Neuer Kinofilm «Looking For Sunshine» Von der Leistungs-Maschine zur lachenden Lara

Heute Donnerstag erscheint die Dokumentation «Looking For Sunshine» über Lara Gut. Darin wird klar, welch immensem Druck die Skifahrerin jahrelang ausgesetzt war – sodass sie ihren Kreuzbandriss an der WM 2017 gar als Erlösung empfand. Der Weg zurück – auf die Skipiste und ins Leben. 
Lara Gut
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Wieder da: Vergangenen Samstag ist Lara Gut in die neue Weltcupsaison gestartet. Im Riesenslalom in Sölden erreichte sie den 14. Rang. 

Sie trug die Last eines ganzen Landes auf sich. Dann eine falsche Bewegung: Kreuzbandriss, Meniskusverletzung. WM-Träume begraben. Saisonende. Und dennoch sagt Lara Gut, 27, im heute anlaufenden Dok-Film «Looking For Sunshine» gleich zu Beginn: «Am glücklichsten fühlte ich mich drei Sekunden nach dem Kreuzbandriss.»

Gut ist nicht gut genug

Der Grund für die Aussage zeigt sich schnell. Der Film porträtiert eine junge Frau, die 2015/16 den Gesamtweltcup gewonnen, 24 Weltcupsiege auf dem Konto hat. Die im ersten Weltcuprennen mit 16 Jahren auf Platz 3 gerast ist – trotz Sturz. Kurzum: eine Frau, die in sportlicher Hinsicht alles erreicht hat. Doch deutlich spürbar wird, was alles hinter diesem Erfolg steckt: Schmerzen, Einsamkeit, Rastlosigkeit. Die zehntägigen Ferien in New York 2016? Verbringt Lara Gut zum grossen Teil im Fitnessstudio. Eine Pause? Liegt nicht drin.

Lara Gut
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Pausen gönnt sich Gut kaum. Auch in den Ferien in New York trainiert sie. 

Gut ist die Athletin, die beim gemeinsamen Kartenspiel mit ihrem Bruder Ian, 23, und Teamkolleginnen wie Michelle Gisin, 24, und Wendy Holdener, 25, als Erste den Tisch verlässt, um schlafen zu gehen. Sie ist die, die bei Balanceübungen vom Reck abrutscht, und sich – ohne zu zögern oder zu jammern – schnurstracks wieder auf die Stange setzt. Die, die den Medien in vier Sprachen Auskunft über jeden Schwung, jeden Schritt gibt. Die, die beim Fernsehschauen mit der Familie lieber noch mit Papa und Trainer Pauli Gut Trainingsvideos analysiert. 

Bei alledem ist die Tessinerin sehr höflich: So hilft sie beispielsweise einem Pagen im Hotel, das Gepäck ins Zimmer zu tragen, und bedankt sich bei allen für ihr Engagement. Und doch wirkt sie farblos, verbissen, ja, fast ein wenig kühl, weil alles, was zu zählen scheint, der Erfolg ist. Die Beziehungen zu ihrem Umfeld sind – mit Ausnahme von Bruder Ian, dem sie sehr nahesteht – vor allem eines: auf Effizienz getrimmt. Und Lara aus Comano im Tessin ist primär eines: Skistar Lara Gut. Das Interesse an Guts Person ist gewaltig und steigt mit jedem Erfolg. Dennoch gibt sie sich gelassen – eine eiserne Lady. 

Lara Gut
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Die Realität: Guts Uhr steht nie still. Jede Möglichkeit für ein Training wird genutzt - und sei es im Parkhaus. 

Der Film zeigt die Realität, die im Spitzensport herrscht: Die glamourösen Siegerehrungen vom Abend verwandeln sich am Morgen plötzlich in ein Parkhaus, in dem trainiert wird. Gut scheint das nicht zu stören. Egal ob zu Hause im Tessin oder im Keller eines Skiresorts: Sie zieht ihr Training durch, ohne mit der Wimper zu zucken. Das Ziel ist klar: Gut will besser sein als der Rest. Hinter der Arroganz, die sie bisweilen ausstrahlt, steckt eine zerbrechliche junge Frau, die alles von sich abverlangt. 

