Der Präsident von Digitalswitzerland im Interview Ivo Furrer: «Nespresso bestelle ich stets online»

Er ist der neue Präsident von Digitalswitzerland! Ivo Furrer verrät, warum er als Verwaltungsrat kein Papier mehr braucht, wie ihn sein Armband überwacht – und wann sogar er das Handy weglegt.
Ivo Furrer
© Geri Born

«Ich liebe mein iPhone»: Ivo Furrer ist auch auf seinem Balkon mit Sicht auf das Brienzer Rothorn mit der Welt verbunden.

Herr Furrer, auch in Ihrem Ferienhaus hier in Sörenberg sind Sie immer online. Wie erklären Sie den Menschen im Entlebuch, was Digitalisierung bedeutet?
Das wissen die Menschen in diesem Bergtal längst. Denn sie profitieren schon heute von der Digitalisierung: Indem sie ein Smartphone nutzen, über Whatsapp kommunizieren, bei Netflix Filme schauen. Und die Bergbahnen verkaufen online ihre Billette.

Wie verändert die Digitalisierung das Leben hier in zehn Jahren?
Stärker, als wir uns das vorstellen können. Vielleicht fahren die Postautos ohne Chauffeur von Schüpfheim nach Sörenberg. Und wir alle im Elektroauto. Klar ist: Es wird Überraschungen geben. Wer hätte sich einst vorstellen können, dass Whatsapp 19 Milliarden Dollar Wert sein würde?

Nutzen Sie Whatsapp?
Ja klar! Vor allem, weil ich für Freunde und Familie Gruppen einrichten kann. Aber auch fürs Geschäft.

Sie schreiben Ihren Verwaltungsratskollegen bei der Versicherung Helvetia und der Bank Julius Bär auf Whatsapp?
Einzelnen Mitgliedern durchaus. Als Gesamtverwaltungsrat nutzen wir aber die elektronische Plattform Sherpany, die professionell verschlüsselt ist.

Also kein Papier mehr?
Wir arbeiten ganz papierlos. Gut daran: Man kann direkt in den Unterlagen Notizen machen.

Ich bin kein alter Chlaus, der die digitale Welt nicht begreift

Die Gedanken für dieses Interview haben Sie aber noch ganz altmodisch von Hand zu Papier gebracht.
Kurzeinträge tippe ich immer direkt ins Smartphone. Für längere Notizen bin ich von Hand schneller. Und ich fände es nicht sehr höflich, mit einem Notebook vor Ihnen zu sitzen. Aber das ändert sich: Meine 24-jährige Tochter schreibt am Computer schneller als von Hand.

Wo spüren Sie sonst noch, dass Ihre Kinder in einer digitalen Zeit zur Welt kamen?
Vor Kurzem habe ich es nicht geschafft, zu Hause meinen neuen Drucker zu installieren. Mein 24-jähriger Sohn hat mir dann den letzten Schritt gezeigt. Aber nicht, dass Sie jetzt einen falschen Eindruck bekommen: Ich bin kein alter Chlaus, der die digitale Welt nicht mehr begreifen würde.

Alexa von Amazon haben wir in Ihrer Ferienwohnung nicht gefunden. Steht so ein sprachgesteuerter Computer bei Ihnen zu Hause?
Nein.

Wieso nicht?
Ich finde zwar toll, wie Alexa dank künstlicher Intelligenz lernt. Aber persönlich brauche ich das nicht. Ich kann auch kurz auf dem Handy schauen, wie das Wetter wird.

Haben Sie Angst, von solchen Computern abgehört zu werden?
Das will ich niemandem unterstellen. Aber die Sicherheit spielt natürlich auch eine Rolle.

Dafür sehen wir an Ihrem Handgelenk ein Hightech-Armband …
Ich bin ein Schrittfetischist. Das Armband kontrolliert, ob ich täglich meine 10 000 Schritte mache.

Ivo Furrer
© Geri Born

Hightech am Handgelenk: Das Armband misst, wie viele Schritte Ivo Furrer macht: im Schnitt 14'000 pro Tag.

Und?
Dieses Jahr bin ich im Schnitt bei täglich 14 000 Schritten. Das ist ganz schön viel.

Welche Geräte nutzen Sie noch?
Ich liebe mein iPhone und meinen iPad. Sie erlauben mir, auf dem Balkon meiner Ferienwohnung in Sörenberg mit der Welt verbunden zu sein. Und ich liebe meinen Kindle, weil ich damit problemlos zehn Bücher in die Ferien nehmen kann.

Lesen Sie noch etwas auf Papier?
Fast nichts mehr. Auch Zeitungen lese ich digital.

Das Gespräch zwischen zwei Menschen ist unschlagbar

Bestellen Sie Ihre Hemden online?
Nein. Aber den Nespresso, den wir hier trinken, bestelle ich stets online. Das ist praktisch.

