Linda Fäh Sie besucht ihr Patendorf in Südafrika

Privat setzt sie sich seit Jahren für SOS-Kinderdorf ein. Nun ist Linda Fäh offizielle Botschafterin des Hilfswerks. Die Reise nach Kapstadt zu ihrem Patendorf löst bei der Miss Schweiz 2009 richtige Muttergefühle aus.

Etwas haben Kinderzimmer auf der ganzen Welt gemeinsam: den Lärmpegel. In Haus Nummer 8 des SOS-Kinderdorfs in Kapstadt ist er an diesem Morgen besonders hoch. Die Kleinen erwarten Besuch! Linda Fäh, 26, ist aus der Schweiz angereist. Das sei das Land, wo Schnee und Schoggi herkämen, erklärt Hausmutter Memory Chitsika, 37, ihren sieben aufgeregten Zöglingen. Im Dorf kennt man die Miss Schweiz 2009. Während ihres Amtsjahres besuchte Linda die damals fünfjährige Meagan in der südafrikanischen Metropole und beschloss spontan, das Dorf mit einer monatlichen Spende zu unterstützen. Nun kehrt sie als prominente Botschafterin zurück. «Ich habe mich jahrelang privat dafür eingesetzt, dass diese Kinder ein liebendes Zuhause kriegen. Umso mehr freue ich mich, es nun offiziell tun zu dürfen.»

Meagan und ihre Freundinnen haben sich extra für den Besuch der schönen Dorf-Patentante etwas Lipgloss aufgetragen. Aber ihre schwarzen Locken stehen noch wild vom Kopf. «Kommt, ich flechte euch Schweizer Zöpfe», schlägt Linda vor. Und lässt sich im Gegenzug das blonde Haar kämmen. Nur ein Mädchen schaut scheu zu. Es hat eine Narbe am Kopf, das linke Auge ist teilweise gelähmt. Das ist Fatima, sagt Memory. Die Elfjährige sei vor Jahren mit schlimmen Verletzungen aufgefunden worden, von den Eltern fehlt jede Spur. «Fatima ist sehr zurückhaltend, nimm das nicht persönlich.» Natürlich nicht! Linda kämmt und scheitelt und flicht Haare, bis der Schulbus hupt. Einmal, zweimal, dreimal. «Jetzt aber los!» Memory drückt jedem Kind ein Znünibrot in die Hand und jagt die Horde spielerisch aus dem Haus.

Die heile Welt trügt. Jedes der 115 Kinder im Dorf trägt eine traurige Geschichte im Herzen. Linda erfährt, dass Meagans schwer kranke Mutter mittlerweile verstorben ist. Nähere Verwandte sind nicht auffindbar. Meagan wird wohl, bis sie erwachsen ist, mit ihren Schwestern Tina, 6, und Emma, 11, in Haus Nummer 8 wohnen.

Als Waisenkinder bildet das Geschwistertrio im SOS-Kinderdorf eine Ausnahme. Kapstadt ist einer der grössten Drogenumschlagplätze der Welt und weist eine hohe Alkoholmissbrauchsrate auf. «Häufiger kommt es vor, dass Kinder von ihren süchtigen Eltern vernachlässigt, verlassen oder missbraucht wurden. Wir versuchen, innerhalb der Familien zu helfen, aber die Härtefälle landen bei uns.» So auch Fatima. «Sie spricht nicht darüber, was passiert ist. Vielleicht erinnert sie sich gar nicht», sagt Memory. Aber sie weicht Männern konsequent aus. Sogar Lunga, dem Sekretär, der zwischen den Dorf-Müttern eine Art Vaterrolle innehat. «Ich glaube, Fatima ist als Kleinkind vergewaltigt worden.»

O ja, Tante Linda! Trag mich Huckepack!

Kindern wie Fatima Liebe zu geben, darin hat Memory ihre Lebensaufgabe gefunden. «SOS-Mutter ist man nicht für zwei Jahre. Man bleibt es - selbst wenn die Kinder erwachsen sind. Ich habe mich bewusst dafür entschieden.» Ursprünglich kam Memory aus Simbabwe nach Südafrika, um Geld für ihre eigene Familie zu verdienen. Sie hat zwei Kinder im Teenageralter, die daheim bei ihrer Schwester in Simbabwe leben und die sie nur alle zwei Monate für ein paar Tage sieht. «Das ist hart. Aber ich fühle mich gesegnet, dass ich hier die Aufgabe gefunden habe, das Vertrauen dieser Kinder zu gewinnen und ihnen eine neue Familie zu schenken.»

Das Vertrauen der kleinen Tina gewinnt Linda im Sturm. Als die grösseren Mädchen zum Schulbus rennen, bleibt die Jüngste allein zurück. Sie besucht den dorfeigenen Kindergarten. «Darf ich mit dir mitkommen?», fragt Linda. Tina ist von der Idee begeistert: «O ja, Tante Linda! Trag mich Huckepack!» Tinas Kindergartenfreunde wollen natürlich auch! Linda trägt jeden einmal im Kreis. Dann zeichnet sie Berge voller Schnee, kostet Muffins aus Sand und spielt Fangen. Memory beobachtet sie dabei. «Die Kinder mögen dich. Sie können fühlen, wer es gut mit ihnen meint. Du wärst eine tolle Mutter!»

Tatsächlich träumt Linda Fäh von einer eigenen Familie. Den richtigen Mann dazu scheint sie mit ihrem Freund Marco Dätwyler, 30, gefunden zu haben. «Hochzeit, Haus, Kinder - ja, das wünschen wir uns. Aber jetzt, wo ich sehe, wie anstrengend das ist, lasse ich mir wohl besser noch etwas Zeit.» Ihr Fokus, sagt die Schlagersängerin, liege im Moment auf der Musik. Am 21. März erscheine ihre erste Single, verrät sie voller Vorfreude. «Das Album kommt dann im Frühsommer!»

Am Nachmittag, als der Schulbus die älteren Kinder zurückbringt, versammeln sich alle auf dem Dorfplatz, wo Linda offiziell zur SOS-Kinderdorf-Botschafterin ernannt wird und endlich die mitgebrachten Toblerone verteilen kann. «Wie sagt man Danke in deiner Sprache?», fragt Meagan. Schon bald rufen 115 Kinderstimmen durcheinander: «Merci vilmal, merci vilmal.» Sogar Fatima lacht. Als es ans Abschiednehmen geht, drückt sie Linda ein Blatt in die Hand, auf dem in krakeligen Buchstaben steht: «Vom ersten Tag an warst du nett zu uns. Danke für die Schokolade! Ich liebe dich. Von Fatima.»

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