Doch den immensen Druck macht sich Gut nicht nur selber. 2017 findet die Heim-Weltmeisterschaft in St. Moritz statt. Alle Hoffnungen ruhen auf Lara, alle setzen auf Gut. Gold soll her. Die Auszeichnung zur «Sportlerin des Jahres 2016» nimmt Gut alleine im Hotelzimmer in Courchevel in Empfang. Den Preis, «den man erreichen will», so Moderator Rainer Maria Salzgeber, nimmt sie mit lediglich müdem Lächeln entgegen. Es ist nur eine weitere Trophäe. Ihr Fokus liegt auf der WM. Sie will Gold. Und das Volk will es auch, erwartet es sogar. 

Video: Sehen Sie den Trailer von «Looking For Sunshine»

Wegweisende Weltmeisterschaften

Nur eine Woche vor der WM verletzt sich Gut beim Super-G in Cortina d'Ampezzo. Ein riesiges Hämatom am Oberschenkel ist die Folge. Aufgeben liegt nicht drin, das Training geht weiter. Charakteristisch eine Szene, in der ein Interviewer Gut für ein Foto zum Sitzen auffordert. «Ich kann nicht sitzen», erwidert sie. «Machen Sie, so gut es geht», sagt er. Sie setzt sich hin. 

Lara Gut
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Eine Woche vor der WM zieht sich Lara Gut ein riesiges Hämatom am Oberschenkel zu. Die Schmerzen sind enorm, doch die Show muss weitergehen.

Im Film wird eine Lara Gut spürbar, die unbesiegbar zu sein scheint. Selbst von unglaublichen Schmerzen gibt sie sich nicht geschlagen. Beim Lauftraining im Pool fühlt es sich an, als «würde man mir die Haut abziehen», erzählt sie ihrem Konditionstrainer. Und doch steigt sie wieder ins Wasser und macht weiter. Gut ist eine Frau, die eine Mauer um sich gebaut hat und entsprechend kaum etwas an sich heranlässt – und noch auf den breitesten Pisten eingeengt wirkt.

Am 7. Februar 2017 findet der WM-Super-G statt. Gut holt ihre fünfte WM-Medaille. Doch es ist «nur» Bronze. Sie schüttelt im Ziel den Kopf. Eigenständig ins Hotel zurücklaufen kann sie später aufgrund der Schmerzen im Oberschenkel nicht mehr; Gut humpelt, bis sie abgeholt wird. 

Lara Gut
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Enttäuscht: An der Heim-WM wird Gut Dritte. Nicht genug für die erfolgshungrige Tessinerin. Sie hätte dort stehen wollen, wo sich die Österreicherin Nicole Schmidhofer hinstellen darf: zuoberst.

Drei Tage später verletzt sich Gut beim Einfahren für den Slalom der Alpinen Kombination, bei der sie nach der Abfahrt auf dem vielversprechenden Rang 3 gelegen hatte. Diagnose: Kreuzbandriss und Meniskusverletzung. Die Saison ist zu Ende, doch für Gut beginnt ein neues Leben. Zwar kann sie das Training auch im Krankenbett nicht lassen, zieht sich an der Handhalterung hoch. Doch die Verletzung verändert sie: «Am 10. Februar habe ich mir das Kreuzband gerissen und mich als 26-jährige junge Frau wiederentdeckt. Das letzte Mal, als ich mich als Mensch fühlte, war ich 18. Ich fragte mich: Was habe ich in den letzten Jahren als Mensch gemacht? Ich habe unterwegs sehr viel eingebüsst. Ich hatte stets die Sportlerin vor den Menschen gestellt.»

Lara Gut
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Noch im Krankenbett trainiert Gut fleissig weiter - so gut es eben geht. 

Unfall als Erlösung

Gut ist der Meinung, Unglück existiere. Aber viele Unfälle seien für sie auch ein Zeichen: «Sie signalisieren: Jetzt ist Schluss. Der Unfall passiert, weil der Kopf schon lange nicht mehr kann und der Körper irgendwann nachziehen muss. In St. Moritz wusste ich, dass ich die zwei Wochen durchstehen musste. Leider ist es manchmal fast schon eine Erlösung, wenn man sich verletzt. Dann hat man endlich das Recht, anzuhalten.»

Lara Gut
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«Papa, man sieht überhaupt nichts»: Es sind die letzten Worte von Gut, ehe sie sich für den Kombi-Slalom einfährt und sich dabei am Knie verletzt.

