Kandidatur für den Regierungsrat Wird Linard Bardill vom Narr zum Bündner König?

Der Liedermacher und Geschichtenerzähler Linard Bardill kann auch anders! Der Bauskandal in seiner Heimat macht ihn wütend. Beim Qigong am frühen Morgen kommt ihm auf dem Cresta-Hügel die Erleuchtung: «Ich muss bei den Wahlen am 10. Juni antreten.»
Linard Bardill
© Joseph Khakshouri

Meditation! Bardill bei einer Qigong-Übung im Hof seines Ateliers, das der Bündner Architekt Valerio Olgiati entworfen hat.

Linard Bardill, 61, sitzt in seinem rostroten Atelier – dem ausgefallensten Haus im Bündner Bergdorf Scharans – und erzählt: «Ich war erschrocken, zornig und dann frustriert, als ich vom Baukartell im Unterengadin hörte.» So etwas darf nicht passieren! Darum will der Barde jetzt selber in die Politik!

Zwei Nächte lang sitzt er mit seiner Frau zusammen und diskutiert alles durch. Am Morgen danach steigen sie zusammen auf den Cresta-Hügel und besiegeln bei einer Qigong-Übung – einer chinesischen Meditationsform – ihren Entschluss. «Wir haben uns versprochen, zueinander zu halten. Sonst hätte ich das nicht machen können.» Und so wird der Kinderliedermacher zum Kandidaten für den Regierungsrat.

Zu Hause haben wir immer politisiert!

Gerade ist Mutter Lilly Bardill, 83, zu Besuch in Linards Atelier mit den reliefartigen Blumen an den Wänden. Sie haben ein enges Verhältnis. «Am Anfang war ich etwas erschrocken über die Kandidatur.» Mama hat Angst, das Amt könnte zu viel Arbeit für ihren Sohn sein. Auf der anderen Seite weiss sie, dass er der Richtige ist, weil er sich immer für die Wahrheit einsetzt. «Als Kind schimpfte er schon mit seinen Geschwistern, wenn sie logen.»

Linard Bardill
© Joseph Khakshouri

Viva! Lilly Bardill und ihr Sohn Linard sehen sich einmal pro Woche.

Als junger Mann führt Linard Bardill ein wildes Leben: Er trampt durch Indien, wohnt im Zürcher Niederdorf mit einer 60-jährigen Prostituierten und verkauft handgeschriebene Gedichte auf der Gasse. Mitte der 80er-Jahre debütiert er mit seinem Bühnenprogramm. Seitdem tritt er mit Liedern und Texten auf Deutsch und Rumantsch auf. Zu seinen bekanntesten Werken zählen «Luege, was der Mond so macht»und «Was I nid weiss, weiss mini Geiss.»

Liedermacher und Politiker geht nicht – das weiss auch Bardill. «Ich kann nicht Narr und König sein!» Wenn er am 10. Juni gewählt wird, sagt er alle Konzerte ab. Er werde dann nur noch höchst selten als Musiker auftreten. «Vielleicht, wenn jemand stirbt und ich für ihn etwas singen kann.»

Die neue Bühne betritt er nicht ganz ohne Vorkenntnisse. «Zu Hause haben wir immer politisiert!» Der Grossvater war Gründer der Bündner Demokraten und über 20 Jahre im Grossen Rat. Der Vater sass später für die SVP im selben Rat.

Linard Bardill
© Joseph Khakshouri

Geschenk: Die Jacke bekam er vom ältesten Lokführer der RhB.

Linard Bardill ist parteilos. «Ich will nicht links, rechts oder in der Mitte sein. Mir ist es wichtig, mich zu bewegen.» Eine Smartvote-Umfrage hat er trotzdem ausgefüllt. «Dabei kam ein ziemlich linkes Profil raus.» Als Regierungsrat würde er am liebsten das Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartement übernehmen.

Wie hoch sieht er seine Chancen, gewählt zu werden? «Da muss ich meinen Bauch fragen! Uuii – mein Bauch sagt, sehr hoch, fast zu hoch, um wahr zu sein.» Und das, obwohl Linard Bardill an diesem Morgen im Dorfladen war und den Mann an der Kasse gefragt hat, ob er ihn wählen würde. «Er sagte, dass ich also noch lange nicht besser als die anderen sei», sagt Linard Bardill und lacht laut los.

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