Die Sängerin sieht viele Gefahren in der Digitalisierung Warum Maja Brunner nie tindern wird

Internet kann Segen, aber auch Fluch sein. Die 67-jährige Schlagersängerin Maja Brunner erzählt im Interview, weshalb sie keine Dates auf Tinder sucht, wie sie mit Omis Whatsapp lernte, und warum ihr die Digitalisierung Sorgen bereitet.
Digitaltag Maja Brunner
© ZVG

Schlagersängerin Maja Brunner ist auch ohne Tinder glücklich.

Frau Brunner, was ist Tinder?
Ich habe den Namen zwar schon gehört, weiss es allerdings nicht. 

Eine Plattform, um potentielle Partner kennenzulernen und anhand der Bilder auszusortieren. Würden Sie sich auf einer solchen anmelden?
Nein. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Man kennt mich hier doch noch ein bisschen, weshalb ich nicht öffentlich nach einer Liebe suchen möchte. Und ausserdem suche ich keinen neuen Partner. Ich bin seit zehn Jahren allein. Und auch falls ich mich doch wieder verlieben möchte, glaube ich an die Chemie, die zwischen zwei Menschen persönlich herrscht, da bin ich ganz altmodisch.  

Was verbinden Sie mit dem Schlagwort «Digitalisierung»?
Ich verbinde damit Hektik und Präsenz. Denn durch das ständige Online-Sein ist die Welt schneller geworden, alle haben das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn sie nicht ständig online und damit präsent sind. Technik macht einen abhängig  und alles, was einen abhängig macht, ist nicht gut. Ich habe kürzlich mein Natel im Theater vergessen. Für mich ist das nicht tragisch, es ist mir schnurzegal. Während langer Jahre habe ich nach dem Motto gelebt, dass man einen Tag warten kann auf etwas; das muss doch auch heute noch gehen.

Technik macht einen abhängig 

– und alles, was einen abhängig macht, ist nicht gut

Sie sind weder auf Facebook noch auf Instagram. Wären diese Plattformen für Sie als Künstlerin zur Vermarktung nicht attraktiv?
Vor zehn Jahren hätte ich diese Plattformen wahrscheinlich genutzt, als ich von einem Konzert zum nächsten gefahren bin. Heute ist das nicht mehr der Fall und daher brauche ich das nicht. Alle Informationen zu meiner Person und meinen Auftritten finden meine Fans auf meiner Homepage. Und schliesslich erlebe ich die sozialen Medien durch meine jüngeren Kolleginnen hautnah mit. Beispielsweise bin ich häufig auf den Profilen von Viola Tami, mit der ich momentan fürs Stück «8 Frauen» auf der Bühne stehe. So bin auch ich  ein wenig zumindest  auf den Plattformen präsent. 



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Was hat sich in den vielen Jahren, die Sie schon in der Unterhaltungsbranche tätig sind, hinsichtlich digital und analog verändert?
Zum einen sind das natürlich die Tonträger. Meine erste Single zu Beginn der 1980er-Jahre ist auf Vinyl erschienen! Dann kamen die LPs, später die CDs, und heute werden die Songs fast nur noch hochgeladen. Wahrscheinlich dauert es nicht einmal mehr fünf Jahre, bis wir gar keine physischen Tonträger mehr haben. Auch hinsichtlich der Kontrolle hat sich viel verändert. 

Wie meinen Sie das? 
Es gibt viele Leute, die Musik illegal herunterladen. Das verstehe ich ein Stück weit, es sind junge Leute mit wenig Geld. Diese Art der Musikbeschaffung ist die Zukunft. Aber wenn niemand mehr bezahlt, hören Musiker auf, Musik zu machen, und das ist doch auch kein gescheiter Weg. Man muss den Leuten klarmachen, dass man jemandem den Lohn wegnimmt, wenn man Musik einfach so herunterlädt.  

Sie waren 20 Jahre lang als Sekretärin tätig. Würden Sie sich den Beruf heute noch zutrauen?
Ich denke schon. Die Mittel und Medien haben sich geändert, aber die Aufgaben sind dieselben geblieben. Ich weiss nicht, ob ich mit der Technik «z' schlag» käme, aber ich habe den Beruf ja erlernt, daher habe ich keine Angst. Und ausserdem habe ich alles Administrative während meiner langen Karriere selber gemacht. Das hat mich auch up to date gehalten. 

Wann haben Sie sich Ihr erstes Handy gekauft?
Das habe ich von Nokia geschenkt bekommen, als es die Handys ganz frisch gab. Das muss 1987, 1988 gewesen sein. Ich war eine der Ersten mit Handy. 

Welches Handy besitzen Sie heute?
Ich habe seit anderthalb Jahren ein iPhone 5 oder 6, ich weiss es nicht mal. Auf jeden Fall nicht so ein grosses, das mag ich nicht. 

Wie kommunizieren Sie mit Freunden und Familie?
Meistens telefonisch. Und am liebsten mit dem Festnetz, da kann man sich drauf verlassen. Und Sie sollten sehen, wie ich in diesem Moment dasitze: die Füsse oben, ganz bequem, wie man es sich vorstellt. Das geht wunderbar mit dem Festnetz, aber wenn ich mit dem Handy telefoniere, tut mir mein Ohr schnell weh und es wird heiss.

Maja Brunner
© Dukas

Da war noch einiges anders: 1992 präsentiert sich Maja Brunner am Mischpult. Die Lieder wurden damals noch auf physische Tonträger gedruckt. 

