Paul Accola «Keine Ahnung wie es weiter geht»

Zwei Wochen ist es her, seit der ehemalige Skirennfahrer mit seiner Mähmaschine einen Jungen getötet hat. Am Mittwoch lädt Paul Accola zum Mediengespräch und spricht erstmals über seine Gefühle nach dem tragischen Unfall.

Ein gebrochener Mann betritt den Saal. Er trägt Jeans und Hemd, die Schnürsenkel seiner Schuhe sind offen. Es ist der Mann, der einmal Paul Accola, der Skifahrer war. Heute ist er der Mann, der damit leben muss, dass er am 27. Juni einen achtjährigen Buben mit seiner Mähmaschine überrollt und getötet hat.

14 Tage sind vergangen, seit das Unfassbare geschehen ist. Heute hat Paul Accola, 45, zum Mediengespräch geladen. Der Ort ist symbolträchtig: das stillgelegte Bergwerk Gonzen bei Sargans. «Ein Ort der Stille, der Kraft verleiht», sagt Victor Rohner, der das Gespräch an der Seite von Paul Accola einleitete.

Dann beginnt Paul Accola zu erzählen. Der Kopf ist tief in den Schultern versunken, mit der linken Hand fährt er sich unablässig durch das schüttere Haar. Seine Augen sind fest auf das Papier gerichtet, das vor ihm liegt. Darauf hat er niedergeschrieben, was er heute sagen will. Es sind zwei A4-Seiten, dicht beschrieben. Um fünf Minuten nach zehn Uhr beginnt er zu erzählen. Die Stimme ist dünn, zittrig, unsicher. «Es ist eine ganz traurige Sache», sagt Paul Accola. Und schweigt wieder lange. Dann, irgendwann finden die Worte den Weg vom Papier zu Paul Accola. Und er erzählt vom Tag, an dem das Unfassbare geschehen war.

Er erzählt, wie er danach, als der Bub schon lange weggebracht worden war, Alpenrosen sammeln gegangen ist. Wie er die Blumen dorthin gebracht hatte, wo das Unfassbare geschehen war. Und wie er dort plötzlich die Eltern des getöteten Kindes gesehen hat. Wie sie auf ihn zugekommen seien. Und wie sie sich in die Arme genommen hätten. «Es war ein extremer Moment», sagt Paul Accola und schweigt anschliessend wieder lange.

Erst jetzt schafft er es, den Blick zögerlich zu heben. Die Journalisten, die Kameras, die Mikrofone scheint er trotzdem nicht zu sehen. Die Welt von Paul Accola ist seit jenem Tag verschlossen. Auch wenn er die Hilfe eines Psychologen in Anspruch nimmt, wie er sagt. Auch wenn ihm seine eigenen Familie extrem beisteht. «Es war Schicksal», sagt Paul Accola. «Schicksal, dass sich unsere Wege gekreuzt haben.» Der Weg des Buben, der dort sein Leben gelassen hat. Und der Weg von Paul Accola, der dort auch einen Teil seines Lebens gelassen hat.

Eine halbe Stunde lang spricht er. Nicht über den Unfall selber, das darf er nicht. Paul Accola spricht über sich. Und versucht zu erklären, was in jemandem vorgeht, der Schuld auf sich geladen hat. Wie er in jedem Moment wieder daran erinnert wird, was passiert ist. Wie er versucht, langsam wieder in den Alltag zu kommen, wie es ihm die Psychologen geraten haben. Wie es ihm die Seele erleichtere, wenn er mit jemandem über das sprechen könne, was an diesem 27. Juni passiert war. Wie er langsam wieder atmen könne, wie er selber sagt.

Nur eine Frage kann Paul Accola an diesem Morgen im Bergwerk Gonten bei Sargans nicht beantworten. Die Frage, wie es mit seinem Leben weiter gehen soll. «Keine Ahnung», sagt er. Und senkt seinen Blick wieder auf das Papier, auf dem keine Antwort auf diese Frage geschrieben steht.

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