Erster «Divertimento»-Auftritt nach Unfall Jonny Fischer: «Ich habe das Gefühl, es reicht nicht»

Gestern Dienstagabend stand Jonny Fischer erstmals nach seinem Achillessehnen-Riss wieder auf der Bühne. Im Interview erzählt er, was alles schiefgelaufen ist – und weshalb er sich selber unter grossen Druck gesetzt hat.
Jonny Fischer
© René Tanner / festhalter.ch

Sind wieder gemeinsam unterwegs: Jonny Fischer (l.) und sein Bühnenkollege Manu Burkart. 

Es war ein grosser Schock: Vor fünf Wochen ist Jonny Fischers, 38, Achillessehne beim Fussballspielen in den Ferien gerissen. Der Kabarettist, der gemeinsam mit Manu Burkart, 40, als Cabaret Divertimento jährlich tausende von Menschen begeistert, musste sich umgehend einer Operation unterziehen – und ist seither auf Gehhilfen angewiesen. Gestern Dienstagabend nun das grosse Bühnen-Comeback bei «Das Zelt»: Das Cabaret-Duo stand erstmals seit Fischers Verletzung wieder auf der Bühne. Wobei: Von «Stehen» kann zumindest bei ihm kaum die Rede sein, wie Jonny Fischer im Interview mit SI Online erzählt. 

Sie haben sich Mitte Juli an der Achillessehne verletzt. Wie geht es Ihnen heute?
Jonny Fischer: Gesundheitlich kann ich nicht klagen, es geht aufwärts! Es ist aber eine langwierige Verletzung und momentan gibt es für mich nichts anderes als den Job und das Bein. Ich gehe pro Woche zweimal zur Physiotherapie und ein Mal zur medizinischen Massage. Mein Alltag ist nicht ruhiger, aber sehr viel langsamer geworden. 

Gestern hatten Sie mit Divertimento Ihren ersten Auftritt bei «Das Zelt». Inwiefern mussten Sie das Programm wegen der Verletzung anpassen?
Wir haben sehr grosse Anpassungen vornehmen müssen, da unser Programm unter normalen Umständen viel Bewegung beinhaltet. Nun haben wir drei verschiedene Gehhilfen ins Programm integriert: ein «Ein-Bein», Krücken und einen Rollstuhl  eine Tanznummer ist mir nur mit diesem möglich. Das hatte zur Folge, dass wir alle Nummern neu einstudieren und proben mussten. Obwohl wir unser Programm «Sabbatical» bereits 150 Mal gezeigt haben, war der Auftritt gestern Abend wie eine zweite Premiere. Es hat sich vieles verändert, da wir die Verletzung auch inhaltlich zum Thema machen mussten und jede Figur langsamer geworden ist. 

Jonny Fischer
© René Tanner / festhalter.ch

Sie standen und sitzten zum ersten Mal nach der Verletzung wieder gemeinsam auf der Bühne: Jonny Fischer (l.) und Manu Burkart. 

Haben Sie für die Show ausserordentlich viel geprobt? 
Sagen wir es so: Wir mussten viel dafür «schaffen». Mit der Proberei war es aber so eine Sache... Wir haben den Rollstuhl spät bekommen, daher hatten wir keine Möglichkeit, die Nummern auf der Bühne zu proben. Deswegen haben wir uns viel geschrieben, uns ausgetauscht, die Nummern auswendig gelernt. Gestern dann konnten wir das Gelernte zum ersten Mal auf der Bühne umsetzen. 

Verzögert ein derart strenges Programm nicht den Heilungsprozess? 
Das ist eine gute Frage. Aber mir ist zu Hause einfach die Decke auf den Kopf gefallen. Ich war und bin sehr froh, wieder rausgehen zu können. Auch wenn ich nach der gestrigen Show eine schlaflose Nacht hatte; der Fuss hat «angegeben», das straffe Programm hat ihm nicht gepasst. Aber ich bin sicher, dass ich immer mehr reinfinde, dass es jeden Abend «ringer» und jede Woche besser geht. 

Mir ist zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen

Bereitet Ihnen die Durchführung des Programms Schmerzen? 
Nein, gar nicht. Während des Auftritts ist enorm viel Adrenalin im Spiel, ich bin voll in Schuss gekommen. Mein Management musste mich sogar bremsen! Der Unfall ist nun fünf Wochen her, reissen sollte also nichts mehr. Aber es ist schon lustig: In der Physio gehen wir alles sehr «süüferli» an, und gestern dann habe ich auf der Bühne richtig «umegfuehrwärchet». 

