Heinz Frei «Ich stutzte meinen Helm mit Ogis Sackmesser»

Es ist die 15. Goldmedaille, die er im Zeitfahren mit dem Handbike an den diesjährigen Paralympics holte. Und es ist «die emotionalste», sagt Heinz Frei im Interview mit der «Schweizer Illustrierten».
Volle Pulle: Heinz Frei auf seinem futuristisch anmutenden Handbike. Der 54-Jährige war im Zeitfahren schneller als all seine jüngeren Konkurrenten.
© Keystone Volle Pulle: Heinz Frei auf seinem futuristisch anmutenden Handbike. Der 54-Jährige war im Zeitfahren schneller als all seine jüngeren Konkurrenten.

Schweizer Illustrierte: Heinz Frei, nie ein schlechtes Gewissen, Ihre halb so alten Konkurrenten einfach stehen zu lassen?
Heinz Frei: (Lacht schallend.) Doch, manchmal denke ich schon, es ist bitter für jene, die wegen mir altem Chlaus Gold verpassen. Andererseits macht es mich natürlich noch stolzer. Die Goldmedaille im Zeitfahren war meine 15. an Paralympics, aber es war vielleicht die emotionalste, weil ich selbst nicht mehr richtig daran glaubte.

Wissen Sie noch, wann Sie zuletzt gegen einen älteren Konkurrenten verloren haben?
Ui, nein, da muss ich noch sehr jung gewesen sein.

Sie sind ja mittlerweile auch beim Feiern ein Routinier. Hat sich das in London ausbezahlt?
Ach woher! Ich dachte, wenn ich dann ins Bett komme, werde ich glücklich einschlafen. Aber da ging nichts. Ich lag wach, konnte nicht abschalten. Anscheinend gibts beim Glücklichsein keine Routine.

Hat Ihre Frau Rita mit Ihnen gefeiert?
Das ist die Kehrseite der Goldmedaille: Rita bekam unter keinen Umständen Zutritt ins Renngelände oder ins Athletendorf. Niemand konnte ihr einen Tagespass besorgen. Sie war zwar im Stadion, aber nicht wirklich nahe bei mir. Dabei hätte ich sie gerne in die Arme genommen. Sie ist der wichtigste Mensch für mich. Und dann musste sie nach der Siegerehrung drei Stunden darauf warten, bis sie mir wenigstens über eine Pistenabsperrung hinweg einen Kuss geben konnte. Das tat mir weh.

Aber etwas gemeinsame Freizeit in London gabs schon?
Ein bisschen. Rita wohnte am anderen Ende der Stadt und musste jeweils eine lange U-Bahn-Fahrt machen bis zu den Wettkampfstätten. Am Vorabend des Zeitfahrens gingen wir zusammen essen. Ich hatte fast ein wenig ein schlechtes Gewissen. Aber es wirkte anscheinend positiv.

Wie auch der Materialtest im Ruag-Windkanal kurz vor den Paralympics.
Genau. Ich merkte dort, dass der Rennhelm für die Aerodynamik suboptimal ist. Kurz vor dem Rennen habe ich ihn mit meinem Sackmesser, das mir einst Dölf Ogi geschenkt hat, an der Spitze zurechtgestutzt.

Wieso nicht schon zu Hause?
Der Helm kostet 700 Franken. Ich hatte Hemmungen, den einfach kaputt zu machen.

Waren London die schönsten Ihrer acht Paralympics?
Ich glaube schon. So emotional und begeistert wie die Engländer war bisher noch kein Publikum.

Das könnten aber die Brasilianer 2016 in Rio noch toppen.
(Lacht.) Ich sag jetzt lieber nicht mehr «nie wieder». Obwohl ich glaube, dass London meine letzten Spiele als Aktiver mit Rollstuhl oder Handbike waren. Aber vielleicht bin ich ja dann als 58-Jähriger im Bogenschiessen dabei…

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