Matthias Sempach am Unspunnen-Schwinget Die Kinder des Bösen

Mit Töchterchen Paula und Sohn Henry wird der Böse Matthias Sempach ganz sanft. Doch auf dem Schwingplatz ist er so hungrig wie eh und je. Auch wenn es ihm heute Sonntag am Unspunnen-Schwinget in Interlaken BE weniger gut läuft als erhofft.
Matthias Sempach vor dem Unspunnen Schwinget mit den Kindern
© Adrian Bretscher

Heidi Jenny und Matthias Sempach mit Sohn Henry und Tochter Paula: «Vorerst ist die Familienplanung abgeschlossen.»

Sie heissen Chrigu, Fridu, Anna oder Fors. Es sind nicht die Lebendpreise, die Schwingerkönig Matthias Sempach in seiner Karriere schon gewonnen hat. Sondern die Holzfiguren seines Sohnes Henry. Der Zweieinhalbjährige hat rund 50 Muni, Kühe, Pferde und Geissli in seinem Holzstall. «Zwischen Henry und mir ist also etwa Gleichstand», sagt der 31-Jährige über die familieninterne Tiersammlung und lacht.

«Die Begeisterung für Kühe hat er eindeutig von Mättu», sagt Sempachs Partnerin Heidi Jenny, 35. Und auch die zweite grosse Leidenschaft, das Schwingen, teilen Vater und Sohn bereits. Zumindest als Zuschauer. «Hopp! Hopp!», ruft Henry und klatscht dabei euphorisch in die Hände. In der Spielzeug-Schwingarena auf dem Wohnzimmerboden duellieren sich Stucki Chrigu und Sempach Matthias im Sägemehlring.

Matthias Sempach vor dem Unspunnen Schwinget mit den Kindern
© Adrian Bretscher

Gemeinsame Leidenschaft: Die Mini-Schwing-Arena und die Pilgram-Holzfiguren begeistern Matthias Sempach und Sohn Henry.

Eine interessiert das alles noch nicht: Die fünf Monate alte Paula – der Name bedeutet auf Lateinisch «die Kleine» – liegt in ihrer Babyhängematte und schaukelt friedlich dösend hin und her. Auch wach bleibt sie mucksmäuschenstill. Die Kuschel-Attacke ihres grossen Bruders lässt sie mit leicht verdutztem Blick und stoischer Ruhe über sich ergehen. «Sie ist das pure Gegenteil von Henry, der schon von klein auf ein Zabbli war», sagt Heidi. Als hätte er es gehört, springt er aufs Sofa und macht einen Überschlag.

Matthias Sempach vor dem Unspunnen Schwinget mit den Kindern
© Adrian Bretscher

Kaum etwas bringt die kleine Paula, geboren am 24. März 2017, aus der Ruhe. «Ich bade sie, mache mit ihnen Mittagsschlaf oder lese Geschichten vor», sagt Matthias Sempach.

Am 24. März, also kurz vor Beginn der Freiluft-Schwingsaison, sind Matthias Sempach und seine Heidi zum zweiten Mal Eltern geworden. Es folgt eine schöne, aber zugleich hektische Zeit für die Familie. Denn für den Spitzenschwinger ist die aktuelle Saison mit dem Unspunnen Schwinget, das nur alle sechs Jahre stattfindet, eine besonders wichtige. Wo der König dieses Jahr antrat, war er regelmässig erfolgreich: Sieg am Oberaargauischen und am Schwarzsee, Dritter am Bern-Jurassischen und am Emmentalischen.

Aber da waren eben auch gravierende Verletzungen, die ihn zurückwarfen: eine Oberschenkelzerrung im Juni und Zerrungen des Knie-Aussenbands und des hinteren Kreuzbands sowie ein Muskelfaserriss am Wadenansatz einen Monat später. Erst seit zwei Wochen kann er wieder Schwingtrainings bestreiten. Trotzdem ist Sempach zuversichtlich, am Saison-Highlight in Interlaken BE wieder 100 Prozent fit zu sein. «November bis April habe ich sehr gut trainiert und dort die Basis gelegt. In Interlaken ist der Sieg das grosse Ziel. Eine andere Variante, einen Plan B, habe ich nicht im Kopf.» Das Unspunnen ist zusammen mit dem Kilchberger das zweitwichtigste Schwingfest nach dem Eidgenössischen. Diese Auszeichnung fehlt ihm noch. Im dritten Anlauf solls klappen.

