Ariella Kaeslin Lohn des Leidens

Tausende Stunden Training, 30 Sekunden Ruhm auf dem Siegerpodest. Ihre Heimat: die Turnhalle. Für Ariella Kaeslin hat sich die Plackerei gelohnt. Doch was treibt die erste Schweizer Turn-Europameisterin an?

Es ist diese schnelle Geste, die so viel über Ariella Kaeslin verrät. Sie ballt die rechte Hand zur Faust – weiss schimmert Magnesium –, zieht den Arm zurück, als ob sie vom dritten in den vierten Gang schaltet. Die 21-Jährige steht seit Olympia in Peking und seit sie Sportlerin des Jahres 2008 wurde, in der Öffentlichkeit. Sie hat gelernt, dass es besser ist, nicht zu viel von sich zu verraten. Doch jetzt gönnt sie sich vor den Fernsehkameras diese ­stille, kraftvolle Geste: Ja, geschafft!

Wenige Minuten später steht sie auf dem Siegerpodest in einer Mailänder Turnhalle, EM im Kunstturnen 2009. Aus dem Lautsprecher klingt ein «Arrriellla Kaaaeeeslin, Sviiizzera!». Ein Mann hängt ihr die Goldmedaille um, eine Frau drückt ihr einen Blumenstrauss in die Hand. Sie darf jetzt den Erfolg geniessen, dem viele Tausend Stunden hartes Training vorausgegangen sind.

Wenige Sekunden öffentlicher Ruhm, so lang wie die Kurzversion der Schweizer Natio­nalhymne. Sieg in der Disziplin Pferdsprung. Damit hat sie Sportgeschichte geschrieben. Keine andere Schweizerin holte vor ihr einen EM-Titel im Turnen.

Zurück im nationalen Leistungs­zen­trum Magglingen. Ariella steht neben einem Kaffeeautomaten und zeigt, wie ihre Faust, diese Siegerfaust, von innen aussieht: hart, knotig. Voller Schwielen, Hornhaut, Narben. Offene Blasen klebt sie fürs Training mit Tape ab.

«Man lernt im Kunstturnen sehr früh, die Zähne zusammenzubeissen», sagt sie. Ihre Hand­innenflächen sind eine Landkarte des Leids, ein Kompass durch 17 Jahre Kunstturnen. Mindestens 30 Stunden in der Woche ackern an Stufenbarren, Schwebebalken, Pferd.

Dann wirft sie ein paar Münzen ein, greift sich ihren Kaffee und eilt durch einen dunklen Gang zur Kabine. Es riecht nach Chlor, feuchtem Teppich. An der Wand orange Kästen. Viele sind dekoriert mit Aufklebern, Modefotos, lustigen Sprüchen. Auf dem der frischgebackenen Europameisterin klebt nichts. Nur die Spindnummer: 26.

«Bella Ariella» oder kurz «Ari» rufen sie ihre Freunde. Seit Kurzem auch «Goldhäsli». Man könnte sie auch «Die Unbeugsame» nennen. Eine, die sich nicht kaputtmachen lässt, die gelernt hat, in sich reinzuschauen und dann zu entscheiden, was ihr guttut. So wie vor zwei Jahren, als sich das Mädchen zusammen mit anderen gegen den damaligen Trainer Eric Demay aufgelehnt hat. Erst schloss sie der Verband zur Strafe vom nächsten Wettkampf aus; dann wurde doch der Trainer entlassen.

Am Tag zwei nach Mailand ruft Trainer Florian Martin seine Kommandos durch die Halle: Rad schlagen, Salto vorwärts, rückwärts, Pirouetten. Kaeslin, konzentriert, gibt den Takt vor. Die Kolleginnen, zwischen 14 und 20 Jahre alt, schauen, was sie macht, machen es nach. Martin sagt: «Sie ist nicht nur die Älteste im Team, sie ist das Vorbild für alle. Sie hat gezeigt, dass man es schaffen kann. Das motiviert die Jüngeren.»

«Man lernt im Kunstturnen sehr früh, die Zähne zusammenzu­beissen»

Ariella steht jetzt am Pferd. Barfuss, die Zehennägel rot lackiert. Schiebt den rechten Fuss vor, holt mit den Armen aus, sprintet los, aufs Sprungbrett, stützt die Hände aufs Pferd und landet nach einem Überschlag auf dem Rücken. 

Trainer Martin steht neben der Matte: «Den Grundstein für ihre Leistung hat sie vor vier Jahren gelegt. Sie hat sich nie hängen lassen, nie! Ist körperlich topfit. Stabilität und Kontinuität. Sie will siegen!»

Mit vier wusste Ariella, dass sie Kunstturnerin werden will. Eine, die
Medaillen gewinnt. Mit dreizehn entschied sie sich, nach Magglingen zu gehen. Von den Eltern, Bruder Fabio, den Freundinnen getrennt. «Das war das Härteste, was ich je gemacht habe», sagt sie. Aber: «Kunstturnen ist Akrobatik und Eleganz. Dafür muss man sein Leben geben, sonst kommt man nicht weit.»

Sie lernt, die Einsamkeit zu überwinden. Als andere Mädchen zum ersten Mal küssen, plagt sich Ariella mit Bauchmuskeltraining. Mutter Heidi ist Mental­trainerin, hilft ihr, damit fertig zu werden. «Ariella hatte ein Lieblingsstofftier. Ich erzählte ihr, wie es turnt, was es sich wünscht. Seine Ziele waren ihre Ziele.»

Ariella sitzt im Spagat auf dem Boden und dehnt ihre Muskeln. Über den Augen glitzert kein Schweiss, sondern silberner Lidschatten. Die Haare hat sie zu ihrem Rock-’n’-Roll-Rossschwanz gebunden, wie immer. Es vergehe kein Tag, an dem sie ohne Schmerzen sei, gibt sie zu: Ellenbogen, Achillessehne, Schultern.

Welche Medizin hilft gegen Körperleid? Positive Gedanken – ein Rezept der Mutter. «Früher habe ich oft gedacht: Wenn ich falle, enttäusche ich die anderen. Heute springe ich nur noch für mich.» Genauso münzt sie ihre Pigmentflecken, grosse weisse Stellen auf der Haut, in etwas Besonderes um: «Früher hat es mich gestört, heute ist es mein Markenzeichen.»

Knapp zwei Stunden später. Zurück in der Umkleidekabine. Kaeslin duscht, schlüpft in eine enge Jeans, schwarze Bluse, Lederjacke. Die Haare trägt sie jetzt offen. Ihre «Turn-Chicas», die so heissen, weil Turnkolleginnen so blöd klinge, stylen sich. Haare mit dem Glätteisen glätten, schminken. Und welches T-Shirt soll man nur anziehen!!??

Der Abend legt sich über das Trainingsgelände im Wald. Ariella und Linda Stämpfli tragen den gleichen Glitzerschal im Leo-Look. Sie machen viel zusammen: rackern, reden, reisen – zum Beispiel New York. «Die Chicas sind meine Ersatzfamilie. Ich sehe sie jeden Tag. Kann ihnen alles sagen. Wir haben keine Hemmungen voreinander und akzeptieren uns, wie wir sind», sagt Kaeslin.

Hat sich mit der Medaille etwas verändert? «Nein! Warum auch? Ich bin ja immer noch die Gleiche!»

Ein halbes Jahr später gewinnt Ariella Kaeslin die Silbermedaille an der WM. Hier finden Sie ein aktuelles Interview mit der Luzerner Kunstturnerin.

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