Zum 70. erklärt er seine Sammel-Leidenschaft Kurt Aeschbacher befürchtet dauernd zu verarmen

Kultmoderator Kurt Aeschbacher feiert seinen 70. Geburtstag. Im Interview erzählt er von seiner Sucht, Kunst zu kaufen, von seinen Verarmungsängsten und warum er trotz dem Aus beim TV nicht in den Ruhestand geht.

Zum runden Geburtstag hat sich Kurt Aeschbacher selbst das grösste Geschenk gemacht: eine Ausstellung seiner privaten Kunstsammlung. «Früher habe ich immer zu einem runden Geburtstag ein grosses Fest für meine Freunde organisiert – das hat auch viel Geld gekostet.» Stolz präsentiert uns der Moderator Werke von namhaften Künstlern wie Ai Weiwei oder Pipilotti Rist. 

Kurt Aeschbacher, wie kann sich ein Moderator so teure Kunst leisten?
Viele Werke meiner Sammlung habe ich vor Jahrzehnten gekauft. Zu Preisen, die ich mir damals leisten konnte, wenn auch oft nur in Raten. Noch heute stehe ich immer mal wieder bei einer Galerie in der Kreide. Aber ich lebe in einer Wohnung, nicht in einem eigenen Haus und habe auf teure Reisen verzichtet. Als Mitarbeiter beim Schweizer Fernsehen kann man wunderbar leben, aber reich wird man nicht. Meine Kunstwerke habe ich mit Moderationen und als Unternehmer verdient. Die Rendite hängt nun an den Wänden (lacht).

Hat Sie Kunst schon immer fasziniert?
Auslöser war eine Ausstellung 1968, bei der Christo die Berner Kunsthalle verpackte. Damals ein Skandal. Unser Französischlehrer hat darauf bestanden, dass wir uns das anschauen. Er meinte, Kunst müsse man nicht immer verstehen. Die Vermutung, dass es etwas Wichtiges sein könnte, reiche. Das hat mich neugierig gemacht und mein Interesse für die Künstler unserer Zeit geweckt. 

Kurt Aeschbacher
© Geri Born

Runder Geburtstag: Am 24. Oktober wird Kurt Aeschbacher 70. «Mir wird bestimmt nicht langweilig.»

Erinnern Sie sich noch an das erste Bild, das Sie erwarben?
Das vergisst man nicht! Es war eine Radierung des britischen Malers David Hockney. Sie hängt heute noch im Ferienhaus in Davos. Das Bild kostete 150 Franken. Aber ich war Student und hatte kein Geld. Darum stotterte ich es ab. Das hat sich bis heute nicht geändert, nur die Raten sind höher geworden.

Viele Ihrer Bilder hängen jedoch nicht bei Ihnen zu Hause, sondern sind seit Jahren in Kisten verpackt. Warum kauft man ein Bild, das man gar nicht aufhängt?
Weil die Aussage eines Werkes so stark ist, dass man es besitzen möchte, um mehr darüber zu erfahren. Kritisch betrachtet ist Sammeln ja eigentlich eine krankhafte Ansammlung von Besitz. Aber Künstler zeigen uns eine andere Sicht auf unsere Gesellschaft und helfen, das eigene Leben zu hinterfragen. Und das macht das Sammeln so spannend. Und so fordern mich meine Wände immer wieder mit neuen Werken heraus. Bei mir kommt wahrscheinlich hinzu, dass ich immer Verarmungsängste habe. Ich bin wie ein Eichhörnchen, das stets das Gefühl hat, für schlechte Zeiten Vorräte sammeln zu müssen. 

Ich bin wie ein Eichhörnchen, das stets das Gefühl hat, für schlechte Zeiten Vorräte sammeln zu müssen

Wie ist das möglich? Sie sind seit 40 Jahren beim Schweizer Fernsehen angestellt …
Halt: Ich war nie beim Schweizer Fernsehen angestellt! Wir haben Jahr für Jahr unsere Zusammenarbeit neu festgelegt. Ich war Ende Jahr nie sicher, ob und wie es im Januar weitergeht. Für mich stimmte diese Situation, weil sich beide Seiten immer wieder über die gemeinsamen Ziele einigen mussten. Als wir dann vor 18 Jahren die Talksendung «Aeschbacher» starteten, wollte ich sie im eigenen Studio realisieren. Ich investierte eigenes Geld ins Labor und konnte so als Gastgeber und Unternehmer das Umfeld, in dem wir unsere Sendung realisierten, weitgehend selbst gestalten. Ein grosses Privileg. Und nun hat sich das SRF halt entschieden, die Sendung auf Ende Jahr einzustellen.

Haben Sie nie mit dem Ende von «Aeschbacher» gerechnet?
Ich war mir während meiner ganzen Zeit bei der SRG bewusst, dass so etwas jederzeit passieren kann. Sendungen kommen und gehen. Das war aber für mich auch ein Ansporn, mich ausserhalb des Fernsehens zu betätigen. Auf mehreren Beinen durchs Leben zu gehen, ist immer sicherer und inspirierender, als bloss einem Bein zu vertrauen. Mich fasziniert es, Ideen umzusetzen, als Unternehmer Risiken einzugehen und Neues auf die Beine zu stellen. Aber auf der anderen Seite bin ich auf Sicherheit bedacht. Sollte also das Geld mal nicht mehr reichen, kann ich ja immer noch ein paar Bilder verkaufen (lacht).

