Drei Nationalrätinnen diskutieren

«Dem Parlament tun schreiende Kinder gut»

Kinder und Karriere. Stillen und Politisieren. Die drei Nationalrätinnen Andrea Geissbühler, Ruth Humbel und Irène Kälin gehören verschiedenen Parteien und Generationen an. Eine Mama-Debatte über Lust und Frust.

© Kurt Reichenbach

Die Nationalrätinnen Irène Kälin (Grüne) (v. l.), Andrea Geissbühler (SVP) mit Tochter Lea und Ruth Humbel (CVP).

«Mami, drucke», sagt Joel, 2, und zeigt auf den Wahlknopf. Die schwangere Nationalrätin der Grünen Irène Kälin schmunzelt, als SVP-Frau Andrea Geissbühlers Sohn sich auf Mamas Stuhl setzt. «Ist schon sehr cool, dass unsere Mütter hier arbeiten», sagt Flavia Nef, 27, Tochter von CVP-Politikerin Ruth Humbel.

Ist das Bundeshaus ein mutterfreundlicher Arbeitsort?
Geissbühler: Ich finde schon. Es gibt hier ein Frauenzimmer. Darin steht ein Sofa, ein Liegebett, und es hat eine kleine Küche. Als Frau kann man sich dort zurückziehen – etwa zum Stillen. 
Humbel: Mein Sohn war 11 und meine Tochter 14, als ich Nationalrätin wurde. Einen Ruheraum gab es schon – an ein Frauenzimmer kann ich mich nicht erinnern.
Kälin: Ich habe mir das Zimmer noch nicht angeschaut. Wenn es mir nicht gefällt, kann ich das Baby schlecht abbestellen (lacht).

Wann ist es so weit?
Kälin: Ende Mai, in der Sommersession. Wenn der Kleine dann pünktlich kommt. 

Dem Parlament tut es gut, wenn schreiende Kinder in der Wandelhalle sind. Da merken alle: Andere Zeiten sind angebrochen. 

Frau Geissbühler, Ihre jüngste Tochter ist acht Monate alt. Haben Sie im Bundeshaus gestillt?
Ja, im Frauenzimmer oder in der Wandelhalle. Mein Mann oder meine Eltern brachten mir die Kleinen vorbei. Eine Session pro Kind war ich im Mutterschaftsurlaub. Ich habe aber auch Kolleginnen im Rat, die extra früher abgestillt haben.

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SVP-Politikerin Andrea Geissbühler, 41: «Ich könnte meine Kinder nie fremdbetreuen lassen.»

Humbel: Als Flavia zur Welt kam, arbeitete ich beim Krankenkassenverband. Acht Wochen nach der Geburt war ich wieder im Büro. Das war der Deal mit meinen Vorgesetzten. Ich durfte sie dafür ein bis zwei Tage pro Woche mit zur Arbeit nehmen.

Und das funktionierte?
Ja, erstaunlich gut. Als Flavia grösser war, habe ich ein Laufgitter ins Sitzungszimmer gestellt. Wenn ich ein schwieriges Telefon hatte, stellte ich sie dort rein. Im Büro wurde das akzeptiert. Da hat auch mal der Präsident die Kleine rumgetragen. Als Fabian auf die Welt kam, ging das natürlich nicht mehr. Wir hatten dann drei Tage die Woche eine Haushaltshilfe, und zwei Tage waren die Kinder bei meinen Eltern. Krippen gabs damals kaum. 

War für Sie immer klar, dass Sie weiterarbeiten?
Kälin: Ich finde es störend, dass man einer Frau diese Frage stellt. Die Männer würde man das nie fragen. Bei ihnen geht man immer davon aus, dass es schon geht. 
Humbel: In meiner Zeit war weiterarbeiten nicht selbstverständlich. Ich hatte grosse Bange, meinen Vorgesetzten zu sagen, dass ich schwanger bin. Mich fragte man schon als 32-Jährige beim Vorstellungsgespräch, wie es mit der Familienplanung aussieht.
Kälin: Das darf der Arbeitgeber gar nicht!

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«In meiner Zeit war weiterarbeiten nicht selbstverständlich». CVP-Nationalrätin Ruth Humbel, 60, mit Sohn Fabian und Tochter Flavia, 27. 