Matthias Sempach vor dem Unspunnen Schwinget mit den Kindern
© Adrian Bretscher

Schwingerkönig Matthias Sempach liest seinen beiden Kindern ein Bilderbuch vor.

Die Annahme, ein Spitzensportler habe in Verletzungsphasen mehr Freizeit – und in Sempachs Falle mehr Zeit für die Familie –, ist meist ein Irrtum. Neben seinem 40-Prozent-Pensum als Verkaufsberater eines Futtermittelproduzenten und Auftritten für Sponsoren standen für Sempach täglich Physiotherapie oder Kraft- und Konditionstraining in Magglingen und einmal wöchentlich Mentaltraining auf dem Programm. Umso mehr geniesst Sempach die rare Zeit zu Hause mit seiner Familie in Alchenstorf im Emmental. Wickeln, spielen, Liedchen singen: Bäpu Mättu hilft eigentlich überall mit, «aber einfach weniger oft als Heidi», sagt er. «Ich bade die Kleinen, mache mit ihnen Mittagsschlaf oder lese ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte vor.» Nur eine Aufgabe übernimmt das Mami alleine: das Aufstehen und Stillen in der Nacht. «Ich habe deswegen schon ein bisschen ein schlechtes Gewissen.» Aber genügend Schlaf, mindestens acht Stunden, sind für ihn als Sportler zentral.

Ein Glück, dass Töchterchen Paula den Alltag nicht allzu sehr auf den Kopf stellt. In mancher Hinsicht sei es sogar einfacher geworden. «Henry schläft sogar besser, seit er mit Paula das Zimmer teilt.»

Im Hause Sempach-Jenny gibt es wenige, aber klare Regeln. Bitte und Danke sagen ist Pflicht. Mit dem Handy rumspielen darf Henry nur in absoluten Ausnahmefällen. «Wir möchten, dass die Kinder einfache Dinge schätzen lernen, wissen, woher ihr Essen kommt, und realisieren, dass nicht alles selbstverständlich ist.» Nicht in allen Erziehungsfragen hat das Paar die genau gleiche Meinung, trotzdem ziehen die beiden an einem Strang. «Ich bin wohl etwas weniger konsequent als Heidi, aber wir lassen einander machen.»

Einig sind sie sich beim Thema Hochzeit und Familienplanung. «Im Moment stimmts für uns so, wie es ist», sagt Mättu, um dann doch noch anzufügen: «Falls wir nach meiner Karriere noch ein Kind haben, würde ich mich revanchieren und mich auch nachts um das Baby kümmern!» Vorerst ist das noch hypothetisch. Und die nächsten Ziele sind sportlicher Natur. Denn Sempach ist auch als zweifacher Familienvater genauso siegeshungrig wie eh und je: «Auf dem Schwingplatz schmerzt eine Niederlage noch immer gleich. Wären dieser Ehrgeiz und dieser Siegeswille nicht mehr da, ist es Zeit, aufzuhören.»

Bis Saisonende ordnet die Familie alles dem Schwingen unter. Dabei können Sempach und Jenny auch auf die Hilfe ihrer Verwandtschaft zählen. Wenn die PR-Fachfrau an eineinhalb Tagen pro Woche Administrationsarbeiten für ihren Mann erledigt, passt seine Mutter auf die Kinder auf, sporadisch an Abenden übernimmt eine von Heidis vier Schwestern oder ihr Mami den Hütedienst.

Am Unspunnen diesen Sonntag muss Sempach auf seine Freundin und die Kinder vor Ort verzichten. Ein solch grosses Fest ist noch zu anstrengend für die Kleinen. Wer weiss, vielleicht kommt ihr König mit Siegermuni Gottlieb nach Hause. Sohn Henry würde sich garantiert mindestens so freuen wie sein Papi. Und vielleicht wird dann sogar Paula vom Schwingvirus angesteckt.

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