Der Zürcher feiert einen Erfolg nach dem anderen Joel Basman: Selbstbewusst nach oben

Im Zürcher «Chreis Cheib» ist er aufgewachsen, auf der Leinwand wird er nun gross: Der Schauspieler über seine Familie, Besitz und die Angst, sich zu verlieren.
Joel Basmann
© Mirjam Kluka

Am Zurich Film Festival war Premiere, ab dem 25. Oktober kommt «Wolkenbruch» in die Kinos. Joel Basman, 28, spielt darin Motti, die Hauptrolle.

Zwei Premieren am Zurich Film Festival, dazu Dreharbeiten für zwei neue Produktionen – dem 28-jährigen Zürcher Joel Basman läuft es grad richtig gut! Dabei ist nicht nur die Anzahl, sondern auch die Bandbreite seiner Filme eindrücklich. Vergleichbares kann hierzulande zurzeit kein anderer Schauspieler vorweisen. Am Filmfestival war er im englischen Drama «Kursk» zu sehen und feierte die Weltpremiere von «Wolkenbruch». Die Verfilmung des Bestsellers von Thomas Meyer ist der Schweizer Film des Jahres. In der Komödie spielt Basman die Hauptrolle Motti, einen naiven orthodoxen Jüngling, der aus seiner engen Welt ausbricht, die Heiratspläne seiner eifrig-nervigen Mutter ignoriert und die freie Liebe ausprobiert. 

Joel Basman, in lustigen Rollen kennt man Sie bisher gar nicht!
Für mich war das auch ein Experiment. Doch seit ich das Buch gelesen habe, wusste ich, dass ich bei einer Verfilmung alles daransetzen würde, um mitzuspielen. 

«Wolkenbruch» war ein Heimspiel. Sie drehten in Zürich, Regisseur Mi-chael Steiner ist Ihr Freund. Sie beide boxen zusammen. Wieso ausgerechnet Boxen? 
Ich bin durch «Steini» zum Boxen gekommen. Als ich 19 war, hat er mich zum Training mitgenommen – jetzt haue ich ihn locker runter (lacht). Ich kann mich dabei körperlich auspowern, gleichzeitig braucht es Konzentration. Du musst leer im Kopf sein und dich auf das Jetzt, auf jeden Schlag, konzentrieren. Das Training kann einen schon fast in einen meditativen Zustand versetzen. 

Joel Basmann
© Mirjam Kluka

Zurück auf dem Pausenplatz: Joel Basman beim Schulhaus Feld im Kreis 4.

Sie hatten die Idee, dass wir Sie beim Zürcher Schulhaus Feld fotografieren, wo Sie die Oberstufe besuchten. Welcher Pausenplatz-Typ waren Sie?
Ich war bei denen, die hinter dem Schulhaus rauchten (grinst). 

Also eher der Bad Boy?
Ich war ein anständiger Schüler – musste aber auch mal vor die Tür. Ich diskutierte gerne mit den Lehrern und übertrieb es dabei. Wenn du in der Pubertät bist und der Rest der Klasse mitlacht, ist das natürlich eine Blossstellung des Lehrers. Das verstehe ich heute. Wär ich ein Lehrer gewesen, ich hätte mir damals eine Ohrfeige gegeben.

Joel Basmann
© Mirjam Kluka

Er ist auch Designer: Schauspieler Joel Basman entwirft fürs Familienunternehmen Männer-Mode.

Sie sind im Kreis 4 aufgewachsen, einer der rausten Stadtteile. War der «Chreis Cheib» eine gute Schule, um sich später im Leben durchsetzen zu können?
Das lernt man wahrscheinlich auch, wenn man am Zürichberg in die Schule geht. Aber geschadet hat das Umfeld sicher nicht! Das Filmbusiness ist eines der miesesten und härtesten Geschäfte. 

Macht die ständige Unsicherheit den Job so schwierig? 
Sicher. Ausserdem darfst du nichts persönlich nehmen, obwohl es um deine Fresse und um dein Spiel geht. Schwierig ist auch, sich treu zu bleiben. 

