Roger Federer König der Herzen

In Basel geniesst Roger Federer den Hype um seine Person - und sein ganz privates Familienleben mit seiner Mirka und den Zwillings-Mädchen. Eine Niederlage gibts für den Tennis-Star dieses Mal nur auf dem Court. Für seine Fans bleibt er so oder so der Grösste.
Hautnah: Früher war Roger Federer selber Balljunge. Heute ist er ihr Idol. In Basel kämpfte er um seinen vierten Turniersieg. Gegner Novak Djokovic erwischte vergangenen Sonntag aber den besseren Tag und gewann das Finalspiel.
© Hervé Le Cunff Hautnah: Früher war Roger Federer selber Balljunge. Heute ist er ihr Idol. In Basel kämpfte er um seinen vierten Turniersieg. Gegner Novak Djokovic erwischte vergangenen Sonntag aber den besseren Tag und gewann das Finalspiel.

Manchmal kann es Roger Federer, 28, selbst nicht fassen, wie er auf Menschen wirkt. Da fragt eine Radioreporterin an der Pressekon­ferenz allen Ernstes nach, ob er tatsächlich einen besonderen Trick beim Wickeln von Charlene Riva und Myla Rose habe. «Hallo: Es war ein Witz!», sagt Roger, der zuvor beim Platzinterview gefragt worden war, ob er seine Mädchen auch ab und zu wickle.

Antwort: «Klar, wickle ich sie. Aber es ist schon komisch: Ob ich sage, ich tus, oder ob ich sage, ich tus nicht, es wird so oder so zur Titelschlagzeile. Vielleicht liegts daran, dass ich eben auch beim Wickeln eine unglaubliche Technik habe?…»

Die Fans hängen an seinen Lippen. Sie registrieren jede seiner Bewegungen. Es gibt nichts Unwichtiges rund um den Tennisgott. Schon gar nicht in Basel. Hier ist der Wallfahrtsort für echte Federer-Jünger. Nicht jene 3,145 Millionen Fans auf Facebook, sondern jene, die Zeit und Geld opfern, um ihrem Idol aus Fleisch und Blut zu begegnen. Und davon gibt es unzählige in seiner Heimat. Jährlich einmal, im Herbst, ziehen sie ihre T-Shirts und Käppis mit dem RF-Logo an und reisen zur St. Jakobshalle an die Davidoff Swiss Indoors.

Hier gibts Roger hautnah – häppchenweise. Bei seiner Ankunft vor der Halle, beim Gang durch die Katakomben zur Pressekonferenz, bei der Wegfahrt. Ein paar Autogramme sind immer drin. Und einmal ist keinmal: Bei einigen steht Rogers Schriftzug vorne und hinten mehrfach auf textilem Untergrund. Er hat mich berührt, also bin ich. Jede Menge Kinder, klar, aber fast noch mehr sind erwachsen. Und nervös, kommt der Champ in die Nähe.

Die Verehrung treibt Blüten: Corinne, Mitte 30 etwa, wartet schon drei Stunden vor Federers Ankunft vor dem Halleneingang. Drei Stunden nach dem Spiel ist sie noch immer da. Türsteher bringen ihr einen Stuhl, weil sie inzwischen wegen Müdigkeit umzukippen droht, ausserdem ist es kalt. Das Match hat sie nicht gesehen, sie hat kein Ticket. Nur Roger nahe sein! Dafür ist sie aus Lausanne angereist. Fan Domenico hat nach Spielende das Stirnband erobert, das der Star ins Publikum geworfen hat. Nicht etwas gruusig anzufassen, so tropfnass durchgeschwitzt? Antwort: «Nein, nein, es ist ja von Roger.»


Und wie begegnet der Meister den Huldigungen um seine Person? Er scheint zumindest nicht irritiert. Roger Federer lebt während dieser Turnierwoche in seinem Basel das ziemlich normale Leben eines Sportprofis und Familienvaters. Selbst als einer der berühmtesten Menschen auf Erden zeigt er keine Allüren. Auch wenn die Stadt am Rhein anderes vermuten liesse: Vom Barfüsser bis weit hinter den Badischen Bahnhof ist sie beklebt mit Turnierplakaten. Roger überlebensgross, überall.

