Er leitet das Orchester der Lucerne Festival Academy Matthias Pintscher ist der Maestro der neuen Klänge

Er ist ein weltweit gefeierter Star. Der Komponist und Dirigent Matthias Pintscher leitet das Orchester der Lucerne Festival Academy und verleiht der Musik unserer Zeit eine besondere Ausstrahlung.
Lucerne Festival Matthias Pintscher
© Stefan Deuber

Dirigent mit Neugier und Akribie: Matthias Pintscher probt mit dem Orchester der Lucerne Festival Academy.

Statt Frack und Fliege trägt er bei Konzerten ein schwarzes Shirt und ein dunkles Jackett. Seine Kurzhaarfrisur ist trendy, genau wie der Dreitagebart. Doch das sind Äusserlichkeiten. «Letztendlich spielt es keine Rolle, wie es aussieht, was eine Dirigentin oder ein Dirigent macht», sagt Matthias Pintscher, 47. «Das Wichtigste und Wesentlichste ist das klingende Resultat.»

Bei ihm klingt es ganz besonders. Darum ist er ein gefeierter Star in den bedeutendsten Konzerthäusern der Welt. Und das, obwohl – oder gerade weil – er seinem Publikum oft Klänge präsentiert, die sich grundlegend von einer geschmeidigen Mozart- oder Beethoven-Sinfonie unterscheiden.

Der rastlose Kosmopolit

Matthias Pintscher ist einer der angesehensten Dirigenten und ein bedeutender neuzeitlicher Komponist. Seine Musiktheaterwerke «Thomas Chatterton» und «L’Espace dernier» werden an der Dresdner Semperoper und der Opéra national de Paris uraufgeführt, seine Orchesterstücke von den Berliner und den New Yorker Philharmonikern, dem London Philharmonic, dem Chicago Symphony oder dem Cleveland Orchestra.

Lucerne Festival Matthias Pintscher
© Stefan Deuber
Musizieren in Jeans und T-Shirt: lockerer Dresscode bei der Probe der Lucerne Festival Academy.

Pintscher ist ein rastloser Kosmopolit. Er wohnt in New York, wo er die ständige Erneuerung liebt, und in Paris, wo ihn die «Bewahrung der erfahrenen Kultur», wie er sagt, geniesst. Sein Geburtsort ist die nordrheinwestfälische Stadt Marl. Inspiriert von seinen Eltern, begeisterte Hobbymusiker, entdeckt er als Kind seine Freude an der Musik: «Ich weiss noch, wie ich als kleiner Junge zu Hause vor dem Plattenspieler sass und mir vielleicht hundertmal den ‹Nussknacker› von Tschaikowsky angehört habe. So fasziniert war ich von dieser bilderreichen Musik.»

Talent, Arbeitseifer, Neugier

Er nimmt Geigen- und Klavierunterricht und entscheidet sich für ein Musikstudium. Es folgen erste Kompositionen, auch das Dirigieren macht ihm Spass. «Bei mir hat sich alles harmonisch entwickelt», sagt Pintscher. Sein grosses Talent, sein Arbeitseifer und seine Neugier wecken das Interesse des klassischen Establishments. Pierre Boulez wird sein Mentor. Komponisten wie Giselher Klebe, Manfred Trojahn und Hans Werner Henze zählen zu seinen Förderern genau wie Peter Eötvös, der ihn im Dirigieren unterrichtet.

Pintscher wird einer der erfolgreichsten Komponisten seiner Generation. Auch als Dirigent schafft er sich einen Namen. In Paris leitet er als Music Director das renommierte Ensemble intercontemporain. Auch bei den Berliner Philharmonikern, dem Cleveland Orchestra, dem New York und dem Los Angeles Philharmonic, dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam und vielen mehr steht er am Pult.

Lucerne Festival Matthias Pintscher
© Felix Broede
Matthias Pintscher (l.) und der künstlerische Leiter der Lucerne Festival Academy, Wolfgang Rihm.

«Wir sind kein Ausbildungsinstitut»

Mit Luzern verbindet Matthias Pintscher eine spezielle Leidenschaft. Zusammen mit dem künstlerischen Leiter, dem deutschen Komponisten Wolfgang Rihm, steht er der Lucerne Festival Academy vor und leitet ihr Orchester als «Principal Conductor». Eine Aufgabe, die ihn begeistert: «Luzern ist ein musikalisches Think Lab auf allerhöchstem Niveau. Es gibt kein vergleichbares Modell auf der ganzen Welt, das sich so spezifisch mit dem Repertoire unserer Zeit befasst.»

Lucerne Festival Matthias Pintscher
© Lucerne Festival
Festival-Intendant Michael Haefliger (l.) gratuliert Matthias Pintscher zu einer Aufführung.

Der Begriff «Academy» ist dabei nicht misszuverstehen: «Wir sind kein Ausbildungsinstitut», sagt Pintscher. «Die Lucerne Festival Academy ist ein Ort, wo sich Komponisten, Dirigenten und Interpreten von sehr hohem Niveau auf Augenhöhe begegnen, um gegenseitig ihre Kenntnisse und Erfahrungen auszutauschen und zu erweitern. Wir befassen uns mit Fragen wie: Woraus speist sich die Musik, die heute entsteht? Welchen Einfluss hat die Technologie? Wie verändert sich das Musikschreiben? Wie verändert sich die Aufführungspraxis?»

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© Stefan Deuber
Die Lucerne Festival Academy befasst sich intensiv mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.

«Es geht ums Zuhören»

Muss man als Zuhörer auch akademische Grade haben, um dieser Musik folgen zu können? «Überhaupt nicht!», sagt Matthias Pintscher. «Im Gegenteil: Ich wünsche mir, dass die Zuhörer sich so unbefangen in die Konzerte der Lucerne Festival Academy begeben, wie sie dies bei einem Bach-Konzert tun. Es geht nicht darum, die Musik zu verstehen, sondern einfach ums Zuhören. Kinder finden oft schneller den Zugang zu neuen Klängen. Ich bin überzeugt, ein Fünfjähriger kann heute von der zeitgenössischen Musik genau so begeistert sein wie ich damals, als ich zu Hause zum ersten Mal Tschaikowsky hörte.»

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