Die Rothenbühler Kolumne «Ich bin nicht behindert, ich werde behindert»

Peter Rothenbühler schreibt jede Woche Persönlichkeiten, die aufgefallen sind. Dieses Mal dem verstorbenen früheren Berner Nationalrat Marc F. Suter.

Lieber Marc F. Suter

Du hast dich verabschiedet, wie Du gelebt hast: Zur Trauerfeier in der Bieler Stadtkirche hast Du Dir die scharfen Rhythmen des virtuosen Salonorchesters Prima Carezza gewünscht. Nicht gerade traurige Musik, eher eine Aufforderung zu Feier und Tanz. 

Ich bin nicht behindert, ich werde behindert

So haben wir Dich gekannt: Marc, der gut aussehende, ewige Junge mit Temperament und Charisma, ein Optimist mit dem festen Glauben an eine bessere Welt, für die sich zu kämpfen lohnt, als Rechtsanwalt und als Nationalrat. Ein Quer- und Vorausdenker. Durch nichts zu bremsen, obschon Du seit dem 21. Altersjahr nach einem Autounfall querschnittgelähmt warst. «Ich bin nicht behindert, ich werde behindert», hast Du gesagt. 

Dein Studium hast Du brillant beendet und täglich steile Treppen mit purer Muskelkraft überwunden. Bist Skibob und Wasserski gefahren, hast Dich an einem Seil in die wilde Maggia gleiten lassen, um gegen den Strom zu schwimmen. Wer den Mut hatte, zu Dir ins Auto zu steigen, wusste, dass Du fährst, als müsste ein Rennen gewonnen werden.

Als erster Nationalrat im Rollstuhl hast Du für behindertengerechte Bauten gekämpft. Auch für alternative Energien, als noch kaum jemand davon sprach. Für Europa, als bei uns die Mehrheit dagegen war. Und für mehr soziale Gerechtigkeit, obschon das bei den freisinnigen Parteikollegen nicht erste Priorität hatte, um es mal freundlich auszudrücken. 

Ein stets Aufgestellter, ein Unbequemer, der sich sagte: Ich muss nicht parteikompatibel sein, ich muss nur mit meinem Gewissen kompatibel sein. Den Kampf gegen den Krebs hast Du verloren. Du bleibst ein Vorbild für viele.

Mit freundlichen Grüssen
Peter Rothenbühler

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