Kurt Aeschbacher
© Geri Born

Falsches Vertrauen: Seine Gutgläubigkeit hat Kurt Aeschbacher schon sehr viel Geld gekostet. «In meinem Leben ist einiges danebengegangen.»

Wie sehen Ihre Pläne für nächstes Jahr aus?
Mir wird es sicher nicht langweilig. Ich darf beispielsweise im Verwaltungsrat einer international tätigen Privatschule mithelfen, die Neugierde unserer Schüler zu fördern. Dieses Mandat liegt mir sehr am Herzen. Lernen sollte nie ein Muss sein, sondern ein spannendes Abenteuer. Wir leiten dort mit neuen Lernmethoden die Studierenden mit Coaches dazu an, wie sie einerseits das notwendige Wissen erwerben können und andererseits genügend Zeit haben, um andere Leidenschaften wie Sport oder künstlerische Aktivitäten ausleben zu können. Viele erfolgreiche Sportler wie der Hürdenläufer und Mediziner Kariem Hussein und zahlreiche internationale Eishockeyspieler gingen bei uns zur Schule. 

Lernen sollte nie ein Muss sein, sondern ein spannendes Abenteuer

Hat Ihr grosses Engagement für die Bildung von Jugendlichen etwas mit Ihren persönlichen Erfahrungen als Schüler zu tun?
Natürlich. Ich selber hatte zwar das Glück, dank guten Lehrern erfolgreich durch unser Schulsystem geschleust zu werden. Doch vielen Kindern nimmt man in der Schule die Freude am Lernen. Man presst sie in ein System, in dem sie die Erwartungen der Eltern und der Gesellschaft zu erfüllen haben und dabei die Freude am Lernen verlieren. Man trimmt sie darauf, irgendwie zu genügen. Dabei ist Durchschnitt der Tod des Ausserordentlichen. Und dieses sollte gefördert werden. 

Sie scheinen ein gutes Gespür für erfolgreiche Projekte zu haben.
Ehrlich gesagt ist in meinem Leben einiges danebengegangen! Ich habe zum Beispiel für viel Geld ein Restaurant zur falschen Zeit, am falschen Ort und mit den falschen Leuten eröffnet. Das ging schief, und wir mussten schliessen. Ich ging zwar nie Konkurs, aber habe viel Geld verloren. Das war schmerzhaft. Doch Misserfolge gehören zum Leben. 

Kurt Aeschbacher
© Geri Born

Strahlemann: «Misserfolge gehören zum Leben.»

Sie sind auch Verleger …
Vor über sechs Jahren habe ich mit einem Partner das Magazin «50plus» gekauft. Wohl im dümmsten Moment und zu teuer. Aber es ist unser Ehrgeiz, das Heft journalistisch und auflagenmässig so voranzubringen, dass wir damit beweisen können, wie wichtig gedruckte Medien und guter Journalismus auch in der heutigen Zeit sind. Damit sind wir auf dem besten Weg.

Und Ihr medizinisches Zentrum Antagon?
Auch das war eine grosse Investition. Und wenn wir von meinem angeblich guten Gespür sprechen: Mein erster Geschäftsführer, den ich als Freund betrachtete, war leider nicht ehrlich und kostete eine Stange Geld. Umso erfreulicher, dass wir heute mit Antagon ein erfolgreiches Unternehmen führen, das mit seinen medizinischen Therapien viele Kunden von Schmerzen befreit.

Da ich aus meiner sexuellen Orientierung nie ein Geheimnis gemacht habe, wurde ich von den Medien zum Quoten-Schwulen gestempelt

Haben Sie sich manchmal gewünscht, nicht so sehr in der Öffentlichkeit zu stehen?
Ich habe die Arbeit am Bildschirm nie gewählt, weil ich berühmt werden wollte. Mich interessiert einzig, berührende Inhalte erfahrbar zu machen. Moderator wurde ich auch eher zufällig und nach einigen Jahren in der Privatwirtschaft. Deshalb geht mir auch nicht der Schuss ab, wenn ich auf einem Titelblatt erscheine. Doch ich erinnere mich, dass in den 80er-Jahren die Themen Homosexualität und Aids omnipräsent waren. Und da ich aus meiner sexuellen Orientierung nie ein Geheimnis gemacht habe, wurde ich von den Medien zum Quoten-Schwulen gestempelt. Da fühlte ich mich nicht mehr als Mensch wahrgenommen, sondern bloss noch auf die Sexualität degradiert. Das hat mir damals doch das eine oder andere Päckli mit Hundescheisse vor der Haustür beschert. 

Liege ich falsch, wenn ich Sie als ewig Suchender bezeichne?
Mit dieser Bezeichnung würde ich mich sehr geehrt fühlen. Ich hoffe, dass mir diese Eigenschaft bis zum Tod erhalten bleibt. Im letzten Moment seines Lebens neugierig zu sein, was danach kommt. Das ist doch das Abenteuer des Lebens bis zum finalen Atemzug.

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