Haben Sie manchmal Angst, sich zu verlieren?
Ja, das hat wohl jeder Schauspieler, denn es kann so leicht passieren. Kleines Beispiel: unser Fotoshooting von gestern und heute. Während zweier Tage steht man im Mittelpunkt, es geht nur um dich. Das ist wunderbar, aber auch gefährlich. Man vergisst so schnell, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht um einen selbst. 

Joel Basmann
© Mirjam Kluka

Das Modegeschäft Basman gibt es seit den 70er-Jahren. Auf den Fotos trägt Joel ausschliesslich Kleider aus dieser Kollektion.

Wie bleiben Sie auf dem Boden?
Meine Familie und meine Freunde sind essenziell für mich. Sie haben nichts mit meinem Beruf zu tun und sind ehrlich zu mir. 

Ihre Eltern führen das Modegeschäft Basman in Zürich. Auf der Homepage sieht man ein Foto von den beiden aus den 70er-Jahren. Ihr Vater ist Israeli und sieht lustigerweise auf dem Bild ein bisschen aus wie Sie als Motti in «Wolkenbruch». Ihre Mutter trägt ein langes, wallendes Kleid. Sind Sie in einem Hippie-Haushalt aufgewachsen?
Nein. Aber in einer sehr menschenfreundlichen, toleranten Umgebung mit viel Liebe und Zuneigung.

Wie wichtig war Umweltschutz?
Es war wichtig, nicht verschwenderisch zu leben. Wir hatten einen Kompost, was damals eher krass war. Im Gegensatz zu heute, wo alle in der Stadt finden: «Was? Du hast keinen Kompost!? Und auch nicht so ein Wurm-Dings für den Grünabfall!?» Unsere Familie hatte nie, nie, nie ein Auto. Alle fahren Velo. Ich habe nicht mal einen Führerschein.

Haben Sie als Stadtkind auch einen Bezug zur Natur?
Früher verbrachten wir die Ferien in den Bergen, etwas anderes wäre für unsere Familie finanziell gar nicht möglich gewesen. Kürzlich durfte ich ein Weilchen im Haus eines Bekannten in den Bergen wohnen. Die Natur hat mir gutgetan. Eigentlich ist der Mensch doch gar nicht für die Stadt gemacht! 

Eigentlich ist der Mensch doch gar nicht für die Stadt gemacht

Gingen Sie dort wandern?
Wandern ist der falsche Begriff, ich nenne es lieber anstrengendes Spazieren. 

Sie zogen mit 18 Jahren nach Berlin, heute leben Sie im Zürcher Niederdorf. Hatten Sie Sehnsucht nach der Idylle?
Berlin war eine Zweckbeziehung. Ich habe immer gewusst, dass ich dort nicht mein ganzes Leben verbringen möchte. Die Wahl aufs Dörfli fiel zufällig. Wenn man in Zürich eine günstige Wohnung sucht, kann man nicht gross aussuchen.

Wie umweltfreundlich leben Sie?
Die Heizung in meinem denkmalgeschützten Haus ist leider das Hinterletzte. Alte Gasöfen, zwar mit Biogas, aber trotzdem! Meine Wohnung ist klein und ohne Balkon, einen Kompost kann ich nicht haben – das geht nicht, wenn man plötzlich einen Anruf bekommt und für eine Woche wegmuss. Ich habe ja keine Lust, beim Heimkommen ein Biotop anzutreffen. 

Können Sie kochen?
Ja, gesunde Ernährung ist mir wichtig, und es ist geil, gleich grosse Mengen zu kochen und dann mehrmals davon zu essen.

Joel Basmann
© Mirjam Kluka

Der Escher-Wyss-Platz ist Schauplatz in «Wolkenbruch». In einer Szene radelt Motti alias Joel der «Schickse» hinterher und schaut ihr auf den «tuches».