Hat es viele Pannen gegeben? 
Es war eine sehr lebendige, aber leicht chaotische Show. Wir haben viel improvisiert, da wir viele Sachen nicht genau durchdacht und daher nicht mit ihnen gerechnet hatten. Beispielsweise haben wir ohne Kostüme geprobt, weshalb es beim Umziehen einige Schwierigkeiten gab. Die Leute haben bestimmt wahrgenommen, dass es gestern speziell war. Sie dachten wohl: «Das war lustig! War das gespielt oder eine Panne?» Aber sie haben es dennoch oder gerade deswegen sehr geschätzt. Die ersten Reaktionen waren positiv. 

Jonny Fischer
© René Tanner / festhalter.ch

Musikalisch unterwegs: Der verletzte Fischer (l.) singt, Manu Burkart begleitet ihn auf der Gitarre. 

Was war Ihr persönlicher Eindruck von der Show?
Es lief mega viel schief. Das haben wir bereits zur Halbzeit in der Pause festgestellt. Für mich persönlich hat es ausserordentlich viele Pannen gegeben, vieles war nicht parat, wir haben falsche Kostüme angezogen. Die Show wird sich sicher noch entwickeln in den nächsten zwei Monaten. 

War der erste Auftritt nach der Verletzung mental eine besonders schwierige Situation? 
Ja. Ich weiss, dass das eine «normale» Verletzung ist, dass viele andere Menschen diese Erfahrung bereits gemacht haben. Aber der Unterschied von mir zu anderen: Auf der Bühne kann ich momentan nur 80% von dem zeigen, was ich kann. Bei jeder Nummer habe ich das Gefühl, dass es nicht reicht.

Wie beschreiben Sie dieses Gefühl?
Es ist sehr unangenehm. Da hocken 1200 Menschen im Saal und warten seit einem Jahr auf die Show, dann komm ich und erfülle womöglich ihre Erwartungen nicht. Ich habe mir sehr grossen Druck gemacht. Nach der ersten Show bin ich nun etwas entspannter.

Unterstützten Sie Ihr Team und Ihr Kollege Manu Burkart bei den Vorbereitungen auf die Show? 
Ja. Das hat in mir 
aber ein schlechtes Gewissen ausgelöst: Sie haben mich abgeholt, organisieren alles für mich – und ich lieg nur rum. Es ist eine grosse Übung für mich, nichts selber machen zu können. 

Jonny Fischer
© René Tanner / festhalter.ch

Unterstützt den verletzten Bühnenpartner, wo er nur kann: Manu Burkart (r.).

Wie hätten Sie sich gefühlt, wenn Sie die Tour hätten abbrechen müssen?
Das wäre schlimm, ein kleiner Weltuntergang für mich gewesen. Aber ein Abbruch ist für mich nie infrage gekommen.

Haben Sie mit dem Team bedacht, dass das passieren könnte? 
Ja, wir haben das Szenario durchgespielt
: Was wäre, wenn ich nicht mehr weitermachen könnte? Das war eine schlimme Vorstellung. Schon nur deswegen, weil wir bis Sommer 2019 absolut ausverkauft sind, keine «Spatzig» mehr haben. Wann hätten wir die Shows nachholen sollen? 

Dass Sie die Tournee trotz Ihrer Verletzung nun durchziehen können, muss eine grosse Erleichterung für Sie sein. 
Ja, das stimmt. Der 
Hauptgrund für meine Freude ist: Ich komme endlich wieder raus! Wochenlang zu Hause rumzuliegen, ist nicht meins. Und dann liegt meine Wohnung auch noch im obersten Geschoss! Es war verdammt heiss. Zuhause liegen mit meinem «Skischuh» bei 38 Grad, mit geschlossenen Jalousien – ich hatte wirklich schon schönere Sommer. Am Sonntag dann war unser Kick-Off – ich habe mich sehr gefreut, rauszukommen, endlich wieder blöd «schnuren», mich nicht nur vom Bett ins Sofa und zurück bewegen zu können.  

Ich hatte wirklich schon schönere Sommer

Wie lange werden Sie noch auf die Gehhilfe angewiesen sein? 
Da gibt es noch kein genaues Datum. Ich werde die gesamte Herbsttour mit Gehhilfe absolvieren – auch, um mich selbst zu bremsen. Sonst vergesse ich mich auf der Bühne! Privat ist angedacht, dass ich in zwei Wochen die Krücken weglegen kann. Dann werde ich aber immer noch rumhumpeln. 

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie wieder normal laufen können? 
Darauf, ein erstes Mal im Stehen zu duschen! Mir einen Kaffee rauszulassen und diesen quer durch den Raum tragen zu können. Sogar aufs Einkaufen freue ich mich  ich musste in den vergangenen fünf Wochen immer meinen Mann schicken, das ist blöd. Und aufs Autofahren! Ja, ich fahre so gerne Auto, da freu ich mich drauf – auch wenn es noch ein Weilchen dauert, bis es soweit ist. Ich freue mich auf die kleinen Dinge des Alltags, die man erst schätzt, wenn sie nicht mehr selbstverständlich sind. 

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