierte: Herr Haldimann, welche Fernseh-Sendung haben Sie gestern Abend daheim geschaut?
Ueli Haldimann: Am Sonntagabend sah ich mir die «Tages­schau» an, «Die grössten Schweizer Hits» und «Giacobbo/Müller». Früher, als SF-Chefredaktor, schaute ich viele Informationssendungen. Jetzt, als Direktor, musste ich mein Fernseh­konsum-Spektrum massiv verbreitern. Ich gucke mir zwar nicht jeden Kindertrickfilm an, aber Unterhaltung, Kultur und Sport gehören nun mal ebenso zu unserem Kerngeschäft.

Tönt nach Pflichtübung.
Oh nein, gar nicht. Der Sonntag ist generell ein toller TV-Abend. Bei den «Grössten Schweizer Hits» unterhalte ich mich prächtig. Und «Giacobbo/Müller» ist sensationell gemacht.

Haben Sie daheim ein Ritual, wie Sie fernsehen? Beispielsweise mit Wolldecke auf der Couch, Salznüssli, einem Glas Wein?

Ich schaue gern Kinofilme ab DVD und geniesse es, dass neben mir niemand Popcorn isst. Ich habe eine Satellitenschüssel, Digital-Kabel und empfange damit über 800 Sender. Bei mir zu Hause stehen vier TV-Geräte. Eines davon steht in der Küche – ein kleiner, schwenkbarer Flachbildschirm. Das kann ich jedem empfehlen. Es ist ein entscheidender Gewinn in Sachen TV-Genuss. So kann ich beim Znacht-Kochen bequem fernsehen.

Kochsendungen?
Nein, beim Kochen schaue ich «glanz&gloria», «Tagesschau» und oft auch die Sendungen nach 20 Uhr. Gemüse rüsten und TV gucken – das geht ganz wunderbar! Früher schaute ich oft Konkurrenz-Sender, um ver­gleichen zu können. Im Moment, wie gesagt, bin ich daran, mich querbeet ins ganze SF-Angebot zu vertiefen.

Welche Ihnen bisher wenig bekannten SF-Perlen haben Sie dabei entdeckt?

Ich war im Sommer auf dem Set einer «SF bi de Lüt – Live»-Produktion in Guggisberg. Das hat mir sehr gut gefallen. Die Stimmung im Dorf, diese Begeisterung, dass das Fernsehen gekommen ist, war toll. Und unsere Crew samt Moderator Nik Hartmann machte einen hoch professionellen Job.

Nik Hartmann ist ungemein beliebt beim Publikum.
Nik Hartmann ist ein Jahrzehnt-Talent. Er moderiert mit unglaublichem Charme, mit Witz und einer intelligenten Ironie. Sein grösstes Kunststück aber ist, und das schaffen nur die wenigsten Moderatoren: Er spricht alle Zuschauer an.

Dann ist Nik Hartmann der kommende grosse Mann der SF-Samstagabend-Shows?
Für ein solches Job-Angebot wäre Unterhaltungschefin Gabriela Amgarten zuständig.

Es ist ja bald Weihnachten.
Sagen wir es mal so: Nik Hartmann braucht sich in den nächsten Jahren keine Sorgen über seine Zukunft beim SF zu machen.

Sie sind seit dem 1. Oktober SF-Direktor. Als SF-Chefredaktor waren Sie Journalist, jetzt sind Sie Manager. Gefällt Ihnen das?

Ich bin immer noch Journalist, das wird man nicht so schnell los. Der Management-Anteil meiner Arbeit lag bereits als Chefredaktor bei 90 Prozent – jetzt beträgt er eben 99 Prozent. Bei meiner neuen Aufgabe kommt mir meine Berufserfahrung sehr zu Hilfe. Ich habe bei SF zweimal gekündigt und dreimal angefangen. Zusammen habe ich über zwanzig Jahre beim Schweizer Fernsehen gearbeitet, kenne viele Leute hier, die Stärken und Schwächen unseres Mediums und traue mir zu, beurteilen zu können, welche Sendungen funktionieren und welche nicht.