Wie gratulieren Sie Freunden zum Geburtstag? 
Ich schreibe ihnen eine Karte zum Geburtstag, ebenso wie zu Neujahr und zu Weihnachten. Eine SMS zum Geburtstag finde ich einen Blödsinn, das ist nicht persönlich. Man muss nur kurz den Knopf drücken, um eine Nachricht loszuschicken, die 200 andere Personen auch erhalten. 

Nutzen Sie Whatsapp? 
Ja, seit etwa anderthalb Jahren. Damals habe ich einen Handykurs gemacht bei Pro Senectute Glarus mit vielen ehemaligen Geschäftsfrauen im Rentenalter und alten Omis. Irgendwann will man es wissen. Es stinkt mir, immer zu fragen: «Was bedeutet das?» Man soll ja neuen Sachen gegenüber auch offen sein, der Kurs hat mir sehr geholfen. An Whatsapp habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Vor allem mit meinen jüngeren Freunden schreibe ich via Whatsapp, da ist jeden Tag etwas los. 

Wovon haben Sie zuletzt ein Foto geschossen?
Das war gestern Abend, als ich ein Foto von der Theatergarderobe gemacht habe. 

Wie finden Sie eine Adresse, an der Sie noch nie waren?
Mit Google Maps. 

Da sind Sie also digital unterwegs  Landkarten sind passé? 
Nein, die nehme ich 
nach einem Ereignis in Kroatien vor einem Jahr wieder mit (lacht). Wir verliessen uns voll aufs GPS, bis zur Grenze in Italien kannten wir den Weg sowieso. Doch als wir dann weiterfuhren, wars plötzlich fertig: Kroatien war nicht in unserem Programm – man wird auch einfach faul und verlässt sich voll aufs GPS. Jetzt habe ich, wie ich es früher auch hatte, wieder immer eine Landkarte dabei. Ausserdem informiere ich mich vorher und schaue zwischendurch auch auf einen Wegweiser. 

Aber Sie haben Ihr Reiseziel Kroatien erreicht?
Ja, aber wir waren eine echte Komiknummer (lacht). Mein Begleiter hatte zum Glück slowenische Freunde, die nicht weit von dem Ort wohnten, wo wir strandeten. Die haben wir angerufen und schlussendlich konnten sie uns sagen, wo wir hinmussten. 

Es kann doch nicht sein, dass man nonstop etwas machen muss am Apparat

Sitzt man im Zug, beobachtet man fast ausschliesslich Menschen, die auf ihr Smartphone starren. Was halten Sie davon?
Es kommt drauf an, was jemand macht. Vielleicht lesen die Menschen ja Zeitung. Aber ich habe den Eindruck, dass man sich heute nicht mehr zurücklehnen, sich keinen Moment der Ruhe gönnen darf. Es kann doch nicht sein, dass man nonstop etwas machen muss am Apparat. Ich persönlich schlafe sogar häufig ein im Zug, wenn es angenehm rattert. 

Sogenannte Influencer verdienen ihr Geld mit geschicktem Selbstmarketing, posten Bilder und machen damit Werbung. Wie stehen Sie dazu?
Kürzlich hat mich mein Bruder genau das gefragt: Was Influencer sind. Ich habe ihm erklärt, dass das nichts anderes als «Beeinflusser» heisse und dass diese Leute versuchen, andere zu beeinflussen. Ich denke, Influencer profitieren davon. 

Was halten Sie davon?
Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich lasse mich kaum beeinflussen. Ich gehe, seit ich denken kann, meinen Weg, ob er nun richtig ist oder auch falsch, und habe immer die Verantwortung getragen für mein Handeln. Mir tun die jungen Leute leid.

Weshalb?
Wenn zu meiner Jugend all das zur Verfügung gestanden wäre, wäre ich bestimmt auch ein Opfer geworden. Als junger Mensch ist man so leicht beeinflussbar, hat noch nicht seine Linie und seine Vorstellung. Man ist grossem Druck ausgesetzt, hat das Gefühl, auch mitmachen zu müssen. Das finde ich ganz schlimm. Nicht die heutige Zeit an sich, sondern das, was die Medien daraus machen. 

Würden Sie also «Früher war alles besser» unterschreiben?
Nein, denn es ist heute nicht besser. Aber es ist auch nicht schlechter, es ist einfach anders. Es hat auch früher viele Sachen gegeben, die nicht gut gewesen sind, vieles wird im Nachhinein verherrlicht.

 Es gibt keinen Tag, an dem ich nichts google

Worin sehen Sie die grösste Herausforderung in der Digitalisierung?
Ich sehe die Herausforderung vor allem bei jungen Eltern, die ihren Kindern den Umgang mit den neuen Möglichkeiten beibringen müssen.

Inwiefern ist der «Computer in der Hosentasche» für Sie Freund? 
Ich surfe viel im Internet. Es gibt keinen Tag, an dem ich nichts google. Und Youtube ist der Wahnsinn! Früher bin ich durch Musikläden gerannt, wenn ich etwas gesucht habe, und habe es meistens nicht gefunden. Das ist jetzt viel praktischer. Und auch sonst bietet das Smartphone Vorteile: Es gibt mir Sicherheit, das ist schön. Ich kann es mir ohne Handy nicht mehr vorstellen. Auch kann es einem den Druck wegnehmen, wenn man zum Beispiel im Stau steht und nur kurz anzurufen braucht, um die Verspätung zu melden. 

Und inwiefern Feind?
Ich persönlich sehe mehr negative Aspekte. Viele Personen laufen auf der Strasse rum, als würden sie Scheuklappen tragen. Mir ist Privatsphäre sehr wichtig: Die Transparenz im Netz macht mir Sorgen. Wir steuern auf Gewaltiges zu, und niemand kann das Ausmass davon abschätzen. 

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