Weltfrauentag Maya Onken: «Der Frauentag ist bloss ein PR-Gag»

Am 8. März begehen Frauenorganisationen weltweit den Internationalen Frauentag, der im Kampf um die Gleichberechtigung gegründet wurde. «Ein einzelner Tag nützt nichts», findet Maya Onken. «Man müsste jeden Tag zum Tag der Frau machen.»
«Frauen wie Alice Schwarzer hätten eine Statue auf dem Escher-Wyss-Platz verdient», sagt Maya Onken.
© RDB/Sobli/Siggi Bucher «Frauen wie Alice Schwarzer hätten eine Statue auf dem Escher-Wyss-Platz verdient», sagt Maya Onken.

SI online: Maya Onken, wie wichtig ist der Weltfrauentag?
Maya Onken:
Früher habe ich gedacht, er sei wichtig, bis ich gemerkt habe: Er ist eigentlich nur ein PR-Gag. Da wird ein Tag im Jahr wieder einmal über die Frauen geredet – dabei sollte man das täglich tun! Ein einziger Tag bewirkt keine Veränderung.

Das klingt resigniert, dabei arbeiten Sie täglich für die Sache der Frau.
Resignieren tue ich nie im Leben. Aber wenn man das ganze Jahr nichts für die Frau tut, nützt ein einziger Tag nichts. Im Frauenseminar arbeiten wir ständig für die Frau, da müssen wir uns nicht an einem Tag ein Kränzlein winden.

Letztes Jahr hat Charlotte Roches Buch «Schossgebete» eine neue Feminismus-Debatte ausgelöst, nachdem Roche öffentlich forderte, Alice Schwarzer solle abdanken. Haben Sie sich darüber geärgert?
Ja! Wer so etwas sagt, kennt die Geschichte der Frauen zu wenig, ist sich offenbar nicht bewusst, dass vor 100, nein, vor 50 Jahren noch der Mann über die Frau bestimmte! Alice Schwarzer war eine der ganz grossen Kämpferinnen, die mit den Messern im Mund noch weitergesprochen hat. Ich finde es sehr vermessen, wenn junge Frauen so über sie reden. Frauen wie Alice Schwarzer hätten eine Statue auf dem Escher-Wyss-Platz verdient! (lacht)

Gibt es überhaupt eine Gruppe unter den selbst ernannten «jungen Feministinnen», welche die Frauen mit neuen Ideen voranbringen?
Nein, ich erkenne kaum Bewegung. Diese Femen zum Beispiel [ukrainische Aktivistinnen für die Rechte der Frau, Anm. d. Red.] sind einfach krass, jedoch bezweifle ich, dass sie ihre Message wirklich klar machen können – oder ob die Männer nicht doch einfach gern ihren Busen anschauen. Aber diese Frechheit, Provokanz fehlt in der Schweiz völlig, hier gibt es keine Szene.

Was kann denn jede einzelne Frau konkret tun, um die Situation der Frau im Allgemeinen zu verbessern?
Man muss bei sich selber anfangen, die eigenen Kompetenzen finden und zur Blüte bringen. Viele getrauen sich nicht, sich einzubringen. Deshalb sollte man einander auch gegenseitig helfen, weiterzukommen, Missgunst und Eifersucht sind fehl am Platz. Und auf einer höheren Ebene ist es wichtig, dass Frauen in Politik und Wirtschaft Top-Posten übernehmen. Der Frauenspirit soll alltäglich sein, nichts Spezielles!

Dazu bräuchte man doch erst einmal die viel diskutierte Quote.
Ich bin für die Quote. Sie wäre ein gutes Mittel, um eine Basis zu schaffen. Es braucht sie sozusagen als «Geburtshilfe», damit Frauen Fuss fassen in Wirtschaft und Politik. Man sagt gerne und schnell, «wenn eine Frau gut ist, wird sie es auch ohne Quote schaffen». Das stimmt nicht, da wirken zu viele Mechanismen mit. Männer fördern Männer.

Können sie in Ihren Lehrgängen am Frauenseminar konkrete Erfolgserlebnisse miterleben?
Ja, in jedem Grundlagenkurs. Da gibt es Frauen, die engagieren sich zu Beginn des Kurses «ein bitzeli» in einem Verein. Nach den 16 Tagen übernehmen sie das Präsidium! Oder andere, die ihre Stelle kündigen und sich getrauen, sich für einen höheren Posten zu bewerben. Und diesen auch kriegen.

Am Frauenseminar arbeiten Sie an der Basis. Frustriert es Sie nicht, wenn auf einer höheren Ebene weiterhin nicht viel passiert? Frauen immer noch weniger verdienen, weniger Spitzenpositionen besetzen, sich berufstätige Mütter immer noch öfter rechtfertigen müssen als berufstätige Väter?
Einerseits schon. Andererseits spornt es mich grad doppelt an: jetzt erst recht! Meine beiden Töchter sind erst neun und zwölf Jahre alt, zudem bin ich am Frauenseminar stark eingebunden. Darum gebe ich momentan in meinem Rahmen und mit meinen Möglichkeiten Vollgas. Aber die Schweiz kann sich noch auf etwas gefasst machen, wenn meine Kinder älter sind, werde ich lauter! (lacht)

Werden Sie in die Politik einsteigen?
In der Politik muss man sich auf eine Richtung konzentrieren. Ich habe Mühe, mich in ein vorgegebenes Leitsystem einbinden zu lassen, dafür bin ich viel zu eigenbrötlerisch. Die Politik ist mir zu langfädig, und Schwarz-Weiss-Denken ist mir fremd, ich denke breit. Meine Mutter hat mir vorgemacht, dass man mit anderen Möglichkeiten Veränderungen bewirken kann. Das scheint mir die bessere Lösung für mich zu sein. Wenn Politik, dann eine eigene Partei gründen - die Frauenpartei.

Maya Onken ist Direktorin und Dozentin des Frauenseminars Bodensee, Autorin, Tänzerin und zweifache Mutter. Im Herbst erscheint ihr neues Buch «Nestkälte» über Dreiecksbeziehungen.

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