Was machen Sie anders als Ihre Vor­gängerin Ingrid Deltenre?
Ich war ja sechs Jahre lang ihr Stell­vertreter. Es ist überhaupt nicht so, dass ich mit ihrer Art, das Unter­nehmen zu führen, unzufrieden gewesen wäre. Viele Ihrer Entscheide haben wir gemeinsam besprochen. Ich werde also nicht eine neue Ära einläuten, und ich bin auch nicht so machtorientiert, überall im SF meine Markierspur hinterlassen zu wollen. Klar habe ich mir vorgenommen, ein paar Sachen zu ändern, aber meine Zeit hier als Direktor ist ja befristet.

Sie sprechen es an: Gesucht ist ein Superdirektor, denn Radio und TV sollen 2011 zusammengeführt werden. Werden Sie sich bewerben?

Die Stelle für den Gesamtdirektor wird voraussichtlich Anfang nächstes Jahr ausgeschrieben. Ob ich mich dann bewerbe, weiss ich jetzt noch nicht.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes TV-Erlebnis als Kind?
Meine Eltern besassen keinen Fernseher. An Weihnachten durfte ich als kleiner Bub aber immer bei meiner Grossmutter fernsehen. Zum Beispiel das Marionettentheater der Augsburger Puppenkiste.

Und Ihr erster Fernseh-Auftritt?
Da war ich etwa zwölf Jahre alt. In unserem Schulhaus war eine Aus­stellung, die Sendung «Antenne» des Schweizer Fernsehens drehte dazu eine Reportage und interviewte ein paar Schüler – auch mich! Ich habe den Beitrag letzthin im SF-Archiv heraussuchen lassen. Himmel, habe ich damals altklug dahergeredet?…

Fernsehmachen, so scheint es, ist heut­zutage kinderleicht. Jede Quartierzeitung mit Internetauftritt hat auch noch ein Web-TV. Macht Ihnen das als TV-Chef Angst?
Nein, ich betrachte das als eine Art Demokratisierungsprozess. Solche Entwicklungen gab es schon immer: Früher konnten nur Schriftsetzer Zeitungen machen, heute kann jeder mit seinem PC via Internet Informationen verbreiten. Bewegtes Bild war früher alleiniges Monopol des Schweizer Fernsehens, heute kann jeder mit einer Handykamera Botschaften verbreiten. Für uns Fernsehprofis heisst das allerdings: Wir müssen noch besser arbeiten, damit der Qualitätsunterschied klar ersichtlich ist.

Ex-«Tagesschau»-Chef Heiner Hug bezeichnet in seinem neusten Buch die «Tagesschau» als «der grösste Seniorenklub des Landes».
Das hat mich geärgert. Er selber war sechs Jahre lang ja derjenige, der die «Tagesschau»-Themen bestimmte. Ich wollte es dann aber genau wissen und habe nachgeschaut und nach­gerechnet: Das Durchschnittsalter des «Tagesschau»-Publikums nahm in den letzten 15 Jahren um 1,5 Jahre zu. In der gleichen Zeit nahm das Durchschnittsalter der Gesamt­bevölkerung um 2,3 Jahre zu. Die «Tagesschau» ist also relativ jünger geworden.

Fehlt dem SF in der Schweiz ein grosser Konkurrent, der Sie herausfordert – und es somit noch besser macht?
Wir haben in der Schweiz eine starke Konkurrenz aus dem deutschen Sprach­raum. Grundsätzlich wäre ich aber auch über eine nationale Kon­kurrenz froh. Der Markt ist mit fünf Millionen Deutschschweizer Ein­wohnern jedoch wahnsinnig klein. Es gab ja nationale Senderversuche mit TV 3 und Tele 24 – alle sind gescheitert.

Derzeit probiert es 3+. Wie finden Sie den Sender?
3+ macht verschiedene Fehler nicht, welche die anderen Sender machten: 3+ will langsam wachsen, macht zwar Eigenproduktionen, aber immer nur wenige. 3+-Chef Dominik Kaiser managt das sehr geschickt, er macht nichts, was er nicht refinanzieren kann. Ich wünschte mir natürlich, dass ein SF-Konkurrent mehr Eigenleistung hätte. Denn Konkurrenz belebt. Zudem lässt 3+ den kostenintensiven, aber auch prestigeträchtigen Informationsteil ganz weg.

