Die nächste Martina Hingis? Wir stellen das Tennis-Jungtalent Jil Teichmann vor

Sie ist erst 20. Aber vielsprachig, weit gereist und bereit, die Tenniswelt zu erobern. Jil Teichmann hat das Zeug, um die Elite aufzumischen.
Jil Teichmann
© Nicolas Righetti

Aufstrebend: Teichmann während des Tennisturniers in Lugano. «Ich bin nah dran an den Top 100.»

Die Zahlen 789, 586, 439, 221, 142 und 136 sind keine verklausulierten Tipps fürs Lotto, sondern die Sprünge in der Weltrangliste, die Jil Belen Teichmann seit 2013 gemacht hat. Ihre Karriere nimmt langsam Formen an. «Ich weiss, ich bin nah dran», sagt sie am Rande des Tennisturniers von Lugano.

Nah dran, das bedeutet an den besten 100 dieser Erde. Wer es in den erlesenen Zirkel schafft, ist für die Grand Slams qualifiziert. Wimbledon, Paris, New York, Melbourne – es bedeutet Eintritt in die grosse Welt. Und vor allem: mehr Punkte und mehr Geld. Endlich da, wo man zu recht sagen kann, dass man sein Leben mit diesem Sport verdient. Nicht mehr nur auf Sponsoren und Gönner angewiesen ist.

Die Eltern wollten nur die Flitterwochen in Spanien verbringen

Jil lächelt. Und das ist die pure Untertreibung. Sie glüht! Ist ansteckend, antreibend. Jil ist Energie. «Das Feuer hatte ich schon immer», sagt sie. Jil, die blonde Südländerin. Die in Barcelona geboren wurde, bis 14 in Katalonien aufwuchs, dann mit den Eltern für vier Jahre in die Schweiz kam und seit zwei Jahren wieder in ihrer Heimatstadt und Trainingsbasis lebt – diesmal allein.

«Es ist schon lustig, wie das Leben manchmal spielt», sagt sie. Ihre Eltern Regula und Jacques, beides Schweizer, wollten 1996 eigentlich nur die Flitterwochen in Spanien verbringen. Aber es gefiel ihnen so, dass mehr daraus wurde. Der Vater konnte für seine Firma von Barcelona aus arbeiten. Und statt ein, zwei Jahre in der Ferne wurden es 15. Jil kam 1997 auf die Welt, ihr Bruder Raúl knapp zwei Jahre später.

Jil Teichmann
© Nicolas Righetti
Athletisch: Jil Teichmann bei ihrem Erstrundenspiel am Ladies Open Lugano, das sie gegen Alizé Cornet verliert.
 

Sie erinnert sich an unbeschwerte Kindheitstage. «Die Eltern waren Mitglied eines Tennisklubs in Barcelona. Wir verbrachten oft unsere Wochenenden da. Die Tennisklubs sind in Spanien grösser, ein Spielplatz für Familien. Mit Fussballfeld, Pool, Fitnesscenter und so weiter. Meine Mutter sagte jeweils: ‹Um zwei treffen wir uns zum Mittagessen.› Und weg waren wir.» Das Tennis sei natürlich gekommen. Sie sei kein Produkt einer elterlichen Ambition. «Die ganze Familie war einfach immer sehr aktiv. Wir waren polysportiv, sind auch viel geschwommen, haben Pingpong oder Fussball gespielt.»

Barcelona ist ihre Basis

Jil besucht als Kind in Barcelona die Schweizer Schule, lernt Deutsch, Spanisch, Katalanisch, später Englisch und Französisch. «Am liebsten rede ich Spanisch», sagt sie. Dies ist auch die Sprache, die sie mit ihrem Trainer Karim Perona spricht, der früher Weltklassespieler wie Tommy Robredo betreute. Perona ist immer dabei. Und wenn sich die Erfolge einstellen und sie es sich leisten kann, will sie künftig auch ständig den Physio mit auf Tour rund um den Erdball nehmen. Denn Barcelona ist zwar ihre Basis – aber viel öfter ist sie unterwegs.

Die Spiele ihres Lieblingsvereins FC Barcelona schaut sie deshalb meist am Fernseher. «Früher war ich völlig versessen auf die Mannschaft. Ich durfte als Sechsjährige mit den Spielern aufs Feld, ging immer wieder ins Stadion an Matches, kannte jeden Spieler, jede Position, hatte natürlich das Leibchen.» Auch heute ist Fussball ein Familienthema. Die Sympathien der Mutter gehören Real Madrid. Darum hat sie ihren Sohn auch nach der Klubikone Raúl Gonzalez benannt. «Und der Bruder ist ebenfalls ein Madridista. Sie können sich vorstellen, wie gross die Rivalität in der Familie deshalb ist», sagt sie scherzhaft.

Jil Teichmann
© Nicolas Righetti
Polysportiv: Jil Teichmann ist ein grosser Fussballfan. Als Sechsjährige durfte sie mit den Spielern des FC Barcelona aufs Feld. 

Die Eltern, beides Zürcher, bleiben vorläufig noch in Biel wohnen, wo Jil bei Swiss Tennis lange trainierte und Raúl in ein paar Monaten sein Gymi abschliesst, bevor er für vier Jahre in die USA zieht, um zu studieren und für das College-Team von Cleveland Tennis zu spielen.

«Sie ist ein Rohdiamant»

Jil Teichmanns Weg hat auch Martina Hingis, 37, verfolgt. «Sie ist ein Rohdiamant», sagt sie. «Und Jil setzt ganz schnell um, was man ihr sagt. Sie bewegt sich gut, ist athletisch, hat als Linkshänderin einen Vorteil. Sie ist nicht nur ansteckend positiv, sie hat sich auch beharrlich Schritt für Schritt nach vorne gearbeitet. Das verdient Respekt.»

Als Linkshänderin probiere sie, gewisse Dinge von Rafael Nadal, 31, zu adaptieren, sagt Jil. Natürlich hätte sie gerne seinen Spin, seine Fähigkeit zur Konzentration. «Aber vor allem kann ich von ihm lernen, wie sportlich man sich auf dem Platz verhält.» Sie hat noch etwas mit dem Spanier gemein: die Liebe für Sandplätze.

In den nächsten Wochen hat sie Zeit, dieser Liebe nachzugehen. Und wenn es dieses Jahr nicht reicht für die Top 100? «Ich lasse mich nicht verrückt machen», sagt sie. «Dann geht es weiter. Schaffe, schaffe!»

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