Ihr neues Leben in St. Gallen

Matthias und Cornelia Hüppi werden Grosseltern

Vom Moderationspult auf den Präsidentensessel, vom Aargau zurück in seine Heimat: Für Matthias Hüppi geht als Chef des FC St. Gallen ein Traum in Erfüllung, den er gar nie hatte. Doch nicht nur der neue Job ist ein neuer Abschnitt im Leben des Paares. Auf Hüppi und seine Frau Cornelia wartet auch noch eine ganz andere neue Aufgabe: Ein Enkelchen. 

Neue Perspektiven Cornelia und Matthias Hüppi auf den St. Galler Drei Weieren. Für ihn ist es eine Heimkehr, sie, die Bündnerin aus Klosters, ist wieder näher an ihren geliebten Bergen.  

Fast könnte man meinen, der Messias sei in die gottesfürchtige Textilstadt hinabgestiegen. «Herr Hüppi! Gott sei Dank, sind Sie da und bringen unseren FC wieder auf die Beine. Dangge vill mool!» Die junge Frau bei den Drei Weieren hoch über St. Gallen lässt kurz ihren Kinderwagen stehen, um dem neuen Präsidenten des ältesten Fussballklubs von Kontinental-Europa die Hand zu drücken. Sie ist in guter Gesellschaft mit ihrer Euphorie.

Wo sich der 59-Jährige an diesem sonnigen Wintertag mit seiner Ehefrau Cornelia, 50, zwischen Rosenund Freudenberg auch bewegt – überall gibts entgegengestreckte Hände und herzliche Begrüssungen durch Passanten jeden Alters und Geschlechts. «Jo, dangge ebefalls. I gib mis Bescht!», antwortet Hüppi und lacht sein polterndes Lachen, das uns während fast vier Jahrzehnten am Bildschirm von SRF Sport begleitet hat.

 
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Arbeitsplatz Hüppi im Kybunpark. «Ich glaube nicht, dass ich ein Angebot eines anderen Klubs angenommen hätte.»
 
 

Heimatgefühle – nicht nur für St. Galler. Hüppi ist längst eine nationale Institution. Doch jetzt haben sie ihn wieder für sich, da draussen, am Ostrand der Schweiz, wo man oft etwas um sein regionales Selbstbewusstsein kämpft. Der FC im modernen Kybunpark stiftet traditionell etwas davon.

Und nun ist dort Hüppi der Chef. Schluss mit Grabenkämpfen und Machtspielen rund um die Klubführung. Der neue Hirte enttäuscht seine Gemeinde nicht. Seit er Mitte Januar im Amt ist, hat er personell «aufgeräumt», mit Alain Sutter auch eine Ikone des Schweizer Fussballs als Sportchef installiert. Genau, was man sich von ihm erhofft hat.

Dabei ist es an diesem 13. November letzten Jahres noch nicht einmal der Ansatz einer Überlegung für Matthias Hüppi, das Fernsehen nach mehr als einem halben Leben zu verlassen und beim FCSG anzuheuern. An der GV will er als Kleinaktionär seinem Bruder Michael die Ehre erweisen, der aus dem Verwaltungsrat verabschiedet wird. 

 
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Zeitreise An exakt dieser Stelle, auf dieser Bockleiter, hat Matthias Hüppi als Knirps vor gut 50 Jahren mit Bruder Michael die FCSG-Spiele im alten Espenmoos geschaut.
 

Fast käms nicht dazu. «Er fühlte sich krank an diesem Morgen, und in Zürich verpasste er am Abend noch den Anschlusszug», erinnert sich Cornelia Hüppi. «Es ist wohl Schicksal, dass er es doch an die Versammlung schaffte.» Denn ab da nimmt alles unvermeidlich seinen Lauf.

Von Bier und Bratwurst zum Präsidenten

 

Bei Bratwurst und Bier bringt der TV-Mann nach der GV einige Ideen in die Diskussion über die Zukunft des Klubs ein. Einzelne Hauptaktionäre hören interessiert zu und bitten Hüppi, seine Gedanken in einem Dossier niederzuschreiben.

Er tut es – und verschickt dann seine Grundsatzgedanken an die Eigentümer mit dem Einleitungsvermerk: «Dies ist KEIN Bewerbungsschreiben!» Dafür aber so überzeugend, dass ihn dennoch die Rückmeldung erreicht: Du kannst gleich anfangen – als Präsident im Vollamt.

Cornelia unterstützt ihren Mann

Hüppi fällt aus allen Wolken. Aber als spontaner Mensch sucht er für sich dennoch die Antwort auf eine Frage, die er sich nie gestellt hatte. «Ich bin kein Unternehmer, kein Zahlenmensch, kein Manager. Und ich wollte nicht weg vom Fernsehen, weil es mir noch immer gefiel. Aber ich bin kommunikativ und habe die Gabe, Menschen für eine gemeinsame Sache zu begeistern und zusammenzubringen.

Und ich kann zuhören.» Hüppi trifft sich nochmals mit den Verantwortlichen, will Bedenkzeit. Nicht nur er beginnt, sich ernsthaft mit der Idee auseinanderzusetzen. «Ich spürte, dass es ihn mehr und mehr reizt», sagt Cornelia. «Und ich zweifelte nicht daran, dass er es kann. Also hatte er meine volle Unterstützung, falls er zusagen würde.»

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Auf die Zukunft Matthias und Cornelia beim Mittagshalt im typisch St. Gallischen Erststock-Restaurant zur Alten Post. Senf zur Bratwurst? Kein Thema!
 