Ueli Haldimanns neues Direktions-Büro liegt fast zuoberst im SF-Hochhaus in Zürich Leutschenbach. Durch die grosse Fensterfront sieht man die Alpenkette. Haldimann kennt fast jeden Berg mit Namen. Das Vrenelisgärtli, bemerkt er, sei schon ganz schön eingeschneit. Er besuche oft im Internet die Web-Cams einzelner Skiorte – bald könne man wieder snowboarden, er freue sich sehr darauf.

Sie mögen die Berge und den Schnee. Und gelten als Snowboarder der ersten Stunde.

Ich fuhr immer sehr gern Ski, vor allem im Tiefschnee. Damals gabs aber noch keine Carvingski, was das Tiefschneefahren zur kräftezehrenden Knochenarbeit machte. Ende der 80er-Jahre entdeckte ich dann, wie wunderbar leicht man mit dem Snowboard den Tiefschnee geniessen kann. Seither fahre ich Snowboard – fühle mich dabei mittlerweile aber manchmal wie ein Grufti.

In den Bergen können Sie also so richtig auftanken?
Leider komme ich viel zu wenig dazu. Aber in den Bergen geht es mir gut, da kann ich den Kopf durchlüften. Nach meinem Rausschmiss 1997 bei der «Sonntags-Zeitung» machte ich als Erstes eine wöchige Bergtour. Das tat unheimlich gut. Da hat man andere Probleme, andere Aufgaben, andere Ziele. Und in den SAC-Hütten lernt man immer sehr spannende Leute kennen.

Das wär schon fast ein Thema für eine «SF bi de Lüt»-Sendung!
Das gäbe tatsächlich eine interessante Doku-Soap.

Die käme beim Publikum bestimmt gut an. TV-Formate, die unaufgeregt über das ganz normale Leben berichten, sind im Trend. «SF bi de Lüt» mit seinen Aus­legern «Über Stock und Stein», «Heimspiel», «Familiensache», «Landfrauenküche» und neu «Vereins­geschichten» sind enorm erfolgreich. Heimat punktet wieder.
Ich bin wirklich stolz, dass wir diese «SF bi de Lüt»-Marke entwickelt haben. Das ist eine tolle Programmform, in der sehr viel Volkskultur steckt – darum läuft sie auch so erfolgreich. Eine der Stärken von SF ist es ja eben, die Schweiz so zu zeigen, wie sie ist – urban, aber auch ländlich. Das gehört zu unserem Auftrag. Übrigens haben einige dritte Programme der ARD unsere «SF bi de Lüt»-Idee der Landfrauenküche eingekauft und adaptiert.

Alle zwei Jahre produzieren Sie im Sommer ein «Living History»-Projekt: Nach «Sahleweidli», «Pfahlbauern» und «Alpen­festung» – womit überraschen Sie uns als Nächstes?
Wir werden bestimmt wieder etwas machen, aber erst in zwei Jahren, denn im nächsten Sommer läuft die Fussball-Weltmeisterschaft. Ich kann noch nichts Konkretes sagen. Die «Alpen­festung» dieses Jahr war gut, was die geschichtliche Einbettung betrifft. Weniger gut war, dass wir zwanzig Soldaten hatten, die alle gleich an­gezogen waren. So schafften wir zu wenig Identifikationsfiguren. Das wird beim nächsten Projekt wieder besser.

Die Schweizer Illustrierte hat Ihnen vor einigen Jahren mal einen Kaktus verliehen. Damals sprachen Sie als Chefredaktor einen Abstimmungskommentar und schauten dabei gequält, steif und unglücklich in die Kamera. Erachten Sie sich selbst als kameratauglich?
Ich habe gewiss journalistisches Talent, beim Verteilen der Moderationsqualitäten stand ich aber bestimmt nicht in der vordersten Reihe. Aber ich kann gut damit leben, denn ich bin frei von persönlicher Eitelkeit.

Zum Schluss dürfen Sie noch ein wenig träumen: Welches TV-Projekt würden Sie selber gern realisieren? Zeit und Geld würden keine Rolle spielen.

Ich würde gern den Roman «Melnitz» von Charles Lewinsky als mehrteilige opulente Familien-Saga verfilmen.

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