Das persönliche Interview mit Beat Schlatter «Meine Schamgrenze ist hoch»

In seinem soeben angelaufenen Kinofilm «Flitzer» ist eine Socke sein wichtigstes Kostüm: Schauspieler Beat Schlatter wäre beim FCZ gerne Torschützenkönig und wünscht sich eine Pille zur ewig schlanken Figur. Er verrät auch, warum sich nach seinem Tod die Zürcher über Gratiswürste freuen können.
Beat Schlatter
© René Ruis

Ab dem 12. Oktober 2017 ist Beat Schlatter im Schweizer Kinofilm «Flitzer» zu sehen.

Beat Schlatter, Sie flitzen gerade nackt über die Schweizer Leinwände: Hatten Sie Mühe sich nackt auszuziehen?
Ja. Meine Schamgrenze ist hoch. Wenn es für die Aufnahmen nicht zwingend nötig war, hatte ich eine Socke mit einem Gummi angebracht. Damit ich sicher war, dass das beim Rennen über der Rasen auch wirklich hält, bin ich damit zuvor ein paar Mal durch meine Wohnung gerannt.

Viele Prominente wie Moritz Leuenberger, Ancillo Canepa, Bendrit, Gilbert Gress, Rainer Maria Salzgeber, Büne Huber, Jörg Stiel und Christian Stucki sind im Film Flitzer zu sehen. Wem attestieren Sie das grösste Schauspieltalent?
Alle haben es grossartig gemacht und sorgen im Film für Highlights. Der sympathische Chrigel Stucki, der bei uns einen köstlichen Bauarbeiter ohne Text spielt, zeigt, dass er allein mit seiner Körpersprache hätte eine Karriere machen können in der Stummfilmzeit.

Die Leute wetten auf Flitzer… was war ihre absurdeste Wette? Was war ihr Einsatz?
Im Jahr 2008 habe ich der Prognose eines Muotataler Wetterschmöckers meinen Glauben geschenkt, dass es einen sehr kalten Winter gibt und habe deshalb gewettet, dass der Zürichsee gefrieren wird. Wie sie wissen, ist er nicht gefroren. Und einmal habe ich an einem Schwingfest in einer Wette mit Bundesrat Ueli Maurer meine dritte Säule verwettet. Um was wir genau gewettet haben weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur noch, dass er gewonnen hat und mir den Betrag irgendwann erlassen hat. Dafür bin ich ihm dankbar.

Ich kaufe jedes Jahr ein GA und bin der Meinung, dort ist die Schmerzgrenze stark überschritten.

Was ist das schwierigste bei einer Komödie zu machen?
Es braucht eine komische Grundidee, die zuvor noch niemand hatte. Eine Komödie muss die Realität verdichten und sie leicht überspitzen. Die hohe Kunst dabei ist, dass die Personen in der Komödie, in all ihrem Tun glaubhaft bleiben. Als Schauspieler suche ich zuerst die Verletzlichkeit in der zu spielenden Figur, und die Gags und Pointen müssen direkt aus ihr heraus gespielt werden. Erst dann beginne ich die Dialoge Wort für Wort abzuklopfen und langsam in sie hinein zu schlüpfen. Ganz am Schluss bestimme ich noch den Rhythmus.

Welches Gemüse sollte verboten werden? Und Sie - was wären Sie für ein Gemüse oder was für eine Frucht?
Ich finde der Kürbis wird allgemein stark überschätzt. Aber ich sehe keinen Grund ihn deshalb um seine Daseinsberechtigung zu bringen. Ich selber mag sehr gern an der Sonne ausgereifte Zitronen und Orangen frisch ab dem Baum. Ich sehe mich selber aber nicht in der einen noch in der anderen Frucht.

Bei wieviel Franken pro Liter Benzin wäre für Sie die Schmerzgrenze erreicht?
Aus Parkplatzgründen in Zürich-City, wo ich wohne, habe ich seit 20 Jahren kein Auto mehr. Ich kaufe jedes Jahr ein GA und bin der Meinung, dort ist die Schmerzgrenze stark überschritten. Beim letzten Preisaufschlag muss der Preisüberwacher in den Ferien gewesen sein.

