Herausforderung statt Heimspiel Jolanda Neff über die Mountainbike-WM in Lenzerheide

2018 ist das Jahr der Mountainbike-WM in Lenzerheide. Ein Gespräch mit der Weltmeisterin über Heimat und die Mountainbike-Nation Schweiz.
Jolanda Neff Velo 2 2018
© Gian Marco Castelberg

Ihr WG-Zimmer in Zürich hat Neff behalten, auch wenn sie diesen Frühling zugunsten der WM ein Urlaubssemester einlegt.

Die Geschichts-Studentin Jolanda Neff hat eine Lieblingsfigur der Vergangenheit: Johanna von Orléans, französische Nationalheilige und Bauernmädchen, die im Mittelalter als junge Frau Truppen verlangte und mit ihnen die Engländer kurzerhand aus Orléans vertrieb.

Neffs Leben bietet eine Spur weniger Dramatik und Pathos als das ihres kämpferischen Vorbilds; sie hat weder einen Krieg gewonnen noch göttliche Eingebungen erhalten. Doch auch sie besiegt regelmässig ihre Gegnerinnen. Und man könnte sagen, sie habe ihrerseits einen langersehnten Befreiungsschlag für ihr Land geführt: Als Neff im September 2017 in Australien Weltmeisterin wird, tut sie das als erst zweite Schweizerin, 25 Jahre nach Silvia Fürst. Und das, obwohl die Schweiz, gemessen an internationalen Medaillen, die klare Nummer 1 im Mountainbike ist.

Jolanda Neff liebt Geschichte. Nicht nur, aber auch die Schweizer Geschichte. Sie mag es, die Hintergründe der eigenen Nation kennenzulernen. «Es ist ein spezieller Weg, den die Schweiz gegangen ist, wenn man die Länder um sie herum betrachtet», sagt die 25-Jährige. «Ich glaube, das prägt unsere Identität heute noch, sei es auch unbewusst. Der Schweizer ist oft der, der sich den eigenen Weg sucht, sich nicht in ein Schema drücken lässt.»

Jolanda Neff Velo 2 2018
© Gian Marco Castelberg

Jolanda Neff freut sich auf die Saison im Weltmeistertrikot, weiss aber auch, dass eine Heim-WM Herausforderungen bringt.

 
 

Neff zählt sich hier dazu. Als sie bereits Weltklasse war, hat sie ein Studium an der Uni Zürich begonnen, weil auch der Kopf gefordert sein wollte. Ein Entscheid, der sich «brutal» auf ihr Sportlerinnenleben auswirkte: die Trainingsstunden fehlten spürbar. Deshalb hat sie ihren Weg in diesem Jahr angepasst und zieht ein Urlaubssemester ein.

Die Schweiz trägt im Schnitt bloss knapp alle zehn Jahre eine WM aus, und an solchen Heimspielen als Titelverteidigerin zu starten, reizt die zweifache Gesamtweltcup-Siegerin. «Das ist eine coole Ausgangslage. Ich wollte mir die Chance geben, sie zu nutzen.» In Lenzerheide ist mit Nino Schurter noch ein zweiter Schweizer aktueller Weltmeister. Denn zur hiesigen Mountainbike-Geschichte gehört, dass die Schweiz, im Gegensatz zu anderen Trendsportarten, nicht nur anfangs stark dabei war, sondern die Vormachtstellung im Cross Country hat beibehalten können.

Der Schweizer ist oft der, der sich den eigenen Weg sucht

Ein wichtiger Baustein dafür ist der Swiss Bike Cup, eine achtteilige Rennserie, die seit bald 25 Jahren existiert und in der vom sechsjährigen Mädchen bis zu Neff und Schurter oder internationalen Athleten alle am selben Event starten. Eine Talentschmiede, bei der die Vorbilder vor der Nase des Nachwuchses fahren und zeigen, was dieser Sport alles kann.

«Vielleicht spielt mit, dass die Schweiz erst 2016 das erste Mal Olympiagold geholt hat, obwohl wir schon lange die Nummer 1 sind», sinniert Neff. «Vielleicht war das der Grund, dass immer weitergearbeitet wurde, dass der Verband versucht hat, noch bessere Bedingungen zu schaffen, und die Unterstützung von Swiss Olympic da war.» Kurz: Mountainbike wurde anerkannt als Sportart, die Potenzial hat, olympisch ist und bei der man mit entsprechender Förderung viel herausholen kann.

Jolanda Neff Velo 2 2018
© Gian Marco Castelberg

Jolanda Neff ist eine Weltenbummlerin. Heimat ist für sie dennoch Thal SG.

Hoi sagen, weiterfahren

Das möchte Neff endlich auch in Lenzerheide. Dreimal führte das Bündner Dorf als Vorbereitung zu den Weltmeisterschaften einen Weltcup durch, einmal wurde Neff Dritte, zweimal Vierte. Für den Sieg vor heimischem Publikum reichte es nie. «Ich empfinde es eher als zusätzliche Herausforderung anstatt als reinen Heimvorteil.» Nicht wegen der Strecke – ist Neff in Form, kann sie überall gewinnen. Und der Parcours hat alles, was sich Biker wünschen: Wurzeln, Steine, Sprünge und selektive Steigungen.