Und mittendrin wohnt Rodschi mit seinen Liebsten. Mirka und die Zwillinge hat er vom Zürichsee auf die Dienstreise nach Basel mitgenommen. Aber nicht im Haus seiner Eltern in Bottmingen BL sind sie einquartiert. Wohnsitz für diese Woche: das Hotel Les Trois Rois bei der Schifflände direkt am Rhein. Fünfsternehaus, erste Adresse am Platz. Die Federers benötigen zwei Schlafzimmer. Man ist zu viert.

Die ­Suite «Trois Rois» könnte passen; Cheminée im Wohnzimmer, Outdoor-Jacuzzi, 4500 Fran­ken die Nacht. Für Roger ein Klacks. Sein Finaleinzug in Basel bringt ihm trotz Niederlage immerhin noch 202 000 Franken ein. Antrittsgage in sechsstelliger Höhe exklusiv. Basler Sohn in der Austern-und-Trüffel-Liga? Von wegen: Rogers liebstes Abend­menü soll auch hier Wurstsalat sein.

In Federers Heimatstadt fühlt sich die Familie geborgen. Ganz unbefangen auf gemeinsamen Spaziergängen, so wie ab und zu an den Ufern des Zürichsees, sieht man Roger und Mirka mit Twins nicht. Dazu steht er dann in dieser Woche doch zu sehr im Rampenlicht. Aber Mirka scheut den Gang in die Öffentlichkeit nicht. Begleitet von der Nanny, einer britischen Kinderkrankenschwester, schiebt sie den braunen Zwillings-Kinderwagen durch die Gassen der Altstadt, kauft in einer Apotheke für Naturheilmittel ein. Bodyguards? Fehlanzeige! Sehr sympathisch, dass in der Schweiz millionenschwerer Nachwuchs nicht hinter Verschluss gehalten werden muss.

Immerhin: Viele Passanten erkennen die Ehefrau des berühmtesten Schweizers. Angesprochen wird sie nicht. Die Leute drehen sich erst um und tuscheln, als sie vorbeigegangen ist. Diskretion und Respekt der Leute müssen für die Federers viel zählen.

Es gibt einen Fahrdienst am Turnier. Alle benützen ihn: Spieler, Offizielle, VIPs, Journalisten. Nur einer nicht: Federer. In seiner Stadt will der Autofan selbst ans Steuer. In Basel fährt er einen Mercedes C63 AMG, ab 110 000 Franken zu haben. Ohne Extras. Da kann man auf der Rückbank auch zwei Maxi-Cosi mit viermonatigen Babys festschnallen. Die drei Kilometer vom Hotel ins Stadion oder zur Trainingshalle im Privatbesitz von Turnier-Direktor Roger Brennwald kennt Federer in- und auswendig. Mit 457 PS ist man nach der Ampel schnell ausser Sichtweite.

Roger verbringt viel Zeit bei seiner Familie im Hotel. An die Spiele fährt er jeweils rund zwei Stunden vor dem ersten Aufschlag. Täglich kommen Trainings dazu. Mit Coach Severin Lüthi arbeitet Fedi konzentriert. Profi durch und durch. Der aber bei jedem gelungenen Ball verrät, was ihn so stark macht: die Freude am Spiel. «Jo, salli zäme!», singt er zwischendurch laut, wenn ihm einer seiner Zauberschläge gelingt.

«Sorry!», ruft er, wenn er nicht dorthin trifft, wohin ihn der Trainer anweist. «Mee duregoo mit de Hand», fordert Lüthi. Roger hört zu, nickt. Auch ein Tennisgott nimmt Hilfe an. Gibts eigentlich etwas, was Roger nicht beherrscht? Wenig. Bei der Eröffnungsfeier wirkt er neben Weltstar Montserrat Caballé etwas hölzern. Sein Griff an den Rücken der katalanischen Sopranistin sieht irgendwie unpassend aus. «Ich glaube, ich bin noch zu jung, um diese Musik wirklich zu verstehen, auch wenn ich in Paris schon in der Oper war.» Auch das wird noch, zweifellos.

Roger Federer ist ja noch jung, 28 erst. Noch weiss er irgendwie kaum, wie ihm geschieht. Interviewfrage auf dem Platz: «2009 war ein Superjahr. Wie ist 2010 zu toppen?» Die Antwort des Überirdischen ganz irdisch: «Mal Mirka fragen, vielleicht will sie ja nochmals drei Kinder?…» Manchmal würde man halt doch gern fragen, ob er nun wieder gescherzt hat.

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