 

Nach einigen schlaflosen Nächten sagt Hüppi am 3. Dezember Ja zum FCSG. Knapp drei Wochen nach der ersten Anfrage aus heiterem Himmel. «Es Affetempo!», nennt Hüppi das. Von Anfang an war für ihn aber klar, dass er nur zusagt mit dem Support seiner Frau.

«Das Präsidium bei St. Gallen ist unser gemeinsames Projekt. Hätte sie nicht zugestimmt, wäre ich bei SRF geblieben. Nie würde ich unsere Beziehung und die Familie für meinen Beruf aufs Spiel setzen.» Das weiss auch Cornelia: «Unser Familienleben ist seit je nach Matthias’ Karriere ausgerichtet. Das war nie ein Opfer für mich. Und Matthias in einem Job ohne Rampenlicht? Undenkbar!»

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Unaufhaltbar Hüppi beim Hadwigschulhaus, wo er Teile seiner Primarschulzeit absolviert hat. «Ich war fast öfter beim Tschutten auf dem Vorplatz als im Schulzimmer.»
 
 

Mit dem Grosskind beginnt noch ein neuer Abschnitt

Auch die Kinder Sarina, 29, Emanuel, 27, und Mirja, 22, haben die Hüppis in dieses «gemeinsame Projekt» einbezogen. Zwar wohnt nur noch die Jüngste zu Hause, doch vor dem Entscheid tauscht sich Matthias Hüppi mit allen drei aus. 

«Immer, wenn Sarina, die in der Nähe von Biarritz wohnt, in der Schweiz ist, richten wir es ein, dass wir familiäre Themen diskutieren. Der Zufall wollte es, dass sie gerade in den Wochen meiner Entscheidung hier war. Alle drei haben mich nach einer ersten Verwunderung bestärkt, zuzusagen.»

Tochter Sarina ist es auch, die noch ein neues Kapitel in der Familie einläutet. Im April 2018 macht sie Cornelia und Matthias Hüppi zum ersten Mal zu Grosseltern. «Wir haben brutal Freude, dass wir Grosi und Grospapi werden», sagt der baldige Opa und lächelt stolz und in voller Breite. 

Hüppis wollen keine Wochenendbeziehung

Wichtig für Hüppi, denn seinen Herzensklub will er mit den Prinzipien führen, die in der Familie gelten: «Gegenseitige Wertschätzung, Respekt und eine offene, ehrliche Kommunikation leben wir auch zu Hause.» Mit dem Entscheid für eine völlig unerwartete berufliche Zukunft wird auch ihr Privatleben auf den Kopf gestellt. Seit gut 30 Jahren wohnen sie imeigenen Einfamilienhaus in Berikon AG am Mutschellen. «Ein Haus, das uns am Herzen liegt, weil es mit uns gewachsen ist, von uns mit Leben ausgefüllt wurde.»

Trotzdem ist unvermeidlich, dass sich der Lebensmittelpunkt von Matthias Hüppi nach und nach in seine Ostschweizer Heimat zurückverlegt. «Ich will ein nahbarer Präsident sein, erreichbar für alle Fans, ob Fan-Kurve oder Cüpli-Loge.» Klar wird auch Cornelia ihre Zelte nun zumindest zeitweise im Osten aufschlagen. Vorerst beziehen die Hüppis eine Wohnung im Stadtzentrum. «Wir wohnen da tageweise, nicht ich», sagt Matthias. «Eine Wochenendbeziehung ist für uns kein Thema.» Cornelia kann auch von da aus ihrer Teilzeittätigkeit bei einer sozialen Stiftung in Zug nachgehen.

Die Zeit ist reif für neue Projekte

Vor einem vollständigen Umzug nach St. Gallen haben beide keine Angst. «Wir spüren seit etwa zwei Jahren, dass die Zeit allmählich reif ist für neue Projekte in unserem Leben», sagt Matthias. «Dazu gehört halt auch, dass man sich in eine neue Umgebung einzupflanzen bereit ist.» Nur: Langsam müsste diese Loslösung von Berikon ablaufen, wo man ein sehr starkes soziales Umfeld habe, ergänzt sie und nennt es «wegwachsen in eine neue Heimat».

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Historisch Hüppi weiht seine Frau auf dem Klosterplatz in die Geschichte seiner Heimatstadt ein. «Ich kannte St. Gallen aber bereits recht gut», sagt sie.
 
 

An diesem Wintertag zeigt Matthias Hüppi seiner Cornelia die alte und neue Heimat. Klosterplatz, altes Espenmoos, Drei Weieren, Olma-Gelände. Das Kulturleben St. Gallens haben sie bereits früher ausgetestet, das ist ihnen wichtig. Und als Matthias beim Essen in der «Alten Post», einem der traditionsreichen Erststockrestaurants in der Altstadt, gefragt wird, ob er Senf zur Bratwurst möchte, tönts entrüstet: «Jo wohrschinli!» Breitester Sanggaller-Dialekt, den Hüppi nie abgelegt hat. «Weshalb auch?»

«Ich bin noch lange nicht der Sibesiech»

Irgendwann beim Stadtbummel, nach der x-ten Begrüssung durch Unbekannte, sagt Matthias Hüppi: «Ich hoffe, ich enttäusche niemanden zu sehr im neuen Amt. Es gibt mit meinen Kollegen viel zu entscheiden, auch Unpopuläres.

Aber ich habe beim Fernsehen im Lauf der Jahre eine dicke Haut bekommen. Und nur weil ich Präsident bin, bin ich noch lange nicht der Sibesiech am Platz.» Aber ein bisschen Messias für St. Gallen halt schon, obs ihm gefällt oder nicht.

Iso Niedermann am 16. Februar 2018, 11.30 Uhr