Diese Herausforderungen hat sie im Griff, ihre eigenen liegen anderswo. «Ich muss den Code knacken, wie ich mein Programm durchziehen kann.» Sich von den Erwartungen abgrenzen, dass sie komme und ohnehin gewinne. Und dass sie für alle und alles Zeit hat. Das ist ihr in den letzten Jahren im Bündnerland nicht gelungen. Sogar aus Neuseeland kommen Leute, die sie kennen – und am liebsten würde sie bei allen eine halbe Stunde lang stehen bleiben.

Jolanda Neff Velo 2 2018
© Gian Marco Castelberg

Neff schätzt die Zusammenzüge in der Nationalequipe. Hinter ihr folgen jüngere Fahrerinnen mit grossem Potenzial.

Neff ist eine kommunikative Frau, begeisterungsfähig und überschwänglich, eine äusserst herzliche Gesprächspartnerin. Aber das geht nicht mit einer perfekten Vorbereitung zusammen. «Ich muss lernen, ‹hoi› zu sagen und dann weiterzufahren. Aber da komme ich mir so blöd vor, ich kann doch bei Oma nicht einfach vorbeifahren!»

Dass die Schweizer Nationalmannschaft mitten im Dorf an der Hauptstrasse untergebracht ist, hilft auch nicht. Entscheidend ist aber vor allem das Umfeld wie die Physiotherapeuten, «und dass ich auf den Rummel gefasst bin, mit der richtigen Einstellung hingehe. Dann kann der Hype auch sehr viel Energie geben.»

Ameisen auf der Strecke

Einen Heimvorteil bezüglich des Trainings haben die Schweizer übrigens nicht. Die WM-Strecke liegt in einem Naturschutzgebiet, auf das Naturschützer ein strenges Auge werfen und in dem eine spezielle Ameisenart lebt. Ausser in der Rennwoche darf niemand einen Fuss auf den Parcours setzen, auch in den vergangenen Jahren wurde der Kurs jeweils nach den Weltcuprennen wieder gesperrt.

Neff kennt die Lenzerheide aber gut, hatte dort sogar einmal eine Wohnung als Trainingsbasis. Sie fühlt sich an vielen Orten zu Hause, liebt das Reisen, «ich wäre am liebsten überall gleichzeitig, finde es spannend, an neue Orte zu kommen.» Als «Landei» fürs Studium nach Zürich zu gehen, war deswegen überhaupt kein Problem für die Ostschweizerin. «Ich finde es supercool in der Stadt.» Sie hat im Raum Zürich auch einige Radprofis, mit denen sie trainieren kann.

Als Heimat definiert sie dennoch eindeutig die Bodenseeregion, wo sie aufwuchs. Thal SG ist der Ort, in dem sie wirklich heimkommt, ihre Sachen hat. Und wo sie jeden Meter so genau kennt, dass sie ihre Trainingsroute auf die Minute genau planen kann.

Jolanda Neff Velo 2 2018
© Gian Marco Castelberg

«Für mich ist es eine Herausforderung, in Lenzerheide gut zu sein, weil drumrum so viel läuft»

Hopp Schwiz, hopp Schwiz, hopp Schwiz

Seit die Schweizer Frauen mit Edi Telser vor ein paar Jahren einen eigenen Nationaltrainer bekamen, verbringen sie viel Zeit zusammen: Im Winter auf Gran Canaria und im Südtirol oder bei gemeinsamen Techniktrainings. Für Neff ist wichtig, dass sie sich wohl fühlt. «Die Atmosphäre ist zum Glück so locker, dass wir nach hartem Training gemeinsam lachen können. Linda Indergand und ich fahren gegeneinander, seit wir denken können. Je besser wir uns kennenlernten, desto mehr wurde aus dem Gegeneinander ein Miteinander», sagt Neff zur Konkurrenz untereinander. «Natürlich ist das nicht mit allen gleich einfach. Mit Linda jedoch verbindet mich eine Freundschaft.»

Ich wäre am liebsten überall gleichzeitig

Dass die Teamleistung auch für Einzelsportler wichtig ist, beschreibt Neff anhand des Beispiels von der vergangenen WM im September 2017 in Cairns, wo die Schweiz mit acht Medaillen unverschämt erfolgreich war. Der Nationaltrainer der Männer hatte einen Block mit der Zahl der Schweizer WM-Medaillen der Geschichte darauf. Der neue Medaillengewinner durfte jeweils das Blatt abreissen, dann riefen alle zusammen «Hopp Schwiz, hopp Schwiz, hopp Schwiz». «Das sind Details, aber sie vermitteln trotzdem ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Das macht extrem viel aus», sagt Neff, die zum Schluss der Woche eine schwierige Saison mit einem überlegenen Triumph abschloss.

Jolanda Neff Velo 2 2018
© Gian Marco Castelberg

Im September 2017 wurde Neff als zweite Schweizerin Weltmeisterin.

Nachwuchs en masse

Die vielen Medaillen lassen darauf hoffen, dass es in Zukunft so weitergeht mit dem Mountainbikeland Schweiz. Jolanda mag bei den Frauen eine lange Durststrecke beendet haben, doch hinter ihr sieht es gut aus. Seit 2011 konnten sich gleich sieben verschiedene Schweizerinnen bei den U19 oder U23 den Weltmeistertitel schnappen:

Neben den drei Goldmedaillen von Neff gewannen Linda Indergand, Andrea Waldis, Alessandra Keller, Nicole Koller, Ramona Forchini und Sina Frei jeweils einen Titel. Angeführt von Jolanda Neff, versprechen diese jungen Schweizerinnen Kampfgeist und Erfolg – fast wie damals Johanna von Orléans.

Eine Geschichte aus «Velo»

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