Anatole Taubman «Ich war überall und nirgends zu Hause»

Halbwaise, Heimkind, Heimatsuchender: Kein Wunder, setzt sich Anatole Taubman für Kinder in Not ein. In seinem neuen Film, der am Mittwochabend auf ARD läuft, behandelt er ein Tabuthema: Kinderhandel in Europa. Mit der «Schweizer Illustrierten» spricht der Schauspieler über seine schwere Kindheit.

Auf dem Rücksitz wird die zehnjährige Fee in ihr Drama chauffiert. Am Steuer ein Fremder. Er hat ihrem Vater versprochen, sie von Rumänien in eine bessere Welt zu fahren. Nach Deutschland.

Entrissen: Anatole Taubman, 42, weiss, wie sich das anfühlt. Der Sohn eines Klassik-Musikmanagers und einer Schauspielerin und Sängerin, privilegiert am Zugerberg zu Hause, ist gerade fünf, da trennen sich seine Eltern. Und beginnen sich gegenseitig zu bekämpfen. Während des Sorgerechtsstreits wird Anatole weggegeben. «Dort oben bin ich mit neun Kindern mit ähnlichem Schicksal aufgewachsen», sagt er. Und zeigt auf eine düstere, mächtige Villa. Sie scheint heute verlassen, obwohl Spielzeug auf dem Vorplatz liegt. Auf dem Klingelschild steht ein Familienname. Das Heim ist heute nobler Wohnsitz. «Ich hatte nicht wirklich eine wohlbehütete Kindheit.» In den ersten Lebensjahren würden dem Kind grundethische Werte auf den Weg gegeben. Geborgenheit, Sicherheit, Zuverlässigkeit. Da herausgerissen zu werden, das präge: «Ich war bis vor einem Jahr auf der Suche. Rastlos, umarmte die Welt, die Leute, aber selten mich.»

Seine Mutter gewinnt, der Verlierer ist Anatole, weil die Streiterei Jahre dauert. Und am Ende werden die Verhältnisse nicht stabiler: Sein Vater stirbt mit 72 Jahren, da ist Anatole gerade zehn. Seine «Tour de Suisse», wie er es nennt, beginnt: Auf das Heim in Zug folgt eine Pflegefamilie in Graubünden, dann das Internat in Einsiedeln. «Ich war überall und nirgends zu Hause.» Umso mehr liegt dem Schauspieler und Vater heute daran, Kindern in Not zu helfen. Selten war ihm ein Film wichtiger als sein neuster. Er behandelt ein Tabu-Thema: Kinderhandel in Europa.

Die kleine Fee landet auf einer Auktion. Verschachert wie Braunvieh. An die Besitzer eines Berliner Clubs. Nach aussen hin ein Single-Treff, in Tat und Wahrheit ein Bordell für pädophile Freier. «Die Vorstellung, dass das täglich geschieht, ist im Kopf kaum auszuhalten», sagt Taubman. In «Operation Zucker» spielt er Kommissar Uwe Hansen vom Landeskriminalamt. «Zum ersten Mal spiele ich einen Polizisten.» Der Krimi ist wie geschaffen für seinen Seitenwechsel des viel gelobten Bösewichts.

Wenige Schritte unter der düsteren Villa in Zug liegt sein ehemaliges Schulhaus. «Es sieht ja noch alles genau gleich aus! Nur habe ich es viel grösser in Erinnerung.» Mit dem Michi, dem Jürg und dem Tobi habe er hier auf dem Fussballplatz davon geträumt, einmal ein grosser Kicker zu werden. Er spricht begeistert von seinem ersten Tor, das ihn fortan zur ersten Wahl der Teamkollegen machte. Aber gesehen hat er seine Jungs nie mehr. Unicef schätzt, dass weltweit täglich 3000 Kinder Opfer von skrupellosen Menschenhändlern werden. Unter falschen Versprechungen werden sie über die Grenze verfrachtet, in die Prostitution gelockt und als Kinderarbeiter ausgebeutet. Armut, Unwissenheit, Kriege und fehlende Geburtenregistrierung begünstigen den Kinderhandel. Ein enorm lukratives Geschäft. Noch interessanter als jenes mit Drogen: Kinder können immer wieder ausgebeutet werden.