Wahrscheinlich hätten mich meine Eltern Heidi, Vreni oder Susi getauft.

Um wie viel Prozent müssten Sie ihr Arbeitspensum reduzieren, damit Sie massiv glücklicher wären?
Ich glaube nicht, dass wir Künstler, durch weniger Arbeit glücklicher werden. Wenn ja, ist es ein oberflächliches Glück.

Wie hätte Ihr Vorname als Mädchen gelautet?
Chanel Horthensia Federica Maria Schlatter. So würde ich als Frau gerne geheissen. Aber wahrscheinlich hätten mich meine Eltern Heidi, Vreni oder Susi getauft.

Als Sie Kind waren: Was hat Ihre Mutter/Ihr Vater Ihnen da immer gesagt?
„Häsch d’Händ gwäsche?“ „“Uf em Heiweg nöd no lang umestah“, „Vorher no s’Zimmer uf’ruume“, „D’Öpfel am Baum g’höred am Nachbar“, „Bisch du das gsi?“, „Hüt bliebsch Dihei“, „Morn gseht alles wieder anderscht us“.

Wann haben Sie zuletzt etwas Selbstgebasteltes verschenkt? Was? Wem?
Meinem Freund, dem Sportchef Fredy Bickel habe ich zu seinem letzten runden Geburtstag ein selbstgemaltes Bild geschenkt. Eine realistische, in Öl gemalte Naturlandschaft, auf die aus dem Himmel blutrote Bälle fallen. Er hat es aufgehängt.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie den Teller nicht leeressen?
Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich jemandem nicht den nötigen Respekt schenkte, oder wenn ich Details, in denen viel Liebe stecken, übersehe. Aber ganz sicher nicht wenn ich einen Teller, den man mir übervoll hinstellte, nicht leer esse.

Was für ein Hintergrundbild hat Ihr Handydisplay?
Gegenwärtig ein Bild vom heiligen Antonius. Er ist gut zu mir. Wenn ich das Handy verlege, sorgt er dafür, dass ich es immer wieder finde.

Heiliger Antonius
© Istockphoto
Privat vertraut Beat Schlatter, 56, auf die Heiligen.

Haben Sie einen Organspendeausweis?
Das habe ich. Wenn man anderen Menschen in lebensbedrohlichen Situationen helfen kann, darf es keine Grenzen geben. Allerdings habe ich von all meinen Organen meine Leber ausgeschlossen. Die ist niemandem mehr zumutbar.

Welche Musik soll an Ihrer Beerdigung gespielt werden?
An der Beerdigung meines kürzlich verstorbenen Vaters hat Christian Häni von der Band „Halunke“ gespielt. Er hat ein Lied geschrieben das heisst „Paradies“. Es ist eines der berührendsten neuen Schweizer Lieder.

Haben Sie ein Tattoo?
Ich wollte mir als 18-Jähriger, wie ein richtiger Seebär, den Namen meiner damaligen grossen Liebe auf den Arm tättowieren lassen. Zum Glück habe ich das nie gemacht. Die Frau lebt heute im Hochland von Nepal und ernährt sich von Heuschrecken und wildem Honig. Ein Freund von mir hatte es damals schlau gemacht. Er liess sich den Namen seiner damaligen grossen Liebe „Marianne“ in asiatischer Schrift tättowieren. Er ist auch längst nicht mehr mit ihr zusammen. Wenn ihn heute jemand fragt, was das Tattoo auf seinem Arm heisst, sagt er: „Immer bei Dir“.

Über welche Tat/Aussage von Ihnen wird man noch lange nach Ihrem Ableben reden?
In meinem Testament habe ich veranlasst, dass es, nach meinem Ableben, solange mein noch vorhandenes Vermögen reicht, immer am Dienstag zwischen 15 und 16 Uhr, am Bellevue in Zürich am Sternengrill, die Kalbsbratwurst gratis ist.