Humbel: Auch bei mir ist damals die Wut hochgestiegen. Aber ich wusste: Ich will diesen Job. Und ich will als Mutter weiterarbeiten. 

Geissbühler: Ich habe meinen Job als Polizistin aufgegeben, als meine erste Tochter zur Welt kam. Mit den unregelmässigen Schichten wäre es für mich unmöglich gewesen, weiterzuarbeiten. Das Amt als Nationalrätin hingegen ist planbar und lässt sich mit Kindern gut vereinbaren.

Kälin: Allerdings nur, wenn man Eltern hat oder einen Partner, der selber reduzieren kann! Keine Krippe nimmt die Kinder einfach viermal pro Jahr für drei Wochen. Zudem haben sie nicht so lange Öffnungszeiten. 

Wie werden Sie die Betreuung lösen, Frau Kälin?
Mein Partner reduziert sein Pensum. Zum Glück wollen wir das beide und können es uns auch leisten. Sein Arbeitgeber bietet zudem eine Krippe an. Ich bin weiterhin Nationalrätin und werde wohl auch wieder arbeiten.   

Frau Humbel, hatten Sie nie ein schlechtes Gewissen, Ihre Kinder «abzugeben»?
Doch, total! Als ich sie zum ersten Mal zu meinen Eltern zum Übernachten brachte, habe ich auf dem Heimweg geheult. Obwohl ich wusste, dass sie bestens aufgehoben sind. Mein Sohn hat mein schlechtes Gewissen irgendwie gespürt. Bei der Haushälterin hat er immer töibelet, bevor ich zur Arbeit ging. Kaum war ich weg, war er der brävste Junge. 

Kälin: Ich habe Freundinnen, die wollten zu Hause bleiben, waren dann aber total frustriert. Oder andere, die sofort wieder arbeiten wollten, aber Sturzbäche von heulendem Elend waren. Es ist eine persönliche Entscheidung.

Trotzdem: Sind arbeitende Mütter zufriedener?
Humbel: Bei Familien mit einem Kind oder bei Alleinerziehenden sind die Mütter wohl zufriedener und ausgeglichener, wenn sie selber etwas verdienen und das Kind in einem sozialen Umfeld aufwächst, in dem es mit anderen spielen kann. Man kann die Kinder auch überbehüten.

Die Betreuungslösung hängt stark vom Umfeld und von den finanziellen Möglichkeiten ab.

Geissbühler: Für die Kinder ist wesentlich, dass sie in den ersten Jahren wenige und fixe Bezugspersonen haben. Bei mir sind das mein Mann, die Grosseltern und ich. Wir alle begleiten sie später noch durchs Leben. Bei der Krippe hingegen fallen die Bezugspersonen weg, wenn die Kleinen in den Kindergarten gehen. Das weiss ich aus eigener Erfahrung – ich habe acht Jahre als Kindergärtnerin gearbeitet. Es kommt immer darauf an, wen man in den Mittelpunkt stellt. Ich könnte meine Kinder nicht fremdbetreuen lassen und würde es nicht ertragen, wenn sie grännet. Mami sein ist eine sinnstiftende Tätigkeit und das Schönste, was es gibt. Ich kann mit ihnen viel unternehmen: Tierpark, Wald, basteln, malen, musizieren ...

Kälin: Das heisst, wenn man es nicht so macht, steht das Kind nicht im Mittelpunkt? Ich habe Mühe damit, wenn man die Modelle gegeneinander ausspielt. Die Betreuungslösung hängt stark vom Umfeld und von den finanziellen Möglichkeiten ab.

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Irène Kälin, 31, Nationalrätin Grüne, erwartet im Mai ihr erstes Kind: «Mein Partner reduziert sein Pensum.»

Humbel: Basteln konnte ich gar nicht! Dafür die Haushaltshilfe. Ein Mass an Konstanz ist gut. Aber die Kinder können sich besser anpassen, als man denkt. Als der Krankenkassenverband aufgelöst wurde, sass ich mit meinem Mann und den Kindern am Tisch. Ich sagte Flavia: Wenn ich nicht mehr arbeite, bin ich daheim bei euch. Sie antwortete: Mami, ich finde es toll, wie es ist. Wir haben dich am Wochenende – dann dafür richtig. Für alle Mütter steht das Kind im Zentrum. Ich will auch nicht, dass meine Kinder weinen! 