Seine jüngste Reise als Unicef-Schweiz-Spokesperson brachte Anatole Taubman nach Rumänien. Wo eben beispielsweise genau diese Geburtenregistrierung fehlt. «Ich habe Kinder kennengelernt, deren Situation mich zutiefst betroffen machte. Das Mädchen Fee in unserem Film ist keine Fiktion, das wurde mir klar.»

Mit zehn Jahren verhaltensauffällig, mit zwanzig eine «Strebernatur» mit Note 5,2 im Internat. Heute einer der erfolgreichsten Schauspieler im Land. In über sechzig Filmen hat Anatole Taubman mitgespielt: «007 - ein Quantum Trost», «Die Päpstin», «Säulen der Erde». «Es hätte aber auch anders herauskommen können mit mir.»

Ennet dem Bach will er nachschauen, ob seine Drehschaukel noch steht. An Sommerwochenenden haben seine Eltern für ihn einen Batzen in den Automaten eingeworfen. Für einen Franken gings eine Minute lang rassig im Kreis - das Ding steht tatsächlich noch da! Und funktioniert noch! Am Sonntagabend nahmen Vater oder Mutter ihn an der Hand und brachten ihn zurück in die Villa. «Ich habe immer Rotz und Wasser geheult.» Ein Heim wie in den Romanen von Charles Dickens sei es nicht gewesen. Es gebe Kinder, denen widerfahre viel Schlimmeres. Seine Kindheit sei einfach «eine schwere Zeit» gewesen. Die Unruhe, die daraus erwuchs, sei ein guter Katalysator für den Beruf. Aber jetzt, mit 42 Jahren, will er die Ruhe finden mit und in sich selbst. Und den Frieden mit seiner Mutter. «Ich habe noch nie so viel Zeit verbracht mit ihr wie jetzt.» Sie hat Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium. Er ist sicher, dass sie ihn bei seinen Besuchen im Pflegeheim im Kanton Schwyz wahrnimmt. «Ich werde das Letzte sein, was sie vergessen wird.» Auch deshalb dreht er besonders gerne in der Schweiz, um seiner Mutter nahe zu sein.

Seinen Lebensmittelpunkt hat er seit Jahren in Berlin, wo er mit seiner Partnerin Claudia Michelsen, deren Tochter Lina, 15, und der gemeinsamen Tochter Tara, 9, lebt. Taubman hat aber einen Wunsch: «Ich will unbedingt endlich meinen Schweizer Pass.» Sein Vater war Preusse, mit Eltern aus St. Petersburg und Krakau, die Mutter geboren in Wien mit Eltern aus Bratislava - und auf seinem Pass steht British Empire. Jetzt überlegt er sich, seinen Hauptwohnsitz in die Schweiz zu verlegen. Er will Wurzeln schlagen, endlich ankommen in der Heimat. Zug oder Zürich locken ihn weniger. In Bern hingegen hat er sich verliebt. «Und in diesen Flugplatz Bern-Belp, wo man zwischen den Schafen startet und landet.» Rastlos bleibt wohl rastlos.

Taubman will weiter. Der Hunger treibt ihn in den «Ratshauskeller». «Bin ich in Zug, besuche ich das Grab meines Vaters und esse Fleischvogel. Oder so was in der Art.» Beim Fleischvogel schätzt er die Gesellschaft. Und erzählt, wie er die Schweizer Küche in Berlin vermisst. Währschaft mundet ihm. Zum Friedhof dann will er allein.

Der Kinderhändler-Krimi «Operation Zucker» läuft am Mittwoch, 16. Januar um 20.15 Uhr auf ARD.

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