Achten Sie darauf, woher Ihre Nahrungsmittel kommen?
Sehr! Erst kürzlich habe ich realisiert, wie schnell man zum Beispiel, ohne zu überlegen, Fleisch isst. Ich versuche nun, nicht mehr als zweimal wöchentlich Fleisch zu essen. Und wenn, dann solches von guter Qualität. Im Dörfli hat es noch Metzger, da gehe ich gerne rein und kaufe mir eine Wurst. Das ist so viel besser als ein Supermarkt! Dort ist das Angebot meiner Meinung nach viel zu gross. Wer braucht schon Aufschnitt mit einem Smiley-Muster? Niemand! 

Wie shoppen Sie sonst?
Ich kaufe nur Mode, die in der Schweiz produziert wurde. Ausser meine Turnschuhe – ich liebe Nike. Aber ich habe keine Kleider von H & M, Zara und Co. Ich trage unifarbene T-Shirts aus unserem Laden. Meine Bettwäsche ist selbst gemacht, die nähen meine Eltern für die ganze Familie. Auch meine Vorhänge sind handgemacht, das Sofa ebenfalls.

Das Sofa? Können Sie polstern? 
Nein, ich habe Schaumstoff-Matten zuschneiden lassen und diese bezogen. Im Dörfli bringt man eh nichts ins Haus, das länger als einen Meter ist. Also musste ich mir halt selber helfen. 

Sie entwerfen bei Basman die Männer-Kollektion. Nähen Sie auch?
Eine Hose oder eine Jeans krieg ich hin. 

Wie wird bei Ihnen produziert? 
Wir haben zwei Kollektionen im Jahr, jedes Stück wird in Zürich von Heimschneiderinnen massgeschneidert. Unsere Einstellung war schon immer Fair Trade, von den Materialien bis zu den Löhnen. Wir wollen wissen, woher die Stoffe kommen und wie sie hergestellt werden. Darum arbeiten wir zum Beispiel nicht mehr mit Gore-Tex, die Produktionsbedingungen sind zu umweltverseuchend.

Kann ein solches Geschäft in der heutigen Zeit überhaupt überleben?
Reich wird man dabei sicher nicht. Unser Ziel ist es, die Löhne der dreizehn Mitarbeiter zahlen zu können. 

Besitz bedeutet Ihnen wenig?
Ja, alles, was man besitzt, besitzt dich. Kaufst du dir ein Auto, ein Boot, ein Haus, dann musst du dich darum kümmern. Es macht dich abhängig, das hat für mich keinen Reiz. Aber klar, einen geschenkten Porsche würde ich nehmen.

Wirklich? Aber Sie haben doch keinen Führerschein!
Den würde ich sofort machen. Ich sage immer: Wenn du ein Auto hast, dann darf es nicht höher sein als du. Ein kleiner, alter Porsche, das wäre was Schönes! .

Joel Basmann
© Mirjam Kluka

Seine erste Rolle hatte Joel Basman als Teenager in der Serie «Lüthi und Blanc». Danach setzte er voll auf die Schauspielerin. 

Sie haben in Hollywood-Produktionen mitgespielt, jüngst im Remake «Papillon». Ein grüner Lifestyle ist bei vielen Stars in. Spürten Sie das beim Drehen? 
Ich war erst auf wenigen Hollywood-Filmsets, aber ökologisch ist das nicht, sondern voll verschwenderisch. Da werden teils Automotoren heiss gelaufen, und eine Woche lang hört man wrumm-wrumm-wrumm. Das ist so dumm wie Formel 1, wo sich die Autos im Kreis drehen …

Sagt der Ferrari-Freund.
Porsche! Porsche! Das ist was anderes! Ich würde leugnen, wenn Autos nicht auch eine Faszination hätten. Aber ich habe bisher 28 Jahre lange gut ohne sie gelebt. 

Was das Velo angeht, sind Sie bescheiden. Zum Interview sind Sie mit einem unscheinbaren Damenrad gekommen …
Das alte Velo von meinem Mami – das sind immer die besten! Und die werden auch garantiert nicht geklaut.

Eine Story aus SI GRUEN vom 12. Oktober 2018.

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