Geissbühler: Dennoch finde ich, dass der Job als Hausfrau und Mutter zu wenig honoriert wird. Alles, was wir lernen, können wir später auch im Beruf anwenden!

Wer sich gegen griffige Massnahmen für Lohngleichheit stellt, missachtet die Verfassung und verachtet uns Frauen! 

Apropos Beruf: Frauen verdienen immer noch 20 Prozent weniger als Männer. Dennoch wollte der Ständerat die Unternehmen nicht verpflichten, die eigenen Löhne zu analysieren. Was sagen Sie dazu?
Geissbühler: In den meisten Unternehmen besteht schon Lohngleichheit. Nur wegen schwarzer Schafe eine Riesenbürokratie aufzubauen, macht keinen Sinn! Betroffene Frauen können es in der Firma zur Sprache bringen. 

Humbel: Zusätzlicher bürokratischer Aufwand ist doch kein Argument! Zumal lediglich grosse Unternehmen zu Lohnanalysen verpflichtet würden. Da hat der Ständerat wenig Sensibilität gezeigt, oder er nimmt die Lohndiskriminierung zu wenig ernst.

Kälin: Lohngleichheit ist kein Zückerli für Frauen, sondern ein Verfassungsauftrag, und das seit 37 Jahren. Wer sich gegen griffige Massnahmen für Lohngleichheit stellt, missachtet die Verfassung und verachtet uns Frauen! 

Der Vaterschaftsurlaub ist eine Chance für die ganze Familie und der Startpunkt für eine freiere Rollenverteilung.

 

Zur Gleichberechtigung. Brauchts einen Vaterschaftsurlaub?
Kälin: Ganz klar ja. Heute hat der Mann einen Tag zugute. Das ist gleich viel wie beim Zügeln! Die Geburt dauert oft schon länger. Da ist der Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen ein minimaler Schritt.  

Humbel: Obwohl ich glaube, dass Kinder ihre Väter vor allem in der Teenagerzeit brauchen, sind die ersten Wochen doch wichtig und schön. Die Väter wollen sich heute tendenziell auch früher um die Kinder kümmern. Die CVP hatte ja schon mal einen Vorschlag eingereicht. Ich bin einfach total dagegen, die zwei Wochen Vaterschaftsurlaub dem Mutterschaftsurlaub abzuziehen. Dort geht es um den Gesundheitsschutz!

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Geballte Mutterkraft Andrea Geissbühler mit ihren drei Kindern, die schwangere Irène Kälin und Ruth Humbel mit Tochter und Sohn (v. l.).

Geissbühler: Klar, jeder nimmt die zwei Wochen gerne. Aber ich finde generell, dass Familienbetreuung Privatsache ist. Der Mann kann ja Ferien nehmen. Am Anfang schläft das Baby sehr viel, sodass die anfallenden Arbeiten gut alleine bewältigt werden können. Kinder brauchen den Vater, wenn sie älter sind. Dort wäre die Wirtschaft gefordert, indem sie mehr Teilzeitjobs schafft.

Kälin: Mein Partner nimmt einen Monat Ferien. Nur weil wir stillen, heisst das nicht, dass die Männer keine Aufgabe haben. Uns psychisch unterstützen, einkaufen, kochen ... Der Vaterschaftsurlaub ist eine Chance für die ganze Familie und der Startpunkt für eine freiere Rollenverteilung.

Wie gross ist die Vorfreude?
Riesig! Es ist ein Privileg, Parlamentarierin und Mutter zu sein. Dem Parlament tut es gut, wenn schreiende Kinder in der Wandelhalle sind. Da merken alle: Andere Zeiten sind angebrochen. 

Frau Geissbühler, Frau Humbel, einen Rat an die werdende Mutter.
Geissbühler: Auf das eigene Gefühl hören.
Humbel: Gelassenheit, viel Gelassenheit. (Alle lachen.) 

Jessica Pfister am 8. März 2018, 14.13 Uhr