Gut krempelt im Anschluss ihr Leben um. Sie zieht aus dem Elternhaus aus, lässt bis auf drei Weltcupkugeln alle Trophäen zu Hause. Sie koordiniert ihre Termine, strukturiert Medienkonferenzen, um zu keinem «Hamster», wie sie es nennt, zu verkümmern, der «immer nur rennt und rennt». 

Und mit ihrem Unfall wird die Lara spürbar, die sie selbst verloren hatte. Das Mädchen, das mit 16 Jahren im Starthaus Witze riss und mit ihren herzlichen Interviews grosse Sympathien gewann. Das Mädchen, das irgendwo zwischen Erfolg und Rummel verloren gegangen und zu einer Einzelkämpferin mutiert war – und jegliche Freude am Skifahren verloren zu haben schien. Plötzlich lacht Gut im Spital lauthals los, als ihr Bruder ihr ein Bild schickt; plötzlich ist sie wieder da: die fröhliche Lara. Die Kamera ist kaum näher dran, und doch wirkt der umworbene Skistar von der Pressekonferenz plötzlich echt und nahbar.

Glücklich zurück

Mit neugewonnenem Lebensmut steht Gut 195 Tage nach dem Unfall wieder auf den Skis und ist sichtlich hibbelig. Immer dabei: Papa Pauli, der seine Tochter seit ihren Anfängen unterstützt. «Meine Eltern schauten das alles als etwas Schönes an: Das Training war kein Opfer, sondern Zeit, die wir zusammen verbrachten», sagt Lara Gut. Nicht nur sie, auch Pauli Gut hat die Zeit der Verletzung verändert. Er habe sich nicht informiert, was die anderen Athletinnen machen. «Was sehr ungewöhnlich ist, denn vorher tat ich nichts anderes», gibt er nachdenklich zu. Er hat sich mit anderen Sachen beschäftigt, Fussballschauen zum Beispiel: «Dinge, die man vergisst.» 

Lara Gut
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Wieder da: Beim Riesenslalom im Oktober 2017 in Sölden gibt Lara ihr Comeback. Sie ist zufrieden, obschon sie ausscheidet. 

An der Medienwoche vor dem Saisonstart 2017 sagt Lara Gut: «In den letzten Jahren ist es mir noch nie so gut gegangen.» Der Fokus liegt nicht mehr nur auf dem Skifahren: «Es gibt so viele Dinge, die mich stark gemacht haben, und ich denke, dass sie mich als Sportlerin stärker machen werden.» 

Gut wirkt nahbar, strahlt – und als klar wird, dass sie bald wieder Rennen bestreiten kann, fällt sie ihrem Papa um den Hals. Die lachende Lara ist wieder da. Nur wenige Monate später wird sie ihren zukünftigen Ehemann Valon Behrami, 33, treffen und mit ihm die «Liebe meines Lebens», wie sie sagt. Im Film hat es Behrami derweil nur in den Abspann geschafft; die Dreharbeiten waren bereits zu Ende, als die Liebesgeschichte ihren Anfang nahm.

Ihr erstes Rennen bestreitet Gut am 28. Oktober 2017 in Sölden, 260 Tage nach dem Unfall. Obwohl sie ausscheidet, ist sie zufrieden: «Es ist schön, wieder hier zu sein.» Die verbissene Sportlerin von früher ist einer jungen Frau gewichen, die Freude am Skifahren hat. Wenige Wochen später wird sie beim Super-G in Lake Louise Zweite. Ihr erstes Rennen nach der Verletzung wird sie noch in der gleichen Saison gewinnen. 

Lara Gut
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Zurück auf dem obersten Treppchen: Lara Gut gewinnt im Januar dieses Jahres den Super-G von Cortina. Der erste Sieg nach dem Unfall erfolgt dort, wo sie sich vor einem Jahr die schwere Verletzung vor der WM zugezogen hatte. 

Die Freude am Fahren ist zurück. Und Lara ebenso. Vergangenen Samstag ist sie in die Weltcupsaison 2018/19 gestartet – auf der Jagd nach neuen Erfolgen. «Wenn ich im Starthaus stehe, vergesse ich alles. Ich möchte jeden Tag Rennen fahren, sieben Rennen pro Tag. Es ist das schönste Gefühl, das es gibt.»

«Looking For Sunshine» von Niccolò Castelli, ab heute, 1. November 2018, im Kino.

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