Was ist analog noch unschlagbar?
Das Gespräch zwischen Menschen – so wie wir es hier führen. Ich bin tief davon überzeugt, dass Menschen immer ein Bedürfnis haben werden, direkt miteinander zu sprechen. Wir brauchen Gefühle.

Es gibt inzwischen empathische Roboter.
Tatsächlich erzielen in der Demenzbehandlung Roboter-Hunde gewisse Erfolge. Aber ich frage mich schon: Wollen wir Menschen wirklich mit empathischen Maschinen zu tun haben? Ich persönlich lieber nicht.

Ivo Furrer
© Geri Born

«Praktisch und unkompliziert»: Den Nespresso für seine Ferienwohnung bestellt Ivo Furreronline.

Viele haben Angst, dass ihnen Roboter den Job wegnehmen werden. Was sagen Sie diesen Menschen?
Dass die Digitalisierung kommt – wie das Wetter. Berufe haben sich schon immer verändert: Früher brauchte es Telefonistinnen, die in Zentralen die Verbindungen stöpselten. Die Wählscheibe am Telefon machte diese Jobs überflüssig. Deshalb ist es wichtig, dass die Unternehmen ihre Angestellten laufend weiterbilden.

Haben Sie das als CEO von Swiss Life Schweiz gemacht?
Selbstverständlich. Als wir klassische Computerprogramme auf externe Server verschoben, haben wir unsere Angestellten sechs Wochen zur Weiterbildung an die Fachhochschule Wädenswil geschickt. Die meisten Angestellten sind dem gegenüber aufgeschlossen und kennen die neusten technischen Entwicklungen teilweise schon aus dem Privatleben.

Manche Arbeitgeber holen lieber Spezialisten aus Deutschland, als ihre Angestellten weiterzubilden.
Das deckt sich nicht mit meinen Beobachtungen. In der Regel bevorzugen es die meisten Arbeitgeber, in die Weiterbildung ihrer langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu investieren.

Wir dürfen uns nicht zurücklehnen

Wie gut ist die Schweiz für die Digitalisierung gerüstet? Ist das Glas halb voll oder halb leer?
Das digitale Glas ist zu 95 Prozent voll! Im internationalen Vergleich starten wir in der Schweiz aus einer Position der Stärke – auch dank einem der besten Bildungssysteme der Welt. Unter anderem deshalb kommen Technologiefirmen wie Google in die Schweiz. Wir dürfen uns jetzt aber nicht zurücklehnen. In Sachen Digitalisierung geht es in der Schweiz noch immer zu langsam vorwärts.

Sind wir zu gesättigt, um die Digitalisierung anzupacken?
Davon spüre ich nichts! An den Hochschulen und in den Unternehmen sehe ich viele motivierte junge Menschen, die eine grosse Neugier mitbringen sowie die Bereitschaft, Neues auszuprobieren.

Ivo Furrer
© Geri Born

Bein hoch! Ivo Furrer lässt in seiner Ferienwohnung in Sörenberg LU den Staubsauger-Roboter passieren.

Sie sind nun Präsident von Digitalswitzerland. Was sind Ihre Ziele?
Wir wollen Rahmenbedingungen schaffen und streben eine breite Sensibilisierung an, damit die Schweizer Unternehmen und Arbeitnehmer die Chancen der Digitalisierung optimal nutzen können. Sowohl in den Grossfirmen als auch in den KMU sowie Start-ups. Sehr wichtig ist uns aber auch, die Bevölkerung mit an Bord zu holen.

Eigentlich eine Aufgabe des Wirtschaftsverbandes Economiesuisse.
Wir haben mit Digitalswitzerland eine neutrale Plattform geschaffen, die sich fokussiert um die Digitalisierung kümmert – während Economiesuisse viel breiter aufgestellt ist. Bei uns machen ausserdem nicht nur Unternehmen mit, sondern auch Hochschulen, NPOs und Kantone. Und beim Digitaltag vom 25. Oktober unterstützen uns drei Bundesräte: Alain Berset, Johann Schneider-Ammann und Ignazio Cassis. Das ist wichtig! Letztendlich schafft die Politik die Rahmenbedingungen für die Digitalisierung.

Was ist am diesjährigen Digitaltag anders als bei der ersten Ausgabe?
Wir sind mit zwölf Standorten in der ganzen Schweiz noch näher bei den Menschen. Und wir haben dank über 70 Partnern die Möglichkeit, alle Facetten der Digitalisierung darzustellen – nicht nur die Chancen, sondern auch die Risiken.

Gibt es eigentlich auch Zeiten, in denen Sie bewusst offline sind?
Ich war mal drei Wochen richtig offline! Obwohl meine Assistentin meinte, das würde ich nie schaffen. Doch heute empfinde ich es nicht mehr als Belastung, in den Ferien oder am Wochenende kurz eine Mail zu beantworten. Das ist mir lieber, als nachher eine volle Inbox zu haben. Aber wenn wir hier in Sörenberg im Kreise der Familie ein Fest feiern, muss ich nicht alle paar Minuten aufs Handy schauen.

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