Seven «Ich habe einen sturen Kopf»

Er gilt als der Soulsänger der Schweiz. Doch auf seinem neuen Album «The Art Is King» schlägt Seven rockigere Töne an. Wieso? Weil er das macht, was er will.

SI online: Seven, Ihr neues Album «The Art Is King» ist ungewohnt rockig geworden. Kommt dies von zu viel Wut oder zu viel Energie?
Seven: Ein bisschen wohl von allem. Früher wusste ich immer, jetzt mache ich eine Soul-, Big Band- oder R’n’B-Platte und schrieb die Lieder mit diesem Ziel. Ich habe mich so selber eingegrenzt. Bei diesem Album habe ich mich erstmals dazu entschieden, einfach Lieder zu schreiben frei von jeglicher Eingrenzung. Mit dieser Wut im Bauch habe ich «The Art is King» - Die Kunst ist König - geschrieben.

Wieso mit Wut im Bauch?
Weil das Wort Kunst verstaubt und fast in Verruf gekommen ist. Von Kunst redet man nur, wenn etwas unpopulär, unglaublich abstrakt ist und grossen historischen Intellekt voraussetzt. Musik gilt nicht als Kunst, sondern als Pop. Doch ich finde, dass Kunst subjektiv ist. Es ist alles und nichts. Für jeden und für niemanden. Kunst kann man nicht definieren. 

Und wo haben Sie Ihre Kunst geschrieben?
Mit meinem Pianisten ging ich in die Berge und nach New York.  Wir schrieben 40 Songs und wählten 12 aus. Vom Ergebnis liessen wir uns überraschen. Das braucht zwar Mut, aber mit dem Familienrückhalt und dem Wissen ein Daheim zu haben, kann ich mutig sein und frei Musik machen.

Das ist heute doch Luxus.
Ich habe schon immer gemacht, was ich wollte. Das ist wohl auch der Grund, weshalb mein Weg steinig, aber auch immer ehrlich war. Dass ich mich nie verbiegen liess, darauf bin ich am meisten stolz. 

Wie ist es eigentlich das Prager Orchester für die Aufnahmen «dirigieren» zu dürfen?
Da bist du ein kleines Würmli, das herrscht. Doch ein Würmli kann nur ein guter Herrscher sein, wenn die Vorbereitung gut ist. Und wir waren ein Team und gut vorbereitet.

Ihr Vater ist Tenor und Ihre Mutter Pianistin. Haben Sie mitgeholfen?
Gar nicht. Durch sie habe ich zwar den Zugang zur organischen Musik sehr früh kennengelernt und selbst begonnen, Geige zu spielen. Aber mit meinen Eltern habe ich nie gemeinsam musiziert. Ausser an Weihnachten, da spielen alle ein Instrument. Dann geht es voll ab. 

In Ihrer Familie hört es sich wenigstens gut an. 
Stimmt, aber wenn wir Konditoren wären, könnten wir wunderbare Torten backen. Jede Familie hat ihr Fachgebiet. Bei mir war gut, dass ich meinen Eltern nie erklären musste, was mich an der Musik fasziniert oder anzieht. Und glücklicherweise geben sie mir keine Tipps. Ich bin ein unglaublich sturer Kopf, der keine Hilfe annehmen will. Ich muss es selber machen, auch wenns schlecht kommt.

In «Teacher» rufen Sie die Leute auf, aktiv zu werden und Dinge zu erledigen. Haben Sie das Gefühl, dass die Gesellschaft am Einschlafen ist?
Im Gegenteil. Eigentlich kann nur jemand solche Sätze von sich geben, wenn diese auch auf ihn selbst zutreffen. Ich selber denke oft abends: «Oh, ich sollte noch meiner Grossmutter anrufen und mehr Wasser trinken.» Und dann verschieben wir es auf morgen. 

Demnach machen Sie es nicht?
Wenn ich etwas tun sollte und es nicht erledige, dann nervt es mich. Und das wollte ich in den Song reinpacken. Einen Reminder an mich selbst, Dinge zu tun. Ich hätte ja genug Energie, das Ventil ist von morgens bis abends geöffnet.

Haben Sie als Familienvater mehr Erfolgsdruck?
Ich habe sicher mehr Verantwortung. Aber mit meiner eigenen Firma habe ich es so gut geregelt, wie es nur möglich ist. Aber hat jemand, der seit zehn Jahren als Musiker arbeitet, wirklich ein weniger sicheres Einkommen als jemand auf einer Bank?

Künstler ist ein brotloser Job.
Es fängt bestimmt so an. Es hat keine Sau auf dich gewartet. Vor zehn oder fünf Jahren hätte ich keine Familie ernähren können.

Haben Sie einen Fallschirm in Form eines erlernten Berufes?
Ich habe die Matura gemacht, aber keine Lehre oder ein Studium absolviert. Dafür jobbte ich als Schuhverkäufer und organisierte Partys. 

Was, wenn Ihr heute zweijähriger Sohn auch keine Ausbildung machen will?
Ich mache das, was mir mein Herz sagt. Das rate ich ihm auch an. Ob es Musik ist oder Konditor, das ist ganz allein sein Bier.

Der Kleine singt auf «Oh Oh Oh Oh Yeah» am Anfang mit. Und im Song «Father» haben Sie «völlig überraschend» noch ihre Gefühle als frischgebackener Vater verarbeitet. 
Ich weiss, das ist unglaublich kitschig, blöd und abgelutscht. Aber am Anfang hat mein Sohn immer sehr schlecht geschlafen und ich spielte diese Melodie für ihn auf dem Klavier. Er wurde dann wirklich ruhiger, deshalb ich dazu einen Text geschrieben habe. Aber alle Gefühle in einen Song zu packen, ist eigentlich anmassend. Vatersein verändert einfach jeden, der nicht total abgestumpft ist und als Holzklotz durch die Gegend läuft. Und Nicht-Väter denken: Ach ihr mit eurem Geleier! Tja, so sind wir halt. (lacht)

Ab sofort ist Sevens neues Album «The Art Is King» im Handel erhältlich. Ab dem 18. Oktober - übrigens sein 34. Geburtstag - geht er auf Tournee und feiert zehnjähriges Bestehen.

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