Bettina Oberli Jetzt wirds ernst

Nach der Komödie «die Herbstzeitlosen» hat Regisseurin Bettina Oberli das Drama «Tannöd» verfilmt: meisterhaft!

Über 600000 Kinogänger haben «Die Herbstzeitlosen» mit Stephanie Glaser genossen. Das macht die Komödie um die quirlige Witwe, die zum Entsetzen der Dörfler eine Boutique für Unterwäsche eröffnet, zum erfolgreichsten Schweizer Film der letzten 25 Jahre – und die Regisseurin Bettina Oberli zur Lichtfigur des heimischen Kinos. Von September 2008 bis April 2009 drehte die 37-Jährige im Sauerland «Tannöd» ab. Das Drama nach dem Bestseller der bayrischen Autorin Andrea Maria Schenkel ist so ziemlich das Gegenteil der heiteren, optimistischen Komödie…

Schweizer Illustrierte Style: Bettina Oberli, warum plötzlich so bitterernst und pessimistisch?
Bettina Oberli: Es ist nicht deprimierend für jemanden, der sich mit seinem Dasein auseinandersetzt. Die deutsche Produktionsfirma Wüste Film fragte mich an, ob ich «Tannöd» machen wolle. Ich kannte das Buch nicht und las es. Mich hat das Thema, die grundlegenden Fragen um Schuld und Erlösung, sofort fasziniert. Ist nur schuldig, wer ein Verbrechen begeht? Was ist mit jenen, die wegsehen, schweigen, Unrecht dulden? «Tannöd»spieltimNachkriegs-Deutschland, im bäuerlichen Milieu, ist aber sehr aktuell und geht uns alle an. Denken Sie nur an die Gewalt in unserem Alltag, von der wir täglich lesen.

Kamen Sie dank des Erfolges von «Die Herbstzeitlosen» zu «Tannöd»?
Nein. Das Angebot kam, bevor der Film ein Erfolg war, ja bevor er überhaupt in den deutschen Kinos anlief. Die Wüste- Leute hatten meinen ersten Film, «Im Nordwind», gesehen – ein Familiendrama. Dieses hat ihnen offenbar gefallen.

Was bedeutet Ihnen Erfolg?
Ich wäge nicht die Erfolgsaussichten eines Filmes ab, bevor ich zusage, sondern überlege mir, ob ich die nächsten zwei Jahre meines Lebens in eine bestimmte Welt eintauchen will. Ich will mich nicht unter Erfolgsdruck setzen oder marktorientiert denken, ich möchte nur meine Sicht auf einen Stoff visuell umsetzen.

Das sagt sich leicht, wenn man Erfolg hat…
Sicher macht Erfolg auch frei. Als Regisseurin weiss ich ja nie, ob der letzte Film auch der letzte bleibt. Schon bei «Die Herbstzeitlosen» hatte man mir prophezeit, ich würde mir damit die Karriere ruinieren!

Das Gegenteil war der Fall: Der Film hat Sie berühmt gemacht. Auch reich?
Nein. Finanziell gesehen nicht. Aber reich an Erfahrung, an Begegnungen, an Erlebnissen. Das zählt viel mehr.

Bei «Tannöd» läufts einem pausenlos kalt den Rücken runter, nicht nur wegen der Handlung. Es ist kalt, feucht, dunkel. Ich stelle mir die Dreharbeiten deprimierend vor.
Aber nein! Einen ernsten Film zu machen, bedeutet nicht, dass die Dreharbeiten nicht in einer positiven Stimmung stattfinden, im Gegenteil. Die Stimmung im Teamwar familiär, die Energie sehr hoch. Anders als im Film, waren die Leute in den zwei Dörfern, wo wir drehten, überaus offen und gastfreundlich, viele haben als Statisten mitgemacht, es gab viele Feste. Schwierig waren nur die äusseren Umstände.

Erzählen Sie uns davon!
Die beiden Nachbarhöfe im Film liegen real rund fünf Fahrstunden auseinander. Das warf grosse logistische Probleme auf. Einer der Höfe war komplett baufällig, Statiker mussten berechnen, welcheUmbautennötigwaren, um die schwere Ausrüstung zu tragen. Dann hatten wir viel Wetterpech, viele Szenen mussten wir nachts bei Frost und Minusgraden drehen. Und eines Morgens war ein Drittel eines Waldes gerodet, den wir am Vortag gefilmt hatten.Manchmal dachte ich, es liegt ein Fluch über dem Film. Obwohl ich nicht an so was glaube.Der«Tannöd»- Dreh war schon schwierig, aber vielleicht ist das auch gut so, weil die Kraft, die wir alle gebraucht haben, sich nun in der Wucht der Bilder widerspiegelt.

Ihr Mann, Stéphane Kuthy, ist auch Ihr Kameramann, Sie haben zwei Söhne. Wer hütet die beiden zu Hause, wenn Sie beide arbeiten?
Der sechsjährige Léon und der dreijährige Aurel waren natürlich bei uns! Meine und Stéphanes Eltern kamen oft zum Hüten mit. Sonst waren die Buben am Set, ausser natürlich bei den heftigen Szenen. Die Buben haben viel Heiterkeit und Normalität verbreitet, was mir sehr gutgetan hat. Und die zwei sind richtig wilde Waldbuben geworden.

Berufstätige Mütter plagt oft ein schlechtes Gewissen der Familie und dem Job gegenüber, weil eines stets zu kurz kommt. Sie auch?
Nein. Wenn ich arbeite, bin ich zu hundert Prozent da. Und wenn ich mit der Familie bin, dann bin ich auch zu hundert Prozent da.

Was macht Sie zur guten Regisseurin?
Da fragen Sie besser die Schauspieler und die Crew statt mich.

Und wenn ich Sie frage?
Vielleicht dass ich meinen Beruf so sehr liebe. Ich geniesse das Privileg, das zu tun, was ich am liebsten mache: Geschichten erzählen. Ausserdem bin ich ein Kontrollfreak und gerne die Chefin.

Reden wir über Ihr nächstes Projekt: Gibts «Die Herbstzeitlosen 2»?
Eher nicht. Vielleicht arbeite ich nächstens in Asien. Mich schreckt daran einzig die viele Fliegerei. Davon hatte ich die letzten zwei Jahre mehr als genug. Dank viel Übung kann ich jetzt im Flugzeug sogar schlafen und dem Piloten die Kontrolle überlassen (schmunzelt). Ich würde auch gerne eine Tragikomödie in Zürich drehen. Dann könnte ich mit dem Velo zur Arbeit – eine herrliche Vorstellung!

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