Die bisher beste Idee Ihres Lebens? Die dümmste?
Aktuell betrachte ich die Grundidee, auf der die Kinokomödie „Flitzer“ steht, immer noch als eine sehr tragende Idee. Nicht meine beste Idee war womöglich meine Erfindung vom sprechenden Grabstein. Meine Idee war es, dass man zu Lebzeiten auf Tonband, mündlich für die Hinterbliebenen, Botschaften hinterlässt. Im Grabstein wird ein Lautsprecher eingebaut. Beim Besuch auf dem Friedhof kann man am Grabstein den Verstorbenen mit einem Knopfdruck dann sprechen hören. Ich war mir sicher, dass mir mit dieser Idee der japanische Markt zu Füssen liegen wird. Dem war leider nicht so.

Beat Schlatter
© Keystone

In den 80ern war Beat Schlatter Schlagzeuger bei den Punkpionieren von LiLiPUT.

Welchen Wunsch haben Sie endgültig begraben?
Das sind leider sehr viele: Dass ich Stürmer beim FCZ werde und so viele Tore schiesse, dass der FCZ Schweizermeister wird, oder dass ich vom Alkohol nie mehr einen Kater kriege, oder dass ich nie mehr zum Zahnarzt muss, oder dass ich wie die Helden in der Bibel Wasser in Wein verwandeln kann. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass ich für einen guten Tropfen weiterhin zum Weinhändler gehen muss.

Welche Ihrer Eigenschaften möchten Sie Ihren Kindern vererben? Welche keinesfalls?
Ich möchte dass sie gute, einfühlsame Zuhörer werden und an der Gesellschaft teilnehmen. Auf keinen Fall dürfen sie geizig und humorlos sein.

Welche Pille sollte erfunden werden?
Da fehlt es noch an einigen Pillen: Eine Pille die beim Steuererklärung ausfüllen Glücksgefühle verbreitet, oder eine Pille, mit der man in der Nacht wie die Eulen sehen kann, oder eine Pille, die macht, dass man im Winter nicht mehr kalt hat, oder eine Pille, die macht, dass man alles Essen kann, ohne dabei dick zu werden.

Als Sie 16 waren: Wie sah da Ihr Zimmer aus?
Mit 16 war ich ein rechter Angeber und habe in der Schule erzählt, dass ich meinen Töff mit in mein Zimmer nehmen darf, und dass ich direkt neben meinem Töff schlafe. In Wirklichkeit hatte ich ein sauber aufgeräumtes Zimmer. Die Wände waren voll mit den Postern aus der Zeitschrift Pop. Ich erinnere mich noch an die Poster von Alice Cooper, Eric Clapton und Jo Siffert.

Der beste Ratschlag, den Sie je bekommen haben?
„Mach immer nur etwas auf einmal, und das sorgfältig.“ Und der zweite gute Ratschlag habe ich von dem verstorbenen Künstler Martin Kiepenberger: “Heute denken, morgen fertig“.

Was hatten Sie als Kind für einen Spitznamen?
Als Kind haben mir meine Eltern „Böbeli“ gesagt, später in der Schule nannten sie mich „Schlatti“. Für diese Namen bin ich heute auf beiden Ohren taub.

Flitzer
© Alexandra Pauli

In seinem soeben angelaufenen Kinofilm «Flitzer» ist eine Socke sein wichtigstes Kostüm.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schulschatz?

Sehr genau. Sie hiess Angelika Assfalk, hatte lange braune Haare und „Märzetüpfli“ im Gesicht. Sie war schlagfertig und konnte Gitarre spielen und dazu singen. Ich hatte manche schlaflose Nacht wegen ihr und konnte es kaum erwarten bis am nächsten Tag die Schule beginnt. Obwohl dort von Seiten der Lehrer für mich selten etwas erfreuliches wartete.

Wer ist Ihr bester Freund(in)?
Die wichtigste Person in meinem Leben, intellektuell wie emotional, ist Frau Fischer.

Über welches Geschenk haben Sie sich zuletzt gefreut?
Am meisten freue ich mich über ehrlich gemeinte Komplimente. Gestern hat mir auf der Strasse eine Frau Danke gesagt, dass sie sich im Kino beim Flitzer so gut amüsiert hat.

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